Multimedia-Möbel: Microsoft bittet zu Tisch

Aus Las Vegas berichtet

Technische Spielerei oder zukunftsweisende Anwendung? Auf der CES zeigt der Windows-Konzern einen computerisierten Digital-Tisch, dessen Fähigkeiten per Fingerzeig nutzbar sind. Ein erster Test zeigt: Das Konzept könnte aufgehen.

Die junge Frau wirbelt mit ihren Händen über den Tisch, wirft einen Stapel Bilder auf die Oberfläche, sortiert sie um, verdreht sie und schiebt sie zu Stapeln neu zusammen. Bis zu diesem Augenblick könnte sich die Szene in jedem Haushalt abspielen. Dann aber tut sie etwas, das man mit Fotos normalerweise nicht tun kann: Sie vergrößert und verkleinert die Bilder, holt Bildausschnitte näher heran, verändert die Farben.

So etwas funktioniert natürlich nur mit digitalen Bildern. Und das ist auch des Rätsels Lösung: Die junge Frau heißt Vanessa, ist Marketing-Managerin und sitzt an einem ganz besonderen Tisch, dem Microsoft Surface Table, der auf der Hightech-Messe CES erstmals einem größeren Publikum gezeigt wird.

Das Elektronik-Möbel ist der ganze Stolz der Microsoft-Entwicklungslabors – und das mit Recht. Denn was man da zu sehen bekommt, ist beeindruckend. Die Oberfläche des Tisches wird fast vollständig von einem Bildschirm eingenommen. Normalerweise bildet er eine seidig schwarze Oberfläche. Kommt man ihm jedoch mit einem elektronischen Gerät nah oder führt bestimmte Handbewegungen aus, wird er aktiv.

So einfach wie ein iPhone

Was das bedeutet, demonstriert Vanessa, indem sie eine Digitalkamera einschaltet und einen Schnappschuss macht. Bei dem Gerät handelt es sich um ein Modell von Canon, eine Ixus-Kamera mit W-Lan-Fähigkeiten. Das merkt auch die Elektronik des Tisches, stellt automatisch eine Verbindung her, lädt die Bilder aus der Kamera und stellt sie als virtuellen Fotostapel dar. Den durcheinander zu werfen, bedarf es nur einer flüchtigen Handbewegung.

Die Funktionen des Tisches lassen sich nämlich wie bei iPhone und iPod touch per Fingerzeig auslösen und steuern. An der Realisierung dieser Idee arbeitet Microsoft schon seit einigen Jahren. Jetzt ist das Projekt soweit, das es kommerziell nutzbar wird. Bis es soweit war, mussten die Entwickler allerdings etliche knifflige Aufgaben lösen.

Zu den schwierigsten zählte die Programmierung der berührungsempfindlichen Oberfläche. Schließlich soll der Tisch von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden können. Anders als beim iPhone reicht es also nicht, die Bewegungen von zwei Fingern auszuwerten. Theoretisch, so Entwickler Robert Warnick, gebe es dafür kein Limit.

Aus praktischen Gründen habe sich das Entwicklerteam aber entschieden, vorerst die Bewegungen von maximal 52 Fingern gleichzeitig auszuwerten. Die Begründung: Als derzeit härteste Anforderung kämen Multiplayer-Spiele mit vier Teilnehmern in Frage. Ausgehend von zehn Fingern und drei Spielfiguren pro Mitspieler kommt man so auf die selbst gesteckte Begrenzung (4 x (10+3)).

Nobelrestaurant oder Spielcasino?

Für die Anwendungen, die Vanessa auf der CES demonstriert, ist aber selbst das noch viel zu viel. In Microsofts Vorstellung könnte der 5000 bis 10.000 Dollar teure Tisch in Restaurants Verwendung finden. Speisekarten etwa könnten bunt bebildert dargestellt und durchgeblättert werden. Zum Wein würde Information über dessen Charakter und Winzer angezeigt werden. Sogar Mashups sind denkbar. So zeigt die Microsoft-Mitarbeiterin, wie die Tischoberfläche per Fingerzeig durch eine digitale Landkarte ersetzt wird, die genau anzeigt, aus welcher Region und welchem Anbaugebiet der Rebensaft stammt.

Eine ganz andere zukünftige Anwendung zeichnet sich allerdings bei einem Blick auf die Liste von Microsofts Partnern ab, die an der Entwicklung des Digital-Tisches beteiligt sind. Zu denen gehört auch das Unternehmen Harrah’s Entertainment, ein Konzern, der diverse Hotels und Casinos auch in Las Vegas betreibt. Diese Firma dürfte großes Interesse daran haben, die Microsoft-Technologie in digitalen Spieltischen zu verwenden – schließlich sind auch die meisten der weltberühmten Einarmigen Banditen längst mit Digitaltechnik ausgestattet.

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