Online-Musik Ist SDMI bereits Hackfleisch?

Das "Zukunftsformat" für digitale Musik ist angeblich gehackt worden. Auch wenn die offizielle Bestätigung ausbleibt - das Konsortium der Musikindustrie steht offenbar nicht mehr geschlossen hinter der Technik.


Bleibt von der "DMAT"-Technologie des SDMI-Konsortiums am Ende nur das Logo?

Bleibt von der "DMAT"-Technologie des SDMI-Konsortiums am Ende nur das Logo?

An die absolut sichere digitale Verschlüsselung glaubt Leonardo Chiariglione nicht: "Weil wir über eine endliche Kombination von Zahlen reden, gibt es nichts, das nicht besiegt werden kann." Eigentlich ist es ja sein Job, an SDMI zu glauben. Chiariglione ist Vorsitzender der Secure Digital Music Initiative (SDMI), eines Industriekonsortiums von knapp 200 Musik- und Technologieunternehmen, die ein Format für Musik im Internet entwickeln wollen, mit dem Urheberrechte geschützt werden sollen.

Nun scheinen die schlauen Worte schneller wahr zu werden, als SDMI samt Vorsitzendem lieb ist. In der Zeit vom 18. September bis zum 8. Oktober hatten sie Hacker aufgerufen, verschiedene SDMI-Formate zu knacken. Nun berichtet das US-Netzmagazin Salon, alle Technologieansätze seien erfolgreich gehackt worden.

Salon beruft sich auf Aussagen von Mitgliedern des SDMI-Konsortiums. Eine morgendliche Krisensitzung habe es gegeben, und ein Teilnehmer berichtete anonym gegenüber Salon: "Sie werden versuchen, es unter der Decke zu halten. Offiziell wird es heißen, man analysiere noch die Ergebnisse."

Und in der Tat lauten die offiziellen SDMI-Stellungnahmen genau so: 450 Einsendungen habe es gegeben, nun müssten Techniker prüfen, wie viele davon tatsächlich den Sicherheitsmechanismus geknackt hätten. Die Ergebnisse sollen erst bei der nächsten Sitzung des Konsortiums vom 8. bis zum 10. November in Washington vorliegen.

Und wenn wirklich sämtliche Verschlüsselungen gebrochen wurden? "Wenn die Technologie besiegt wurde, heißt das gar nichts. Wenn jemand ein Loch gefunden hat, sind das doch gute Nachrichten. Dann kann man den Algorithmus verbessern", versucht sich Chiariglione in prophylaktischem Optimismus.

Egal, ob SMDI nun gehackt ist oder nicht - die Diskussion selbst zeigt, dass nicht das gesamte Konsortium hinter dieser Technik steht. Das belegen die vielen anonymen Äußerungen von Firmenvertretern gegenüber Salon. "Die einzigen, die SDMI mögen, sind Plattenfirmen und Unternehmen, die ihnen diese Technologie verkaufen wollen", wurde Anfang des Monats etwa ein Technologieunternehmer zitiert.

Aus der Sicht seiner Kollegen dürften zwei Punkte gegen die Herangehensweise von SDMI sprechen. Zum einen konzentriert sich die Technik nicht so sehr auf den Online-Vertrieb, als vielmehr auf die gute alte CD. Die favorisierte SDMI-Technik ist nämlich eine Art Wasserzeichen, mit dem alle künftigen CDs versehen werden und das alle Abspielgeräte erkennen sollen.

Letztlich funktioniert das so: Wer eine Musikdatei aus dem Netz lädt, die irgendwer von einer CD gezogen hat, und diese auf eine CD brennt, wird er sie weder auf dem heimischen CD-Player, noch mit Hilfe irgendeiner Software abspielen können - das Wasserzeichen fehlt.

Natürlich empört die Vertreter von Technologieunternehmen auch, dass bei solchen digitalen Wasserzeichen die Soft- und Hardware für viel Geld aufgerüstet werden müsse, dass enorme Computerressourcen und viel Zeit beim Abspielen und Kopieren solcher CDs verbraucht würden und die Technik überhaupt nicht benutzerfreundlich sei. Doch eine andere Sorge dürfte sie viel mehr antreiben: Wenn SDMI tatsächlich das illegale Verbreiten von Musik übers Netz unmöglich macht und attraktive Vertriebsangebote der Plattenfirmen auf sich warten lassen - wer wird dann noch Software zum Abspielen brauchen? Was geschieht mit dem Geschäftsfeld der "Online-Musik" - angeblich der Zukunftsmarkt der Branche?



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