Navigationssoftware Weg frei für Rollstuhlfahrer

Stufen, Treppen und Straßenschäden machen Rollstuhlfahrern das Leben schwer, jeder Ausflug kann zu einer Odyssee um Hindernisse werden. Eine neue Navigationssoftware, die nicht nur Wege, sondern auch Barrieren anzeigt, will Abhilfe schaffen - mit Hilfe der Internetgemeinde.

Von Khuê Pham


Anette von Laffert ist in Eile, ihr Rugbyspiel fängt bald an. Hastig biegt sie in eine Seitenstraße ein, bleibt dann aber abrupt stehen, als sie das Hindernis sieht - zwei hohe Stufen. Mist, denkt sie, hier geht's nicht weiter.

Die "Trailblazers" Software kann man sich ab Mai aufs Handy oder PDA-Gerät herunterladen.

Die "Trailblazers" Software kann man sich ab Mai aufs Handy oder PDA-Gerät herunterladen.

So läuft es leider immer wieder: Die Rollstuhlfahrerin muss eine Kehrtwende machen und zur letzten Abbiegung zurückfahren, um von dort aus ihr Glück aufs Neue zu versuchen. Wie so oft ist der Weg von A nach B ist gespickt mit unerwarteten Wendungen.

Bald jedoch könnten die Dinge einen anderen Lauf nehmen. Von Lafferts Kommilitonen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg basteln derzeit an einer Navigationssoftware, die Barrieren wie Stufen, Treppen oder Straßenschäden anzeigen soll.

Einer der ersten, die das Programm namens "Trailblazers" ausprobiert haben, war die 28-jährige von Laffert. Die Ökothropologie-Studentin sitzt seit einem Reitunfall vor acht Jahren im Rollstuhl. Trailblazers, sagt sie, "könnte mein Leben verändern."

Entwickelt wurde die Software von vier ehrgeizigen Informatikstudenten: Martin Stein, Sven Stegelmeyer, Mark Thomé und Piotr Wendt, die Idee stammt von Stein. Der kennt viele Rollstuhlfahrer und war kurzzeitig, nach einem Unfall, sogar selber einer. Er weiß deshalb aus eigener Erfahrung, wie jede unbekannte Strecke einer Reise ins Ungewisse gleicht: "Vorher beginnt erst einmal die Suche nach einer befahrbaren Strecke. Da es vielleicht gar keinen barrierefreien Weg zum gewünschten Ziel gibt, hat man dabei immer ein schlechtes Gefühl in der Magengrube."

Eine Odyssee

Das Hauptproblem ist, dass der öffentliche Verkehr extrem schwierig zu navigieren ist: Stufen oder Treppen versperren den Weg, Rampen oder Fahrstühle gibt es selten - und wenn, dann sind sie schlecht ausgeschildert. "Bei Ausflügen ist mir immer wieder aufgefallen, dass wir eigentlich ständig dabei waren, nach Rampen, "holperfreien" Wegen und Aufzügen Ausschau zu halten", so Stein.

Da jeder Ausflug schnell zu einer nervenauftreibenden Hindernis-Odyssee werden kann, ist die Gefahr groß, dass man einfach zu Hause zu bleibt oder sich nur im gewohnten Umkreis bewegt, fügt er hinzu.

Mit Trailblazers sollen nun Informationen über barrierefreie Strecken systematisch gesammelt und ausgetauscht werden. Benutzer können sich in Zukunft die Software umsonst von einer speziellen Webseite auf ihr Handy oder PDA-Gerät herunterladen und geben vor oder sogar während sie unterwegs sind, Start - und Zielort ein.

Mit Hilfe von Microsoft Virtual Earth oder Google Earth werden ihnen dann Routen angezeigt; die Strecke, die sie daraufhin zurücklegen, wird per Satelliten-Navigation (GPS) aufgezeichnet. Straßenhindernisse können unterwegs fotografiert und zusammen mit der neuen Strecke hochgeladen werden, so dass das erfasste Gebiet immer weiter expandiert.

Ganz problemfrei ist Trailblazers allerdings nicht. An erster Stelle steht laut Thomé das "Henne- und Ei Problem": Da anfangs nur vorprogrammiertes Material vorhanden ist, gibt es nur eine begrenzte Auswahl an Karten. "Wir müssen Benutzer gewinnen, die es dann erweitern", sagt er.

Hardware könnte ein weiteres Problem sein: Trailblazers funktioniert nur mit GPS-kompatiblen Handys oder PDAs - ältere Modelle müssen daher nachgerüstet werden. Zudem ist da noch die Frage, ob die Aufzeichnung der Strecken nicht gegen das Recht auf Privatsphäre verstößt.

"Rollis" sind Tech-affin

Trotzdem ist sich Anette von Laffert sicher, dass Trailblazers bei den geschätzten 800.000 Rollstuhlfahrern in Deutschland Anklang finden wird. Dass die Benutzer keine Lust haben werden, neue Daten hochzuladen, glaubt sie nicht. "Viele Rollstuhlfahrer verbringen viel Zeit damit, zu Hause im Internet zu surfen", sagt sie, "Ich denke, dass sie schon bereit sein werden, neue Strecken hochzuladen."

Auch das Problem mit der Privatsphäre kann gelöst werden, indem man die Streckenaufzeichnung anonymisiert, so Thomé.



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