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Neue Panne: Britische Behörden verschlampen Daten von 600.000 Rekruten

Namen, Adressen, Bankverbindungen, Familienstand - persönliche Daten von mehr als 600.000 Angehörigen hat ein Mitarbeiter des britischen Verteidigungsministeriums auf einem Notebook gespeichert. Doch dieser Laptop wurde gestohlen.

London - In Großbritannien sind erneut persönliche Daten von mehreren hunderttausend Bürgern in die falschen Hände geraten. Das Verteidigungsministerium in London musste am Freitagabend einräumen, dass ein Notebook mit den Daten von 600.000 Rekruten oder anderen Militärdienst-Interessenten gestohlen wurde.

Schnell geknackt: Beifahrersitze sind beliebte Abholstationen für diverse Wertsachen
Foto: GMS

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Die Informationstiefe der entwendeten Daten reicht von den Namen über Pass- und Versicherungsnummern bis hin zu Angaben über den familiären Hintergrund. In 3500 Fällen, in denen auch Daten von Bankverbindungen verloren gingen, alarmierte das Ministerium die Betroffenen mit einem Eilschreiben.

Das alles ist schon fast Routine, in britischen Behörden wird gern mal was verloren: Der Laptop-Verlust ist mindestens der vierte Fall dieser Art seit Oktober. Die größten Ausmaße hatte die erste Panne. Damals gingen CDs mit vertraulichen Daten von 25 Millionen Familien verloren.

Schusselei, Spionage, kriminelle Aktivitäten?

Andererseits aber verursacht es nun auch politischen Druck, denn die andauernde vermeintliche Schusseligkeit öffentlich Bediensteter wirft Fragen auf, die Verteidigungsminister Des Brown Anfang der Woche im Unterhaus adressieren will und wohl auch muss. Dort wird er unter anderem ausführen können, dass der Jungoffizier der Royal Navy, der den Laptop verlor, sich wahrscheinlich einem Militärgericht wird stellen müssen.

Detailliert zu erklären, wie es zu dem erneuten Datenverlust kam, wird Brown dagegen erspart bleiben: Das können Großbritanniens Bürger heute den Zeitungen entnehmen. Wie in allen anderen Fällen steckt kein ausgebuffter Hack-Angriff dahinter, sondern das größte aller IT-Sicherheitsrisiken: der Mensch.

In diesem Fall wurde das Notebook mit den empfindlichen Daten aus einem über Nacht geparkten Auto gestohlen. Dass etwas so wichtiges in einem Auto liegen bleibt und nicht sicher weggeschlossen wird, dürfte zu den Fragen gehören, die den Unterhaus-Abgeordneten einfallen könnten.

Muss drängende Fragen beantworten: Verteidigungsminister Des Brown
Getty Images

Muss drängende Fragen beantworten: Verteidigungsminister Des Brown

Wichtiger noch aber dürfte dieser Punkt sein: Der Diebstahl geschah auf bewachtem Militärgelände. Die Abgeordneten, mutmaßt die "Times", könnten sich für die Sicherheits-Implikationen interessieren, denn Rekruten wie Armeeangehörige wären naheliegende Ziele für Terroranschläge. Wie es dem Täter gelang, den mobilen Rechner ohne Kontrolle vom Militärgelände zu bekommen, ist nicht geklärt. Verteidigungsminister Des Brown muss außerdem noch beantworten, warum sein Ministerium die Öffentlichkeit erst am späten Abend des 18. Januar informierte, von dem Diebstahl aber schon am 9. Januar erfahren hatte.

Wer findet da was an Daten?

Während man den Diebstahl von Laptops noch mit Zweiterwerbs-Ambitionen auf dem Flohmarkt erklären könnte, trifft das bei den Ende vergangenen Jahres verschwundenen Adress-CDs nicht zu. Sie sollen schlicht auf dem Büropostweg zwischen Behörden verloren gegangen sein. Dass dies ausgerechnet mit CDs geschah, die Finanzdetails über 25 Millionen Personen enthielten, hatte für Irritationen gesorgt. Auch dieser Fall ist ungeklärt.

Doch es gibt naheliegende Verdächtigungen. Tatsächlich ist der Handel mit persönlichen Daten ein lukratives Geschäft - insbesondere, wenn Details über Bankverbindungen enthalten sind.

Auf der anderen Seite gelten Großbritanniens Behörden als notorisch schlampig im Umgang mit sensiblen Daten. Ebenfalls am Freitag machte Karl-Heinz Korzenientz, 57, nicht nur in der Grafschaft Devon Schlagzeilen: Er fand in der Nähe des Flughafens Exeter wild entsorgte Dokumente mit vertraulichen Daten von Bürgern. Berichtet wurde das auch überregional, weil es bereits das zweite Mal war - im Dezember hatte er ähnliche Dokumente an gleicher Stelle gefunden.

Den bisher größten Bock schoss ein beim Luftwaffen-Hauptquartier Beschäftiger Offizier im Jahr 1990: Der Mann ließ einen Laptop im Kofferraum seines Autos liegen, der prompt gestohlen wurde. Inhalt: Der komplette Invasionsplan für Kuwait, das damals von der irakischen Armee besetzt war. Der Datenverlust blieb ohne Konsequenzen, wenn man von dem Offizier absieht: Der wurde von einem Militärgericht verurteilt.

Für IT-Sicherheitsexperten gilt der Mensch, vor dem Rechner der Nutzer, als größtes Sicherheitsrisiko. Trotz immer wieder zu lesender Meldungen über spektakuläre Hacks und Online-Betrugsmethoden ist es weiterhin so, dass die meisten sensiblen Daten physisch abhanden kommen - indem Datenträger oder Rechner gestohlen oder illegal verkauft werden.

pat/AP

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