Musik-Tauschbörse Napster kämpft um die Normalität

Das Jahr 2001 dürfte zum Schicksalsjahr für die Musik-Tauschplattform Napster werden. Zum einen kommen neue Konkurrenten auf den Markt, zum anderen muss sich zeigen, ob das bislang geheim gehaltene neue Geschäftsmodell überhaupt etwas taugt.


Los Angeles - Napster-Chef Hank Barry hat nach eigenen Worten für das neue Jahr zwei gute Vorsätze: Den Erfolg von Napster auf eine solide Basis zu stellen und weniger Kaffee zu trinken. "Mein Ziel ist, dass Napster als richtiges Unternehmen gedeiht", sagt Barry. Die bisher kostenlose Tauschbörse solle durch die geplanten Abonnentengebühren ein Stück Normalität auf dem Musikmarkt werden. Sollte dies nicht gelingen, wäre allerdings sein zweiter Vorsatz in Gefahr: Barry will statt einem dreifachen Milchkaffee nur noch einen einfachen trinken.

Partner: Napster-Chef Hank Barry (links) und Andreas Schmidt von der Bertelsmann eCommerce Group
AP

Partner: Napster-Chef Hank Barry (links) und Andreas Schmidt von der Bertelsmann eCommerce Group

Barry, der als Kapitalgeber bei Napster eingestiegen war, hatte im Mai vergangenen Jahres auf dem Chefsessel des Internetunternehmens Platz genommen und seitdem eine wahre Achterbahnfahrt miterlebt. Internationale Musikkonzerne verklagten Napster wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen im Internet und bedrohten somit die Existenz des Unternehmens. Der Beliebtheit der Tauschbörse, die vom 20-jährigen Schulabbrecher Shawn Fanning gegründet worden war, tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil, mittlerweile hat Napster rund 40 Millionen registrierte Nutzer weltweit.

"Wir haben ein ziemlich detailliertes Modell"

Ende Oktober platzte dann die Bombe: Der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann scherte aus der Reihe der anderen Unternehmen aus und verband sich mit Napster zu einer strategischen Allianz und will nun einen kostenpflichtigen Abonnenten-Service aufbauen. Barry hofft, dass man nun zu Anfang des neuen Jahres Näheres zum neuen Geschäftsmodell veröffentlichen kann. Branchenbeobachter hatten bezweifelt, dass es angesichts der rechtlichen und technischen Unwägbarkeiten überhaupt schon einen Plan gebe. "Wir haben ein ziemlich detailliertes Modell, das wir aber noch nicht der Öffentlichkeit vorgestellt haben", sagt Barry.

Screenshot: Download bei Napster
REUTERS

Screenshot: Download bei Napster

Der Napster-Chef erwartet im neuen Jahr ein noch größeres Interesse an Internet-Tauschbörsen und eine größere Anzahl von Konkurrenten auf diesem Markt. "Es gibt viele verschiedene Angebote wie von America Online für den Austausch von Dateien." Bis Ende 2001 werde es zahlreiche Alternativen zu Napster geben. Die Einführung eines kostenpflichtigen Abo-Services sieht Barry optimistisch: "Ich denke, wir werden einige unserer Fans verlieren, aber wir sehen dem Wettbewerb zuversichtlich entgegen." Dies sei hoffentlich eine Übergangsphase und Napster werde danach zu langfristigem Wachstum kommen.

Andere Medienriesen sollen mit ins Boot

Über den Ausgang des Berufungsverfahren gegen Napster macht sich Barry offenbar keine großen Sorgen: "Es gibt wahrscheinlich unendlich viele verschiedene Möglichkeiten, wie das Gericht entscheiden kann und unendlich viele Ergebnisse." Napster und Bertelsmann verhandeln seit einiger Zeit mit den anderen großen Medienkonzernen Sony, Time Warner und Universal über eine Beteiligung an der Kooperation, wodurch das Verfahren wahrscheinlich obsolet würde.

Ohne eine Beteiligung der Konkurrenten an Napster könnten Experten zufolge nur Musikstücke im Internet angeboten werden, die die Bertelsmann Music Group (BMG) unter Vertrag hat. Das könnte die Attraktivität der Börse, die für ihr umfassendes Musik-Angebot bekannt ist, schmälern.

Sue Zeidler



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