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Mobiles Marketing: Plakatwand baggert Handys an

Von Helmut Merschmann

Glückliche Menschen auf bunten Plakaten waren gestern. Der Kunde von heute bekommt Reklame direkt aufs Handy, sofern er Bluetooth eingeschaltet hat. In Berlin werden jetzt die ersten funkenden Plakatwände aufgestellt.

Harmlose Passanten, die in den nächsten Tagen über den Ku'damm flanieren, werden sich wundern, wenn ihr Handy ständig summt und weder ein Anruf noch eine SMS sie erreicht. Stattdessen meldet sich die Bluetooth-Schnittstelle des Mobiltelefons. "Ein Download liegt für Sie bereit", steht auf dem Display zu lesen.

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Bluetooth: Handys werden angefunkt
Lädt man die Inhalte herunter, stellt man fest, dass man sich nichts anderes als Reklame eingehandelt hat. Für den neuen Blockbuster-Film auf dem großflächigen Plakat am Kinopalast gibt es den passenden Filmtrailer. Für die an der Bushaltestelle beworbene Dolby-Surround-Anlage werden Produktdetails geliefert. Und der Coffeeshop um die Ecke bietet einen Rabatt-Coupon für eine Tasse extra Kaffee.

Dahinter steckt die Wall AG, ein deutscher Außenwerber, der seine leuchtenden Produkte gern vornehm "Stadtmöbel" nennt. Neben City-Toiletten, Litfasssäulen, City Light Boards und Stadtinformationssystemen hat man nun Bluetooth als zusätzliches Medium fürs Marketing entdeckt. "Außenwerber träumen davon, dass die Plakatwände elektronisch werden", sagt Daniel Wall, Marketing-Vorstand der Wall AG, "Bluetooth ist ein erster Schritt in diese Richtung. Wir wollen die Papierplakate interaktiv machen".

Ende September fand an drei exponierten Stellen in Berlin ein Testlauf statt. Am Ku'damm, am Potsdamer Platz und in der Friedrichstraße wurden Plakatvitrinen für 18 Tage mit Bluetooth-Sendern ausgestattet. Als Download lagen zwei Bilder und ein erläuternder Kurztext bereit. Die Aktion fand heimlich ohne Vorankündigung statt und sollte die Akzeptanz dieser Art von Kundenansprache ausloten. Verblüffendes Ergebnis: Insgesamt 26.205 Passanten mit einer offenen Bluetooth-Schnittstelle wurden gezählt, wovon 1223 den Download betätigten, ohne zu wissen, was sie erwartet.

Keine Angst vor Datenklau

"Erstaunlich war für uns festzustellen, dass hier offensichtlich eine Marktlücke vorherrscht", erläutert Marketing-Leiter Philipp Lehmkuhl. Erstaunlich erscheint indessen auch, wie viele Leute mit aktiviertem Bluetooth durch die Stadt laufen - von dabei bestehenden Sicherheitsrisiken scheinen sie noch nie etwas gehört zu haben. Dritte könnten ihr Telefonbuch auslesen - oder gar eine Internetverbindung aufbauen - auf Kosten der ahnungslosen Handybesitzer.

Für die Wall AG ist die Naivität der Handybesitzer hingegen ein Vorteil.

Schon mit einem anderen Projekt hatte der Außenwerber Neuland in Sachen elektronisches Marketing beschritten. Seit April hat das Unternehmen in Einkaufszonen und an touristenreichen Orten in Berlin und Freiburg/Breisgau Terminals aufgestellt, von denen man City-Infos abrufen und im Internet surfen kann. Vor allem nahe gelegene Gewerbetreibende - Cafés, Hotels, Clubs - machen auf diese Weise auf sich aufmerksam.

Zusätzlich sind die Terminals, die sich "Bluespot" nennen, mit kostenfreiem WLan ausgestattet. Praktischerweise lassen sich die am Terminal eingeholten Informationen gleich auf das eigene Handy bringen, indem man seine Nummer eingibt und danach eine SMS mit den gewünschten Daten erhält.

Die für Anfang 2006 zusätzlich geplanten 25 Bluetooth-Sender ergänzen das Bluespot-System. Eine völlig neue Form der Kundenansprache wird möglich: Weil der Konsument den Download ja genehmigen muss, kann der Werber sich seiner gesteigerten Aufmerksamkeit sicher sein - ganz anders als bei Plakatwänden.

Blinkende Sterne zeigen Infrarotschnittstelle

Zielgruppe sind die unvermeidlichen, technikaffinen Zwanzig- bis Vierzigjährigen mit entsprechend ausgestatteten Endgeräten. Auf diese hatte es auch eine im Dezember deutschlandweit gestartete Aktion des Versandhauses Quelle abgesehen. An 1500 Standorten wurden Plakatvitrinen mit sogenannten Mobilepoints ausgerüstet.

Ein darauf abgebildeter Weihnachtsengel hielt einen blinkenden Stern in der Hand und markierte die Infrarot-Schnittstelle, über die man an einer Verlosung von Einkaufsgutscheinen teilnehmen konnte.

Datenschutzrechtliche Bedenken werden sowohl von Quelle als auch von der Wall AG mit dem Hinweis auf die Einhaltung der Richtlinien zerstreut. Immerhin werden via Bluetooth und Infrarot der Handytyp, die Gerätenummer sowie Datum und Uhrzeit übermittelt. Bei Infrarot zusätzlich auch die Handynummer. Daraus lassen sich schöne Kundenprofile erstellen. Noch allerdings ist die elektronische Direktwerbung nicht gestattet. Zusätzliche Werbe-SMS seien nicht zu befürchten, wird versichert.

Ohnehin hat Mobile Marketing den Vorzug, dass man nicht daran teilnehmen muss. Einfach Infrarot und Bluetooth ausschalten - und man hat seine Ruhe.

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