Nerdkultur-Austausch Ein Flugzeug voller Hacker

Es war eine High-Tech-Pauschalreise, ein Kulturaustausch der Computerjockeys: Knapp 40 Hacker reisten gemeinsam vom Szenekongress Defcon in Las Vegas direkt zum Sommertreff der europäischen Hacker-Szene. Die US-Nerds kamen, um von den Deutschen zu lernen.

Von Ragni-Serina Zlotos, Las Vegas/Brandenburg


"Kannst Du mir mal die IP sagen?", fragt Korney Gozman seinen Freund Yotta. Etwa 40 Minuten nach dem Start der Maschine werden die Beckengurte endlich gelöst. 38 "Hackers on a plane" aus Amerika nehmen ihre Laptops aus dem Handgepäck. Sie fliegen von Las Vegas nach Düsseldorf, gemeinsam auf der Reise von der größten Hacker-Konferenz DefCon in Nevada zum Chaos Communication Camp in Brandenburg - um dort das Organisieren zu lernen. Wie sie daheim regionale und lokale Gruppen gründen und stark machen können, möchten die US-Hacker von den Technophilen in Deutschland erfahren.

An Bord des Airbus verbinden sie sich mit dem drahtlosen Netzwerk, das der 22-jährige Yotta aufgesetzt hat. Die anderen Fluggäste des Airbus bleiben von lauten Geek-Gesprächen verschont: Hackerwitze werden im Chat ausgetauscht. Die Bordelektronik erträgt die funkenden Laptops klaglos und ohne Absturz.

Alle Batterien leer

"Wow, das waren jetzt 13 Chat-Teilnehmer in der Spitze", freut sich Yotta - wahrscheinlich ist das ein Weltrekord für einen Netzwerk-Chat über den Wolken. "Deshalb habe ich das gemacht: Weil es Spaß macht, und weil es geht." Doch nach zwei Stunden sind die Batterien leer - bei Rechnern und Menschen. Einer nach dem anderen verlässt den Chat-Kanal. Schließlich gibt der Laptop von Yotta auf, dessen W-Lan-Karte das Netzwerk im Flugzeug zusammenhielt. Das war's - in der Economy Class gibt es nur auf der Toilette Strom.

Die Gespräche übers Programmieren, über Hardware oder das Verhältnis von Zeit und Schwerkraft werden leiser, dann wird geschlafen. Nach drei Tagen und Nächten auf der DefCon ist die Luft raus. Auf der größten Hackerkonferenz der USA gab es wenig Schlaf, viel Input und über 7000 andere Konferenzteilnehmer. Las Vegas hat die hackenden Fluggäste ausgelaugt.

Fanta plus Wodka im Hacker-Bus auf der Autobahn

Am Flughafen Düsseldorf wartet der Bus zum Chaos Communication Camp auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums Finowfurt in Brandenburg. Etliche Kilo Übergepäck, Zelte und Hightech-Gerätschaften werden im Bus verstaut. Nach drei Stunden fliegendem iPod-Wechsel am Autoradio des Busfahrers spaltet sich die Reisegesellschaft. Einige schlafen, andere lassen bei Wodka und Fanta in Plastikbechern noch einmal die letzten Szene-Konferenzen Revue passieren.

Leigh Honeywell aus Kanada heißt unter ihren Hackerfreunden "Hypatia". Die Räume der Berliner C-Base haben sie inspiriert, erzählt sie unterwegs. Etwas mit diesem Projekt von Berliner Kunst- und Computerbegeisterten Vergleichbares sei in Nordamerika nicht zu finden. Im Anschluss ans Camp wollen die Amerikaner auf einer Rundreise durch regionale Hackerlabors mehr darüber lernen, wie sie funktionieren und was sie davon zu Hause umsetzen können - denn in den USA ist die Szene nicht so gut organisiert.

"Es gibt bei uns auch Treffpunkte, aber die sind entweder bei jemandem zu Hause, oder in Cafés", erklärt Leigh die Situation in den USA und Kanada. Dies mache die Gruppen abhängig von Einzelpersonen und kommerziellen Interessen. "Orte wie die DefCon sind zwar wichtig, sie existieren jedoch nur zeitweise und außerhalb des kulturellen Lebens und des Alltags." Korney Gozman glaubt, dass offene Treffpunkte für Hacker und Freunde das Nachdenken über Ethik und Zukunft erlauben. "Wir wollen letztlich die Welt verbessern, dafür müssen wir darüber nachdenken, welche Regeln wir brechen sollten und welche eben nicht", sagt der 27-Jährige.

Spannung hilft gegen Jetlag

Neun Stunden und drei Pausen später ist das Camp erreicht. Die freiwilligen Helfer dort erwarten die Reisegruppe schon, das Hauptzelt steht. Die Dämmerung hat eingesetzt, und der von der Sommersonne ausgetrocknete, staubige Platz vor dem Luftfahrtmuseum Finowfurt löst das Motto des Camps über den Feen-Staub ein, der laut "Peter Pan" vor dem Erwachsenwerden schützen und Flügel verleihen soll: "In fairy dust we trust."



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