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Musikforschung: Der automatische Horowitz

Von Manfred Dworschak

Kann ein Computer so bezaubernd Klavier spielen wie ein großer Pianist? Wiener Musikforscher bauen lernende Automaten, die dem Ausdrucksreichtum der Tastengötter auf der Spur sind. Das Ziel: Einblicke in das Verhältnis von Musik und Gefühl.

Meisterhaft: Kann eine Software wirklich das Feeling beispielsweise eines Vladimir Horowitz ersetzen?
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Meisterhaft: Kann eine Software wirklich das Feeling beispielsweise eines Vladimir Horowitz ersetzen?

Der Pianist Glenn Gould tunkte vorm Klavierspielen die gebenedeiten Hände in heißes Wasser. Sein Kollege Alfred Brendel verpflastert stets die sensiblen Fingerkuppen, damit sie keinen Schaden nehmen. Gerhard Widmer ist da nicht so empfindlich: Er schaltet seinen Computer ein, und das Konzert beginnt.

Widmers Rechner hat ein ungewöhnliches Talent: Er lernt gerade, Klaviersonaten vorzutragen wie die großen Pianisten ­ wahlweise in der Manier von Gould oder Brendel, Arthur Rubinstein oder sonst einem ruhmreichen Meister.

Das klingt wie eine sichere Blamage. Wie kann das gelingen? Der Rechner, ein kalter Zahlenfresser, mag den Schachweltmeister schlagen, indem er stur Millionen von Zügen kalkuliert. Aber was hilft ihm das gegen die Giganten des Empfindungsvermögens?

In einem stattlichen Bürgerhaus mitten in Wien laufen gerade die ersten Versuche. Überall Monitore, Kabel, in der Ecke ein Digitalpiano. Auf dem Programm: Mozart, Klaviersonate Nr. 2. Dem Computer ist das Stück noch nie zuvor untergekommen. Aber er ist vorbereitet. Er hat andere Sonaten, eingespielt von diversen Pianisten, Note für Note analysiert: wo sie laut werden und wo leise, wo sie beschleunigen und wo sie ein vielsagendes Päuschen einlegen. Am Ende speicherte er alles, was nach Methode aussah.

Jetzt spielt der Rechner vor, was er gelernt hat. Und siehe da: Wie neckisch er die Hüpfer der Melodie betont! Wie elegant er in den kurzen Läufen das Tempo anzieht! Fast ist es, als walte hier ein Mensch mit fühlendem Herzen. Allerdings ein Wirrkopf: Plötzlich leitet er ein possenhaftes Bremsmanöver ein, gefolgt von unsinnigem Staccato-Gerumpel im Bass.

"Solche Aussetzer sind unvermeidlich", sagt der Informatiker Widmer, der dem Computer das Musizieren beibringt. Sein digitaler Pianist äfft die menschlichen Vorbilder eben nur nach ­ ohne Verstand, aber nicht ohne Erfolg. Schon jetzt, am Anfang des Projekts, könnte ein Laie sich hie und da narren lassen.

Für Widmer heißt das: Er ist auf dem richtigen Weg. Sein Rechner haut noch oft daneben; aber alles, was er kann, hat er sich selbst beigebracht. Nur die Einteilung der Sonate in musikalische Themen mussten seine Betreuer ihm noch grob vorgeben. In neuen Stücken sucht er dann nach ähnlichen Passagen, auf die das Gelernte passt.

Das ist die jüngste Etappe eines Unterfangens, wie es die Musikologie noch nicht gesehen hat. Am Österreichischen Forschungsinstitut für Artificial Intelligence, einem Ableger der Wiener Universität, tüftelt Widmer an lernfähigen Computern, die ein großes Rätsel der Musik ergründen sollen: Was ist es, das ein Konzert zu einem Erlebnis macht?

"In den Noten steht davon ja nur ein kleiner Teil", sagt Widmer, selbst ein ausgebildeter Pianist. Dieselbe Sonate, wenn der Computer sie stur vom Blatt spielt, hört sich an wie Maschinenmusik: totes Geklimper. "Der reine Notentext, mechanisch gespielt, klingt meistens scheußlich", sagt Widmer. "Das weiß natürlich auch der Komponist. Ein Mensch, selbst wenn er sich anstrengt, kann so gar nicht spielen."

Das Leben kommt beim Musizieren wie von selbst hinein, halb aus Eingebung und halb kalkuliert. Bei dem Pianisten Maurizio Pollini entsteht dabei etwas, das die Feuilletons als "Luftigkeit" besingen, bei Glenn Gould eher etwas "Geometrisches". Und der legendäre Arthur Rubinstein entlockte dem Flügel gar, wie es heißt, einen farbenprächtigen "Rubinstein-Ton", den ihm keiner so schnell nachmacht.

Die Meister selbst lassen ihre Technik gern im Halbdunkel des Wirkungsgeheimnisses. Widmer aber ist guten Mutes, dass er mit dem Computer Licht hineinbringt. Er hat eine Gruppe junger Forscher um sich geschart, und das Geld reicht noch etliche Jahre.

Das Ziel ist nicht der Rubinstein-Roboter für den Rummel, der auf Knopfdruck ein Dutzend Virtuosen imitiert. Es geht um das Verständnis kaum erforschter Ausdrucksmittel. Wenn die mechanische Wiedergabe den Hörer kalt lässt, der Pianist aber sein Gefühl anspricht, dann ist da wohl eine Art unbewusster Sprache im Spiel. Und sie wird ihre Regeln haben, vielleicht sogar eine Grammatik.

Hier tritt der Lernautomat auf den Plan. Er ist darauf gedrillt, Regeln zu finden, wo immer sie sich verbergen. Es genügt, den Computer mit Klaviermusik zu füttern, die in Datengestalt aufgezeichnet wurde, so dass er sie lesen kann.

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In Wien stehen dafür 13 komplette Mozart-Sonaten bereit. Der Konzertpianist Roland Batik hat sie eingespielt auf einem Spezialflügel der Firma Bösendorfer.

Dieser Flügel (Modell 290SE) steckt voller Computerchips, Kabel und Messgeräte, die jeden Anschlag des Pianisten registrieren, dazu den Hub der drei Pedale. Lichtsensoren messen, wie schnell der Hammer jeweils auf die Saite prallt. Alle Daten werden gespeichert in ihrer genauen Abfolge. Am Ende ist ein ganzes Konzert, Inbegriff des Unwiederholbaren, im Kasten.

Roland Batik ist fortan nicht mehr nötig; der Flügel kann seinen Vortrag jederzeit wieder abspulen. Elektromagneten unter den Tasten lösen mit genau dosierter Kraft die Anschläge aus. Eine Schar von Geisterfingern scheint über die Tastatur zu hopsen.

Für den Musikforscher Widmer hat ein solcher Apparat einen anderen Vorteil: Er speichert die Konzertdaten im verbreiteten Midi-Format. Sein Lernautomat kann sie einlesen und dann vergleichen mit der Vorlage, dem Notenblatt.

  • 1. Teil: Der automatische Horowitz
  • 2. Teil
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