Messeneuheit: Kleines, dickes Origami

Der erste Cebit-Tag steht ganz im Zeichen der "Origami"-Initiative. Erste Fotos und heimlich vorgezeigte Prototypen heizen die Neugierde an. Kein Zweifel: Hier ist Microsoft und Intel ein echter Scoop gelungen - mit einer völlig neuen Geräteklasse.

Es ist nicht das erste Mal, dass die PC-Industrie versucht, den Verbrauchern Rechner in Taschenbuch-Größe schmackhaft zu machen. Schon Anfang der Neunziger boten einige Hersteller sogenannte "Palmtops" an, die Aufgaben zwischen Mini-Schreibmaschine und Organizer stemmen sollten. Ein großer Erfolg wurden sie nicht, dafür einige Jahre später von den noch kleineren PDAs beerbt und verdrängt. Ihre anderen Nachfahren, die vor Jahren von Microsoft forcierten "Tablet-PCs", fristen dagegen ein Nischen-Dasein.

Diesmal könnte das anders aussehen.



Seit Microsoft mit viralen Werbemitteln begann, gezielt indiskret, vorgeblich geheimnistuerisch für ein Projekt namens "Origami" zu trommeln, fragt sich die Fachwelt, ob man einen "Ultra Mobile PC" (UMPC), wie Microsoft-Partner Intel das nennt, wirklich braucht. Christian Morales von Intel bejaht diese Frage ohne jede Einschränkung. Als Vermarkter des Konzeptes muss er das - doch die Aufregung, die Intel und Microsoft sowie ihre Hardware-Partner Samsung, Asus und Founder mit ihren ersten Origami-PCs auf der Cebit verursachen spricht dafür, dass er recht hat. Das Interesse an den kleinen Dingern könnte größer kaum sein.

Obwohl eigentlich erst heute die Origami-Katze aus dem Sack gelassen werden sollte, häuften sich seit gestern die Indiskretionen. An den Ständen der UMPC-Hersteller brauchte es so viel Überredungskunst gar nicht, um schon einmal einen Blick auf die kleinen Dinger werfen zu dürfen. Und siehe da: Stimmt der Preis, könnten die was Großes werden.

Offiziell wurde die neue Geräteklasse "zwischen PDA und kleinem Notebook" im Rahmen einer Intel-Pressekonferenz am Donnerstagmorgen vorgestellt. Christian Morales von Intel und Bill Mitchell von Microsoft stellten die bisher verfügbaren Geräte und Prototypen per Diashow vor.

Gesteuert werden die Origamis in der Regel über einen per Finger oder Stylus-Stift bedienbaren berührungsempfindlichen Bildschirm, Dreh- oder Klapptastaturen wird es aber wohl auch geben.

Beeindruckend spielerisch mutet die Touchscreen-Navigation an, die nicht nur (wie man das von PDAs kennt) über das "Antippen" von Navigationssymbolen läuft: Aus jedem laufenden Programm heraus kommt man zu den Standard-Anwendungen, indem man mit dem Finger einen Signal-Buchstaben auf den Bildschirm malt. In der englischen Version führt ein "h" auf dem Bildschirm so zurück zum "home" - zur Anfangsseite. Diese Kurzbefehle sind frei konfigurierbar und vereinfachen die Navigation enorm. Statt sich durch menüs zu hangeln, "zappt" man hier per Fingerbewegung zu "m" wie Musik - oder wohin auch immer man will.

"Origami" ist kein Gerät, sondern ein Standard: UMPC

Die Geräteklasse verbindet eine Reihe an technischen Spezifikationen: Innen pulsen Pentium M oder Centrino-M-Prozessoren von Intel, das Betriebssystem basiert auf Windows XP Tablet. Die Umstellung auf Vista ist bereits geplant. Microsoft liefert eine für Origami-PCs optimierte Software-Suite zu, zu der unter anderem ein "optimierter Mediaplayer" gehört.

Denn ganz offen bewerben die Entwickler die UMPCs als multimediale, mobile Spaßgeräte mit ausgeprägten Musik-, Film- und Internet-Kapazitäten.

Deutlich machen das auch die vorinstallierten, per Touchscreen steuerbaren Spiele. Für manch Süchtigen mag der Origami-PC so zum tragbaren Soduko-Rätselgenerator werden. Die Vernetzung geschieht sowohl per Bluetooth als auch per W-Lan. Und ja, natürlich seien die Geräte auch prächtig geeignet, sich darauf unterwegs Filme anzusehen, sagte Morales.

Viel mehr ist bisher nicht bekannt: Obwohl erste Geräte wohl innerhalb "kürzester Zeit" im Handel landen sollten, wird an der Hardware offensichtlich noch geschraubt. Samsung bezeichnet das heute vorgestellte Modell als Prototyp, und Intel gab bekannt, weiter an einer Optimierung der "Ultra Low Voltage"-Chips für die UMPC-Geräte arbeiten zu wollen. Ziel ist dabei eine weitere Absenkung des Energieverbrauches und der damit verbundenen Hitzeentwicklung der Prozessoren "um den Faktor Zehn".

Außer diversen Hardware-Unternehmen ist es Microsoft offenbar auch gelungen, Unternehmen als Partner für spezielle Inhalte-Angebote zu gewinnen. Genannt werden hier (natürlich) MSN, aber auch AOL und Yahoo. Preise wollen oder können Intel und Microsoft dagegen bisher nicht nennen, "unter 1000 Euro" sollen sie liegen, hieß es gerade einmal. Das wäre allerdings eine Menge Geld für einen mobilen Computer, der anscheinend vor allem Spaß machen soll.

Mehr zu Origami in der Asus- und Samsung-Version: Details zu den ersten verfügbaren UMPC-Typen

Frank Patalong, Christian Stöcker

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