Microsoft-Photosynth Aus Schnappschüssen werden 3D-Bilder

Davon haben Hobbyfotografen lange geträumt: Vollkommen automatisch erzeugt ein neuer Web-Service aus Digitalfotos dreidimensionale Panoramen. Spezialkenntnisse oder teure Software braucht man dafür nicht. Eine Digicam und ein PC reichen aus.

Von


Wie cool ist das denn? Man schießt einfach ein paar Fotos von einem beliebigen Motiv, lädt die Fotos auf eine Web-Seite und die macht daraus ein 3D-Bild, das man von allen Seiten betrachten, es drehen und Details vergrößern kann. Geschafft hat diesen Trick der Windows-Konzern Microsoft. Dessen neues Bilderwerkzeug Photosynth soll es jedermann ermöglichen, aus Urlaubsfotos oder sonstigen Schnappschüssen beeindruckende 3D-Panoramabilder zu machen - und das auch noch kostenlos.

Die Idee ist nicht neu. Schon 1999 stellte Apple Quicktime VR vor. Das Kürzel VR steht dabei für Virtuelle Realität. Damals war man eben noch ganz unbescheiden und bezeichnete alles, was irgendwie räumlich war als VR, heute ist das 3D. Auf Tausenden Web-Seiten kann man bewundern, was sich damit anfangen lässt, virtuelle Hausbegehungen beispielsweise. Ein großer Fan von Quicktime VR ist die Autoindustrie. Sie nutzt 3D-Panoramen, um Kaufinteressenten via Web einen räumlichen Eindruck von ihren neuesten Fahrzeugen zu geben.

Einen gewaltigen Unterschied zwischen Quicktime VR (QTVR) und Photosynth gibt es dann aber doch: Um ein QTVR-Panorama zu erzeugen, braucht man eine spezielle Autorensoftware, die leicht ein paar hundert Euro kosten kann. Für perfekte Aufnahmen ist zudem ein spezielles Panorama-Stativ mit Drehteller nötig, das ebenfalls nicht billig wird. Und schlussendlich muss man sich erst mühsam in das Produktionsverfahren einarbeiten, Software und Technik kennenlernen.

Alles auf Automatik

Bei Photosynth, so verspricht es Microsoft, soll das ganz anders sein. Die neue 3D-Software funktioniert vollkommen automatisch, braucht keinerlei Handreichungen durch den Anwender. Alles, was der Nutzer tun muss, ist, seine Bilder auf Microsofts Photosynth-Seite hochzuladen und den Bearbeitungsvorgang anzustoßen. Den Rest übernimmt Microsofts Server. Ein wenig Geduld sollte man aber schon mitbringen. Denn selbst über eine DSL-Leitung kann es schlimmstenfalls Stunden dauern, bis man seine Bilder auf den Microsoft-Rechner übertragen hat.

Hersteller von Speicherkarten werden sich über Microsofts neue Technik freuen. Mit Photosynth bekommen endlich auch riesige Datenspeicher für Digitalkameras einen Sinn. Wer sich bisher gefragt hat, wozu man wohl mehr als 500 Fotos auf eine einzige Speicherkarte aufnehmen soll, bekommt die Antwort von Microsoft geliefert. Denn Photosynth ist ganz unbescheiden, fordert von seinen Anwendern ein paar Dutzend, besser gleich ein paar Hundert Fotos ein, um daraus ein räumliches Bild zu erzeugen.

Nur für XP und Vista

Ohnehin taugt der Photosynth nicht für jedermann. Das liegt zum einen daran, dass die Software nur mit Windows XP und Vista zusammenarbeitet. Ältere Windows-Versionen, Macs und Linux-Rechner bleiben ausgeschlossen. Außerdem wird ein Gigabyte Arbeitsspeicher empfohlen, zur Not sollen aber auch 256 MB ausreichen. Für Nutzer, die sich nur die hübschen 3D-Bilder anschauen wollen, ist allerdings eine möglichst schnelle Grafikkarte empfehlenswert, da doch einige Pixel über den Bildschirm bewegt werden müssen.

Beim eigentlichen Fotoshooting gibt es nur wenig zu beachten. Ein Stativ oder gar einen Drehteller braucht man nicht. Stattdessen reicht, die Fotos locker aus der Hand zu schießen. Wichtig für ein gutes Ergebnis ist nur, und darauf weist Microsoft unablässig hin, möglichst viele Schnappschüsse zu machen. Das alte Motto "Viel hilft viel" hat hier auf jeden Fall Geltung. Wichtig auch: Man sollte aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln und Entfernungen fotografieren. Auf diese Weise kann man sich später im fertig zusammengesetzten 3D-Bild nicht nur durch einen Raum oder um einen Gegenstand herumbewegen, sondern außerdem auch in das Bild hineinzoomen, um einzelne Details zu betrachten.

Kein Raum für Privatsphäre

Was allerdings nicht oder nur schlecht funktioniert, sind einfarbige oder spiegelnde Flächen, Wasser und ähnliche homogene Motive. Besser geeignet sind Gegenstände und Räume mit einer rauen Oberfläche, vielen Farben und Details. Solche Motive geben der Software die Möglichkeit, Übereinstimmungen zu suchen, anhand derer die Bilder räumlich zusammengesetzt werden.

Wer jetzt seine eigenen 3D-Bildchen zusammenstückeln lassen will, braucht zunächst eine Windows-Live-ID. Das ist lästig, aber logisch. Schließlich ist der Dienst vollkommen kostenlos, soll aber wenigstens als Kundenfänger für Microsofts Online-Services dienen. Zu beachten ist auch, dass nichts, was man in den Photosynth wirft, privat bleibt. Jeder Besucher der Microsoft-Seite kann die dort angelegte 3D-Panoramen nach Belieben durchstöbern. Und das auch noch in Gänze: Jedes einzelne Bild eines Panoramas ist von jedermann abrufbar, auch wenn das Panorama aus Hunderten Fotos zusammengestellt wurde.

Auch für die eigene Web-Seite

Ein hübsches Spielzeug ist der Bilder-Synthesizer aber auch trotz seiner großen Offenherzigkeit, und einfach zu bedienen ist er sowieso. Freunde wird er vor allem finden, weil man die dort erzeugten Bilder problemlos auch in eigene Web-Seiten einbauen kann. Den notwendigen HTML-Code erzeugt Photosynth auf Knopfdruck.

Auf diese Weise könnte man potentiellen Käufern auch ohne Besichtigung zeigen, dass der via Web angebotene Gebrauchtwagen frei von Blechschäden ist. Oder man erzeugt ein Panorama vom Urlaubsort, das alle Daheimgebliebenen neidisch macht - sofern sie sich das Photosynth-Plug-in installieren.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.