Mozillas Ideenfabrik Surfen 2018

Das Open-Source-Projekt Mozilla lebt von den Ideen und der Arbeit zahlloser Freiwilliger, mit durchschlagendem Erfolg: Der Community-Browser Firefox gilt als erstklassig. Mozilla aber will mehr, als den nur weiterentwickeln - und wagt den Blick in die Zukunft des Webs.


Was kommt nach Firefox? Die Frage treibt die Mozilla-Community tatsächlich um - und gemeint ist nicht Version 4, 5 oder 6: Im Rahmen der "Mozilla Labs" basteln die Open-Source-Programmierer an Konzepten, wie es weitergehen könnte mit dem WWW. Die Betonung liegt auf dem Wort Konzept, denn der Aufruf zum gemeinsamen Brainstorming ist gewollt unkonkret. Es geht nicht darum, dass heute Machbare zu entwickeln, sondern gemeinsam darüber zu spinnen, was morgen machbar sein könnte.

Und dafür braucht man kein Programmierer zu sein. Mozilla ruft die Nutzerschaft dazu auf, einfach Ideen beizusteuern - und in Texte gefasste Ideen sind dabei so willkommen wie grafische Entwürfe oder Filme.

Wie immer bei Mozilla legen die Profis vor. Als erstes veröffentlichten die Mozilla Labs vor wenigen Tagen zwei "Aurora" benannte Filme, die professionell eine Zukunft visualisieren, in der PC-Desktop und Browser kaum mehr als solche zu erkennen sind. Offensichtlich will man damit zeigen, wie weit die Ziele gesteckt sind: Die in den Filmen gezeigten Techniken sind an der Grenze des heute Umsetzbaren.

Anders als heute stellt sich diese Browser-Zukunft als höchst dynamisch, visuell ansprechend und eng mit dem PC-Desktop verbunden dar. Eine Trennung zwischen verschiedenen Programmen und Inhalten ist kaum mehr zu spüren: Alles ist mit allem vernetzt und verbunden, und der Browser als eigentlicher Desktop des Rechners wird zur Darstellungsfläche für alle denkbaren Inhalte.

Das ist natürlich Science Fiction, aber im eigentlichen Sinne des Wortes: Es denkt bereits sichtbare Trends nach vorn. Besonders deutlich wird das im zweiten Teil des Aurora-Videos, in dem das Thema Mobilität zum Zuge kommt. Man mag darüber lächeln, wie da zwei Senioren mit mobilem Surfgerät in der Hand ihre Städtetour ganz flexibel planen, aber es entspricht dem Hoffen auch der Entwickler aus der Telekommunikationsbranche. Und man erkennt: Erst, wenn alles miteinander vernetzt ist, sind solche mobilen Dienste wirklich reizvoll.

Man kann natürlich darüber streiten, ob die hochgradig visuellen Schnittstellen, die sich die Designer hier erträumen, wirklich leichter zu nutzen wären. Man kann auch in Frage stellen, ob etwa die von Aza Raskin erträumte Bookmark-Verwaltung nicht zuviel vom Nutzer verlangt - Ordnung zum Beispiel, denn funktionieren würde sie nur, wenn der Nutzer konsequent mit Bookmark-Ordnern arbeiten würde.

Aber nein, erfahren wir: Erstens wäre der Browser ja so intelligent, die gemerkten Seiten selbst in passenden Ordnern abzulegen. Zum zweiten wären alle Inhalte so intelligent mit Metatags versehen, dass man sie auf allen möglichen Wegen wiederfinden würde - bis hin zum Kontext, in dem sie abgespeichert wurden. Denn das Gedächtnis des Browsers würde sich sogar merken, welche Musik im Hintergrund lief, als der Nutzer das Lesezeichen anlegte - und wie das Wetter an jenem Samstag war. Hier und da schwankt man da emotional durchaus zwischen Bewunderung für die Idee und Angst vor den Konsequenzen in Bezug auf Privatsphäre und Datenschutz.

Aber all das sind ja auch keine konkreten Produkte, noch nicht einmal Pläne: Es ist ein großes "Wünsch Dir was!" für Entwickler und Web-Nutzer. Man kann das als pfiffigen Marketing-Gag verstehen, oder als Versuch ernstnehmen, "von unten" die zukünftige Entwicklung von Internet-Technologien mit zu beeinflussen. Spaß macht es allemal, sich anzusehen, was die dort zusammenspinnen. Spinnen Sie doch mal mit.

pat

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