Netzwelt-Ticker Das ist nicht lustig

Lächeln ohne Erlaubnis? Kommt gar nicht in die Tüte - schon gar nicht die von Wal-Mart, findet der angebliche Smiley-Erfinder Frank Loufrani. Außerdem im Überblick: Hohn und Spott wegen falschem Propagandavideo, Studis kratzen an Chinas Zensur, Anti-Kopierschutz-Demo in Paris und mehr.


Angebliches Propagandavideo: Hohn und Spott

Mithilfe modifizierter Computerspiele rekrutiere die Al-Qaida jungen Nachwuchs für ihren terroristischen Kampf. Eine naheliegende Theorie, denn neu ist die Idee ja nicht: Die US-Army macht das nicht anders bei ihrer Rekrutensuche. Ein Internetvideo mache nun Werbung für genau so ein Dschihad-Spiel: "schwer bewaffnete, islamisch radikale Helden" kämpften dort gegen US-Truppen, die dort die Bösen darstellten, so Reuters in einem Artikel vom letzten Donnerstag. Der Videotrailer wurde in einer Präsentation Vertretern des Geheimdienstausschusses des US-Kongresses vorgespielt, nachdem er angeblich auf "islamistischen Websites" gefunden wurde. Jetzt machen Hohn und Spott gegen die Volksvertreter und nicht zuletzt auch gegen den allzu gläubigen Journalisten von Reuters  in Games-Foren die Runde.

Denn das Video wurde mitnichten von Terroristen gemacht, sondern von Mitgliedern des Planetbattlefield-Forums. Die Stimme im Video gehört keinem Terrorist, sondern Trey Parker aus dem US-Film "Team America World Police" und die Terroristen-Mod ist keine Mod, sondern das offizielle "Special Forces"-Erweiterungspack, das man überall kaufen kann. SonicJihad, der Autor des Videos, sei per Google-Suche in Sekundenschnelle zu identifizieren. Warum sich weder im Geheimdienstausschuss, noch bei der Nachrichtenagentur, die die Erkenntnisse der Volksvertreter später treulich weiter verbreitete, die Mühe einer kurzen Gegenrecherche der steilen Behauptungen gemacht hat, ist nicht bekannt. Zumindest aber das Unternehmen Science Applications International, die Präsentatoren der so brisanten wie blödsinnigen Erkenntnisse,  hätten es besser wissen müssen: Schließlich werden sie vom US-Verteidigungsministerium mit sieben Millionen Dollar für die Überwachung von  1500 militanten Websites bezahlt. Andererseits: Immer noch besser, als studentische Hausarbeiten aus dem Netz zu klauen, um Argumente für den Irakkrieg präsentieren zu können. Soll es ja alles schon gegeben haben...

Walmart versucht sich am Smiley-Trademark

Hick-hack ums Lächelgesicht: Da bekommt selbst der "Smiley" Depressionen
SPIEGEL ONLINE

Hick-hack ums Lächelgesicht: Da bekommt selbst der "Smiley" Depressionen

Walmart ist laut eines Berichtes der BBC-Website in einen Rechtsstreit um die Benutzung des Smiley-Gesichts als Trademark verwickelt. Der Franzose Frank Loufrani behauptet, den gelben Smiley im Jahr 1968 erfunden zu haben und klagte nun gegen die amerikanische Supermarktkette. Diese benutzt das freundliche Grinsegesicht seit 1996 für die Mitarbeiter-Uniformen und auf Werbung – und kämpft darum, alleiniger Rechteinhaber im amerikanischen Raum zu sein.

Zusammen mit der Londoner Firma SmileyWorld besitzt Loufrani in 80 Ländern die Rechte an der Verwendung des Smiley. Die USA waren bislang nicht dabei – er und Walmart streiten nun um die Rechte vor dem amerikanischen Patent– und Trademarkt-Amt. Eine abschließende Entscheidung wird im August dieses Jahres erwartet.

Eigentlich, so ein Walmart-Sprecher, wollte die Supermarkt-Kette den Smiley gar nicht schützen. Erst Loufrani habe sie dazu gezwungen. Ob die Entscheidung im August den Streit allerdings endgültig beenden wird, ist eher fraglich. Loufrani ist nur einer von vielen, die für sich die Erfindung des hochberühmten Logos beanspruchen.

Drei Studenten wollen die chinesische Mauer einreißen

Der Toronto Star berichtet in einem längeren Report über drei amerikanische Studenten der Universität von Toronto, die mit einer selbstentwickelten Software der Internet-Zensur vor allem in China zu Leibe rücken wollen. Ihre Psiphon-Software baue dabei quasi ein Netzwerk von vertrauenswürdigen Proxy-Servern auf, die von Zensur-behinderten Netzusern benutzt werden können, um zensierte Inhalte quasi über eine ausländische Hintertür doch noch zu Gesicht zu bekommen.

Oblivion: Neuer Hot-Coffee-Skandal?

Nach dem fragwürdigen Skandal um die Hot-Coffee-Modifikation von GTA: San Andreas hat Computerspielgegner, Anwalt und Kreuzritter Jack Thompson einen neuen Aufhänger für seine Game-Verfluchungen: das Rollenspiele Elder Scrolls IV: Oblivion. Computerspieler haben in der PC-Version Texturen so verändert, dass Spieler ihre weiblichen Charaktere mit entblößten Brüsten durch die Fantasywelt spazieren lassen können. Das führte, zum Verdruss der Entwickler und Spieler, zu einer neuen Alterseinstufung in Amerika – wohlgemerkt: im Gegensatz zur Hot-Coffee-Mod können die Brüste in Oblivion nicht freigeschaltet werden, sondern nur durch einen Grafik-Hack ins Spiel gemogelt werden. Jack Thompson jedenfalls roch Lunte und verschickt nun E-Mails in ganz Amerika, ihn doch bitte in TV-Shows einzuladen. Das liest sich ganz wunderbar und entblößt die üblichen Missverständnisse um Computerspiele. Thompson hingegen erklärt sich am besten selbst, seine eher unfreundlichen E-Mails an Gamer sind längst Legende…

Französische Proteste gegen DRM

Mehrere hundert Demonstranten haben am Sonntag auf dem Place de la Bastille in Paris für "Digitale Freiheit" und gegen Digitales Rechtemanagement (DRM) und die Änderung des Kopierschutz-Gesetzes in Frankreich protestiert. Viele der Protestierenden, so EETimes.com, seien Softwareentwickler, die sich für Konsumentenrechte und die Möglichkeit einsetzen, auch zukünftig in Freiheit entwickeln zu können. Nach der Ankündigung eines Gesetzes, das zur Interoperabilität von Audioplayern in Frankreich führen sollte, herrschte Aufsehen: Was als große Chance begann, stellte sich zuletzt als verwässert, wenn nicht sogar rückwärtsgerichtet heraus – freie Softwareentwicklung und die straffreie Privatkopie scheinen auf dem Spiel zu stehen, wie Jeremie Zimmermann und Boingboing.net warnen, der ursprünglich erstrebenswerte Gesetzesvorschlag sei von Vivendi Universal und der französischen Musikindustrie gehijackt worden…
Bilder von der Demonstration gibt es via Boingboing.net.



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