Neue Programmversion Google Earth wird tiefer gelegt

Im Rahmen des ersten Geo Entwicklertages kündigte Google gestern eine Reihe von Updates für Google Earth und Google Maps an. SPIEGEL ONLINE sprach mit John Hanke, Erfinder und Entwicklungschef der beiden Produkte - und konnte einen ersten Blick auf das Update werfen.

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Die erste Änderung, die ins Auge fällt, ist die neue Benutzeroberfläche. Hier wurde einiges aufgeräumt, manches angehübscht und vieles aus dem Weg geräumt. So bleibt unterm Strich vor allem mehr Platz, um die grandiosen Bilder zu betrachten, mit denen die Software unsere Welt wiedergibt.

Die wirklich wichtigen Änderungen stecken jedoch unter der Haube: "Dies ist das größte Einzel-Update der Google Earth-Datenbank, seit dem Produktstart vor einem Jahr", sagt John Hanke, der Entwickler des Programms. "Es wird über viermal mehr hochauflösende Bilddaten enthalten als wir vorher hatten. Damit werden wir 20 Prozent der gesamten Landmasse der Erde mit hochauflösenden Daten abdecken." Rund 40 Prozent der Weltbevölkerung könnte ihren Lebensraum nun in bestmöglicher Qualität am PC als Satelliten- oder Luftbild, projiziert auf ein der echten Erde nachempfundenes Geoid, betrachten.

Was natürlich bedeutet, dass 60 Prozent dies noch nicht können: Nach wie vor sind die städtischen Räume besser abgedeckt als das platte Land, doch die Lücken werden kleiner. Die neuen Daten kamen vor allem Regionen zugute, die bisher nur grob abgedeckt wurden. Hierzu zählen laut Hanke "insbesondere der mittlere Osten, Asien, Australien, China sowie Süd- und Zentralamerika."

Um das zu erreichen, bediente sich Google im Datenbestand der Firma Digital Globe, die einen von drei kommerziell verfügbaren Bildaufnahme-Satelliten betreibt. Nach Angaben der Betreiberfirma ist deren Satellit QuickBird derzeit der einzige kommerzielle Erdtrabant, der in der Lage ist, Bilder mit einer Auflösung von unter einem Meter pro Pixel aus dem Orbit zu schießen. Gegenüber der bisher von Google für große Teile des Planeten genutzten Auflösung von 15 Metern pro Pixel ein wahrer Quantensprung.

In Deutschland wird man davon freilich kaum etwas wahrnehmen, denn die hiesigen Bilddaten wurden ohnehin schon in Form stiller Updates auf den bestmöglichen Stand gebracht. Bis zu zehn Zentimeter pro Pixel reicht die Auflösung, so Hanke und sei damit Weltspitze.

Um zu zeigen, was mit den neuen Daten möglich ist, zoomt Hanke während der Demonstration ganz nah an einen Flughafen irgendwo in den Benelux-Staaten heran. Das Ergebnis ist beeindruckend, wenngleich man die Bilder schon kennt: Flugzeuge an ihren Flugsteigen, schemenhaft erkennbare Vorfeld-Fahrzeuge.

Noch beeindruckender wird es allerdings, als Hanke ein wenig aus dem Bild herausfährt und auf zwei Pixelhaufen am Rand hinweist. "Das hier sind Menschen", sagt er und lächelt über sein gelungenes Verwirrspiel. Was er da eben zeigte, war nicht etwa ein echter Flughafen, es war nur ein Modell in einem Vergnügungspark. Auf diese Weise wollte er die beeindruckende Detailgenauigkeit visualisieren, welche mit hochauflösenden Satellitendaten erreichbar ist. Viel mehr wird man in absehbarer Zeit freilich nicht erwarten können, so Hanke. Die Physik setzt einer weiteren Erhöhung der Auflösung Grenzen.

Häuslebauer gesucht

Wohl, um dem flachen Fototapeten-Look der Satellitenbilder etwas mehr Realismus einzuhauchen, können im neuen Google Earth 3D-Gebäudemodelle auf die Karten projiziert werden. Die sind in ihrer Grundform allerdings ausgesprochen einfach gehalten und erinnern stark an Bauklötze. Um das zu ändern, stellt Google allen Anwendern die 3D-Software Sketchup kostenlos zur Verfügung. Damit sollen die User ihre Lieblingsgebäude am PC digital nachbauen und kostenlos der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Damit kein Schindluder getrieben wird, werden alle eingereichten Gebäudemodelle vor der Aufnahme in die Google Earth-Datenbank auf Relevanz und Richtigkeit überprüft. Nicht, dass irgendein Scherzbold den Reichstag plötzlich an die Elbe verlegt.

Mach’s einfach mit KML

Neben den Verbesserungen an Google Earth wurde auch KML, die Programmiersprache mit der Google Earth um eigene Daten erweitert werden kann, überarbeitet. Die wichtigste Neuerung: nach dem Update kann KML nunmehr auch in Google Maps verwendet werden. Somit können Google Earth-Projekte jetzt auch im Webbrowser dargestellt werden. Für Gelegenheits-Anwender entfällt damit der bisher obligatorische Software-Download.

Darüber hinaus wurde das Google Maps API verbessert. Über diese Programmierschnittstelle können Website-Betreiber Google Kartenmaterial und Satellitenbilder in eigene Homepages integrieren. Das soll in Zukunft einfacher gehen. Statt beim Erstellen einer solchen Homepage mühsam per Hand GPS-Koordinaten einzugeben, genügt nun die Eingabe einer Straßenadresse. Das Geocoding von Google übernimmt dann automatisch die Konvertierung in GPS-Daten. So kann man beispielsweise ohne viel Mühe eine Reiseroute nachzeichnen oder die Filialen einer Kaufhaus-Kette in die Karte eintragen.

Eine Explosion der Kreativität

Zukünftig soll auch Googles Bildverwaltungs-Software Picasa mit einer Verbindung zu Google Earth aufgerüstet werden. Dann soll ein Mausklick genügen, um ein Digitalfoto mit einem Ort zu verknüpfen. Das wäre sehr praktisch, um beispielsweise Urlaubsfotos zu katalogisieren und im Web zu veröffentlichen. Wann es soweit sein wird, konnte Hanke noch nicht sagen. Nur so viel: "in Kürze."

Hanke glaubt, dass sich die Software zu einer Art universellem Browser für Geodaten entwickeln könnte, die in immer mehr Bereichen zur Anwendung kommen. "Deshalb wird Google Earth mehr als nur ein Spaß, eine Neuheit oder etwas, dass man sich gerne ansieht, sein", glaubt Hanke. Die Bandbreite der Anwendungen übertrifft schon jetzt alle Erwartungen, wird von ihm als "Explosion der Kreativität" bezeichnet und verleitet ihn dazu, die Entwicklung mit den Anfängen des Web und dem ersten Webbrowser, Mosaic, zu vergleichen. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn John Hanke und sein Team können ohne jeden kommerziellen Druck arbeiten.

Google Earth: die Hintergründe

Somit braucht Hanke den Verkauf an Google nicht bereuen - denn Google Earth ist keineswegs eine Eigenentwicklung des Suchmaschinen-Unternehmens.

Dass die neue, zweite Version von Google Earth die Versionsnummer 4.0 trägt, sei zwar "etwas verwirrend", habe aber historische Gründe, erklärt Hanke. "Geht man von unserer Ausgangsbasis 'Keyhole' aus, war bereits die erste Version von Google Earth eine 3.0." Schließlich habe er mit seiner Firma Keyhole bereits zwei Versionen seines "Browsers für die Erde" fertig gestellt, bevor eines Tages Google anrief, um ein Gespräch bat und bereits einen Tag später ein Kaufangebot unterbreitete, das Hanke und seine Partner nicht ausschlagen konnten.

Bereits ein Jahr später, im Juni 2005, hatten die 30 ehemaligen Keyhole-Mitarbeiter ihre Software an Google angepasst und um einige Funktionen erweitert. Auf die kostenlose Veröffentlichung der Software, mit der man die Erde aus ungewöhnlichen Blinkwinkeln und mit bis dahin ungeahnter Genauigkeit betrachten kann, reagierte die Web-Gemeinde enthusiastisch. So wurde die Software laut Google bereits im ersten Jahr nach ihrer Veröffentlichung mehr als 100 Millionen Mal herunter geladen und aktiviert.

Besonders viele Anhänger hat die Software in Deutschland gefunden. Nach den USA wurden hier die meisten Downloads verzeichnet. Warum das so ist, will Hanke während seines einwöchigen Deutschland-Aufenthalts schon herausgefunden haben: "Die deutschen PC-Anwender sind besonders fortgeschritten."

Kein Wunder also, dass er besonders herausstellt, dass die neue Version, also Google Earth 4.0, vom Start weg in Deutsch lokalisierter Fassung erscheint. Ebenfalls ein Novum: Die Software wird zeitgleich in Varianten für Windows, Mac OS X und Linux veröffentlicht. Es muss also kein Anwender darauf vertröstet werden, dass "sein" Update erst in einigen Wochen erscheint.



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