Netzwelt-Ticker Schweden schnüffeln gegen Gebühr

Nur wer zahlt, soll Zahlen bekommen: Im Land des Knäckebrots sollen Auskünfte über Einkünfte künftig kostenpflichtig werden. Außerdem im Nachrichtenüberblick: Schlag gegen die Nigeria Connection, ein barrierefreier Mausschuh und vieles mehr.

Von Sönke Jahn


Diese Skandinavier. In Dänemark gibt's beim Bäcker harte Pornoheftchen und in Schweden kann jeder jedem Dank eines Informationsfreiheitsgesetzes von 1766 in die Steuererklärung gucken. Musste man sich bislang allerdings stets noch selbst aufs Finanzamt begeben, um die Vermögensverhältnisse seines Nachbarn zu erfragen, hat sich die Lage seit Ende letzten Jahres nun selbst für schwedische Verhältnisse zugespitzt.

Neugierige Nordländer: Via Website das Einkommen der von Nachbarn und Vorgesetzten erfragen
AP

Neugierige Nordländer: Via Website das Einkommen der von Nachbarn und Vorgesetzten erfragen

Denn im November 2006 startete ein Webangebot, das die Steuererklärungen sämtlicher Schweden auch online und anonym zugänglich macht. Den Anbieter Ratsit.se kann man als enorm erfolgreich bezeichnen. Von neun Millionen Schweden haben sich bei ihm immerhin 610.000 als Nutzer registrieren lassen. Angeblich werden täglich 50.000 Anfragen bearbeitet. Eine Lawine.

Besorgt über einen möglichen Missbrauch wurden neue Regeln eingeführt, denen sich Ratsit.se beugte – ansonsten hätten die Finanzbehörden die Daten nur noch auf Papier und nicht mehr elektronisch herausgerückt. Künftig sollen die Auskünfte für die Bürger kostenpflichtig sein; je detaillierter, desto teurer. Und jeder, dessen Daten abgefragt werden, soll per E-Mail davon unterrichtet werden, wer sich da für ihn interessierte. Wie AP berichtet, verdreifachte sich daraufhin auf den letzten Drücker die Zahl der täglichen Anfragen. Allgemein wird erwartet, dass mit der neuen Gebührenordnung die Anfragen deutlich weniger werden. Ratsit will deshalb mit zusätzlichen Angeboten im Geschäft bleiben und bietet nun an, zusätzlich Singles nach Postleitzahlen geordnet anzuzeigen - inklusive deren Telefonnummern.

Neues von der Nigeria Connection

Mittlerweile hat wohl jeder von der Nigeria Connection gehört. Die verschickt massenweise Mails mit der dringenden Bitte, einem verzweifelten Zeitgenossen zu erlauben, dem Adressaten ein paar Millionen Dollar zu überweisen. Als Begründung für das befremdliche Ansinnen werden die abenteuerlichsten Geschichten erzählt. Etwa die vom Erben des unehelichen Cousins eines gestürzten afrikanischen Despoten, der nun politisch verfolgt ein unverdächtiges Auslandskonto sucht, um dorthin sein Vermögen zu retten. Natürlich bekäme man einen gehörigen Batzen Geldes ab, wenn man zuvor im Gegenzug mit etwas Kleingeld aushelfen könnte.

Oder man soll eine Bearbeitungsgebühr überweisen, um einen erheblichen Lotteriegewinn einstreichen zu können. Im Netz findet sich eine Sammlung solcher phantastischen Erzählungen, auf die sogar mindestens ein bundesdeutscher Stadtkämmerer hereingefallen sein soll. Am Samstag nun verhaftete die niederländische Polizei nach mehrmonatigen Ermittlungen 111 Verdächtige. Die meisten von ihnen tatsächlich Nigerianer, die man zur Betrüger-Connection zählt. Der gewohnte Geschichtenstrom allerdings dürfte nicht abreißen: Nach Schätzungen der Polizei sind weitere 2000 Betrüger auf freiem Fuß.

Hier kommt der Mausschuh

Ältere und behinderte Menschen sollen ihren PC bald besser steuern können, wenn es nach den Studenten der Fachhochschule Pforzheim geht. Sie haben den Prototyp einer Maus für "handtechnisch eingeschränkte Menschen” entwickelt und wollen ihn im Rahmen ihres Studiums sogar selbst vermarkten – eine Anmeldung zum Patent läuft bereits. Die barrierefreie Maus sieht aus wie ein Rohling für einen Baseball-Handschuh. Das besondere an dieser Zeig-, Klick- und Scroll-Apparatur ist aber nicht nur ihre Form – man legt die Hand hinein und nicht darauf. Hilfreich dürfte vor allem der Filter für Zitterbewegungen sein, etwa bei Parkinson-Patienten. Auch eine Mausbremse ist eingebaut: Wird die Hand aus der Maus genommen, stoppt die Bewegung des Mauszeigers.

Flüchtigen Speicher dingfest machen

Bei "Heise.de" ist man sich nicht ganz sicher: Beliebte die Richterin in einem Verfahren vom Typ "Filmindustrie gegen das Internet” zu scherzen oder hat sie nur keine Ahnung von Technik? Denn Richterin Jacqueline Chooljian aus Los Angeles verkündete, auch der Inhalt des Arbeitsspeichers eines PC oder Servers sei ein wichtiges Beweismittel - welches man ihr allerdings nicht vorlegen konnte. Das liegt am Funktionsprinzip: RAM-Speicher ist von Haus aus vergänglich, seine Inhalte flüchtig.

Es handelt sich dabei zumeist um die Software, die zu dem bestimmten Zeitpunkt auf dem Rechner ausgeführt wird; und um die Dateien, die man gerade anschaut oder bearbeitet; auch um Daten, die man eingibt, und um Pixel, die man ändert. Zwar würden einige Serverbetreiber aus dem Tauschbörsenumfeld die IP-Adressen ihrer Nutzer trickreich nur im RAM-Speicher vorhalten, um deren Aufzeichnung für spätere Auswertungen zu umgehen, dennoch fehlten klare Regelungen für alle, welche Daten aus eben diesem flüchtigen Speicher grundsätzlich in welchen Intervallen dauerhaft zu sichern seien. Im Zweifel müssten Internetfirmen also weitere riesige Datenmengen zusätzlich anhäufen, um dann vor Gericht für nahezu alle Eventualitäten und Anklagen gewappnet zu sein.

Klick und weg: Leserreisen mit Google Earth

Schätzungsweise 200 Millionen Nutzer brausen mit Google Earth auf unserem Planeten umher, und von jedem weiß Google die IP-Adresse. Aber nicht nur das plauderte Google-Earth-Chefentwickler Michael Jones kürzlich auf dem New Yorker Geospatial-Gipfel aus. Dort beschäftigte man sich damit, wie sich geografische Daten mehr als bisher mit weiteren Infos aufpeppen lassen.

Laut Jones sollen sich Leseratten demnächst am Monitor durch ihre literarischen Lieblingsorte klicken können. Derzeit digitalisiere Google für eine künftige "Büchersuche" Bücher, bei denen das Copyright abgelaufen ist. Jones' Team experimentiere damit, die Ortsangaben darin automatisch mit Google Earth zu verknüpfen, um sich bei der Lektüre umgehend vor Ort begeben zu können.

Auch umgekehrt soll das funktionieren: Markierungen in Google Earth sollen uns per Mausklick dann zur jeweiligen Textstelle in Googles Bücherregal führen. Käme ein Schauplatz dabei in mehreren Büchern vor, arrangierte das System die Hinweise automatisch in einem Kreis um den Ort, verrät uns die ORF-futurezone. Über einen Zeitstrahl sollen sogar Bücher einer bestimmten Epoche ausgewählt und ihre Schauplätze auf Google Earth angezeigt werden können.

Noch ist Googles "Globus der Literaturgeschichte", wie ihn die österreichischen Kollegen tauften, nicht im Web verfügbar. Anschauen dagegen lässt sich bereits Handlungsreisen.de. Diese Webseite nennt sich einen "Online-Atlas, der die Handlungsorte der Literatur zeigt”. Hier jedoch setzt man auf Handarbeit, auf den Fleiß vieler Bücherwürmer, die ihre erlesenen literarischen Welten in dieses Kartenwerk eintragen.

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