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Nachrichten-Sammler: Im News-Wolf

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Microsofts MSN-Dienst hat mit dem Betatest einer eigenen News-Suchmaschine begonnen - in Konkurrenz zu Google. Ein Trend mit Schattenseiten, denn Newsbots sind zwar praktisch, verbergen aber auch Informationen und schränken die Vielfalt ein.

Newsbots: Jetztzeit-Archiv der Weltpresse?

Newsbots: Jetztzeit-Archiv der Weltpresse?

Am Morgen des 20. November haben die Nachrichten-Suchroboter das Rennen klar verloren. In Istanbul explodierten Sprengsätze, und die Nachricht ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Die großen Nachrichten-Websites brachten ihre ersten Eilmeldungen kurz nach 10 Uhr deutscher Zeit, und prompt begann die Medienmaschinerie zu rattern: Korrespondenten wurden auf den Weg geschickt, Kontakte geschlossen, nach Hintergründen gesucht.

Bei den großen Nachrichtensammlern hingegen tat sich erst einmal gar nichts: Ohne eigene Produktion und ohne Redaktion gab es keine Reaktion.

Kurz vor Mittag bot nicht nur Newsgoogle, der weltweit bekannteste Nachrichtensammler, eine absolute Fehlanzeige, auch MSN Newsbot, die taufrische Microsoft-Konkurrenz im Betatest, versagte. Im Umgang mit den Breaking News, den heißen Nachrichten, offenbaren sich die Schwächen der Newsbots. Tagessieger unter den Nachrichten-Suchdiensten - Kenner wird das nicht überraschen - wurde im Übrigen Rocketnews, die rund zehn Minuten vor Google mit der Nachricht kamen. MSN Newsbot dagegen war gegen 12.30 Uhr immer noch damit beschäftigt, Michael Jackson zu verhaften.

Das alles ist kein unmotiviertes Meckern, sondern nimmt den Anspruch der News-Sammelseiten beim Wort. Die wollen ihren Lesern schnell und möglichst vollständig den völligen Überblick bieten. Dazu sammeln sie ihre Berichte von oft Hunderten von Nachrichtenquellen ein. Sie bündeln sie zu Themenpaketen und versehen sie mit einem Quellenvermerk: "New York Times" zum Beispiel, "15 minutes ago". Die Zeitangabe bezieht sich auf den Zeitpunkt, wann der Bot den Artikel fand. Über die "Frische" des Artikels sagt das nichts aus.

Keine neue Idee

Newsbots erfreuen sich seit Jahren einiger Beliebtheit. Schon seit Beginn des WWW hatten es sich Anbieter auf die Fahne geschrieben, die explodierende Zahl von Nachrichtenangeboten im Web für ihre Leser zu erschließen und durchsuchbar zu machen. Die Idealvorstellung dahinter ist, stets eine Art Jetztzeit-Archiv der Weltpresse zu schaffen, und das klingt zunächst einmal gut.

Ob dieses Clustering, die Zusammenfassung von Nachrichten zu Themenkomplexen, aber gut ist für Leser und Medienmacher, ist fraglich. Eine aktuelle Studie der Online Publishers Association OPA argumentiert, dass Angebote wie Newsgoogle kleineren Angeboten Leser zuführen, während sie den Großen zumindest nicht schaden. Das aber ist nicht die einzige zu klärende Frage.

Im Mittelpunkt sollte vielmehr diese stehen: Was bewirken Newsbots?

Newsbots fördern die Uniformität

Microsoft verspricht, dass ihr MSN Newsbot anders funktionieren solle als Newsgoogle. Der hält sich selbst zugute, dass er allein auf der Basis von Suchalgorithmen einen Pool von Nachrichtenquellen durchforstet und so seine Seiten zusammenstellt. Redakteure, die den Aufbau der Seite beeinflussen, sind nicht im Spiel.

Ein Blick in eine beliebige Unterrubrik von Newsgoogle verdeutlicht das: Sport, Deutschland, Wirtschaft, International - der Effekt ist überall derselbe. Google sortiert die Nachrichten und bündelt sie zu Blöcken. Theoretisch sollten sich daraus Quellensammlungen zu einem Thema ergeben, verschiedene Blickwinkel.

Praktisch passiert genau das Gegenteil: Erkannt, erfasst und gebündelt werden vor allem Artikel, die weitgehend identisch sind. Sie unterscheiden sich oft nur noch durch variierende Überschriften und Anläufe - und manchmal noch nicht einmal das.

Scheinbare Vielfalt

Konkretes Beispiel: Zum Thema des Bush-Besuches in Großbritannien fand Newsgoogle am Mittwoch, 19. November, gegen Mittag 203 Nachrichten. In der Übersicht zeigte er allerdings nur noch 49 davon, weil der Rest "den 49 bereits angezeigten Treffern sehr ähnlich" sei.

Nicht erkannt hatte Google, dass man diesem Kriterium folgend fast alles hätte killen können: Sechs der Artikelanläufe enthielten wörtlich die Phrase "US-Präsident George W. Bush ist am Dienstagabend..." - und die stammte von der Nachrichtenagentur dpa. Die betreffenden sechs Artikel variierten nur ihre Überschriften.

Das allerdings auch nur minimal: "Bush zu Staatsbesuch in London" waren 18 von 49 Artikeln überschrieben, zwölf weitere setzten ein "eingetroffen" dazu, vier ersetzen "London" durch "Großbritannien". Eine weitere Stichprobe ergab: Neun von zehn Artikeln waren nichts anderes als die gleichlautende dpa-Meldung in verschieden Kürzungsgraden.

Was anders ist, fällt raus

Das heißt nicht, dass die deutschen Medien im Web nicht schnell mehr zu bieten gehabt hätten. Hinten runter fallen die Beiträge in den diversen Nachrichtenangeboten, die für sich allein stehen: Sei es, dass es sich um exklusive Informationen und Hintergründe handelt, sei es, dass die Aufbereitungsform der Nachricht einfach stark von der Konkurrenz abweicht. Das Problem: Gerade dann, wenn sie in Aufbereitung, Aufbau oder Schwerpunkt vom Mainstream abweichen, werden sie vom Newsbot nicht als thematisch verwandt erkannt.

Ihr Thema mag aufgegriffen werden, wenn beispielsweise dadurch, dass später eine Nachrichtenagentur das Thema aufnimmt, andere Medien mit Berichten folgen. Garantiert als thematisch verwandt erkannt wird dann wieder der Einheitsbrei - während das in Bezug auf den auslösenden Artikel durchaus nicht gesagt ist. Im Klartext: Vorprescher werden ignoriert, Nachläufer präsentiert. Überspitzt gesagt bestrafen Newsbots wie Newsgoogle das Streben, mehr, tieferes oder anderes zu bieten.

Nachrichten-Sammelseiten fördern Einheitsbrei - und vielleicht sogar schon in der Produktion.

Rückwirkungen

Denn gerade kleineren Anbietern, die ihre Leserzahlen über Newsbots wie Google zu erhöhen hoffen, wird schnell klar, dass sie es nur mit dem Mainstream hinein schaffen. Was anders ist, bringt ihnen auf diesem Weg keine Leser.

Fehlwahrnehmung: Was Newsgoogle hier als Vielfalt präsentiert, ist reinster Einheitsbrei

Fehlwahrnehmung: Was Newsgoogle hier als Vielfalt präsentiert, ist reinster Einheitsbrei

Zugegeben, das gewählte Beispiel ist extrem: Gerade im Bereich der Auslandsnachrichten ist die Abhängigkeit der deutschen Medien von Nachrichtenagenturen besonders hoch - das gilt für nahezu alle. Dass aber im Nachrichtencluster gerade die sehr individuellen Artikel der wenigen verbliebenen Korrespondenten durchs Sieb fallen, ist schon ein Stück traurige Realsatire.

Der Einheitsbrei-Mechanismus greift zudem auf allen Ebenen, in allen Ressorts, wenn auch nicht immer so stark: Wer es nicht glaubt, kann sich durch willkürliche Stichproben davon überzeugen.

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