P2P-Börsen Die nächste Generation

Seit Anfang Juli werden die P2P-Börsen aufmerksam überwacht, User erfasst und Klagen vorbereitet. Die P2P-Gemeinde müht sich, dieses Problem technisch zu lösen: In dieser Woche erscheinen die ersten neuen Programme.


Allzeit bereit: Die nächste Generation der Musikpiraten ist den Kinderschuhen noch nicht entwachsen, aber fest entschlossen, sich durchzubeißen
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Allzeit bereit: Die nächste Generation der Musikpiraten ist den Kinderschuhen noch nicht entwachsen, aber fest entschlossen, sich durchzubeißen

Was stimmt denn nun? Anfang des Monats meldete das Marktforschungsunternehmen Yankee Group, die Nutzung der P2P-Börsen sei nach Beginn der neuesten Kampagne des Verbandes der amerikanischen Musikindustrie RIAA noch um 10 Prozent gestiegen. Wenige Tage später verkündete Nielsen Netratings, der Datenverkehr sei um 15 Prozent gefallen.

Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte: Klar ist zumindest, dass die massiven Drohgebärden der Musikindustrie nicht ohne Wirkung blieben; aber auch, dass es trotzdem fröhlich weiter geht im großen Datenkarussell.

In den nächsten Monaten könnte sich das Downloadtempo allerdings verlangsamen: Immer mehr P2P-Börsen leiten ihre User über Proxyserver. Damit lässt sich die Identität der betreffenden User einigermaßen verschleiern, und darum scheint der Proxy im Augenblick das Mittel der Wahl bei den Verteidigungsmaßnahmen der P2P-Börsen gegen die Fahnder der Industrie.

Die haben nun vor allem die User auf dem Kieker, nachdem sich herausgestellt hat, dass die gerichtliche Verfolgung der Börsenbetreiber weitgehend wirkungslos blieb. Nun also setzt die Industrie auf Angst und Abschreckung - und die Börsen tun, was sie können, ihren Usern die Angst zu nehmen.

Am Dienstag wagte sich Morpheus, einst Star unter den Börsen, heute eher ein zwar verbreiteter, aber auch verlachter Player im Gnutella-Netz, mit einer neuen Programmversion an den Markt. Angeblich ist die Software nun von Ad- und Spyware gereinigt und bietet ihren Nutzern zudem Proxies: Lauter kann man kaum um die verlorenen, alten Kunden werben.

Die sitzen mittlerweile größtenteils im FastTrack-Netzwerk (KaZaA, iMesh, Grokster) und damit direkt im Visier der Industriefahnder. KaZaA hat bereits angekündigt, in der nächsten Programmversion einige Funktionen deaktivieren zu wollen, um seine User besser vor Fahndern zu schützen. Die hackende Community war da mal wieder schneller: In den frisierten "Raubkopien" des KaZaA-Programms, KaZaA Lite und KaZaA++, sind neue Sicherheits-Features bereits implementiert.

Zu denen gehört unter anderem ein Peerguardian-Filter, der die Kontakt- und Schnüffelversuche bekannter Fahnder einfach ausfiltert und unterbricht. Zumindest versucht er das: Das Programm gilt aber als nicht sehr verlässlich.

Alternativ kann man in den neuen Programmen die offenen Ports, über die der Datenverkehr läuft, einseitig schließen: Das ist zwar ein Schutz vor Entdeckung, zugleich aber auch das Ende des Datentausches. Der User wird zum reinen Datensauger, und auch damit wäre die RIAA wohl zufrieden, denn mittelfristig ließen sich die P2P-Börsen auch auf diese Weise zerstören.

Immer härtere Bandagen

Doch all diese Tricks sind nur die schnellen Reaktionen auf eine aktuelle Kampagne der Musikindustrie: Aus deren Perspektive steht zu befürchten, dass hier schnell bessere Mittel gefunden werden.

Völlig neu ist da die in dieser Woche verkündete Strategie von iMesh, die Fahnder der Musikindustrie mit Ablenkungsmanövern emsig und unschädlich halten zu wollen. Das Unternehmen arbeitet angeblich am Aufbau eines Servernetzes, das innerhalb des FastTrack-Netzwerkes laut vor sich hinfunken soll: Computer will iMesh simulieren, über die fiktive User Unmengen von Daten tauschen. Dort dürften sich die Fahnder dann austoben, meint iMesh: "Wir werden Computerattrappen aufstellen, die von imaginären Orten aus nicht-existente Daten tauschen werden".

Doch so, wie viele der Drohungen der Musikindustrie letztlich Drohgebärden sind und bleiben werden, ist vieles von der Zuversicht, die die P2P-Betreiber derzeit demonstrieren, Pfeifen im Wald. Klar ist, dass die Industrie nicht Millionen von Usern wird verklagen können. Auch wenn am Ende die Zahl der Anklagen fünfstellig ausfallen sollte, wären das immer noch statuierte Exempel, symbolische Akte: Wenn die Abermillionen von P2P-Usern fest dazu entschlossen sind, weiter zu machen, wird man sie juristisch nicht aufhalten können.

Doch die Börsen können ihre User mit technischen Mitteln derzeit auch noch nicht anonymisieren. Möglich wäre das weit einfacher innerhalb eines proprietären Netzes mit einem zentralen Server. Das aber würde die Börsenbetreiber wieder haftbar machen - siehe Napster. Neue, verteilte und trotzdem effektiv anonymisierte Netz wie beispielsweise das FreeNet lassen weiter auf sich warten: Die ebenfalls in dieser Woche veröffentlichte Version 0.5.2 nennt sich zwar "Final Release", ist aber noch immer keine echte Vollversion.

Die Alternative heißt Earthstation

Weiter ist da Earthstation5, eine P2P-Software, die weitestgehende Anonymisierung verspricht. Noch gilt die Software als zu kompliziert, und die Zahl der User ist so niedrig, dass es schwer fällt, überhaupt fündig zu werden. Trotzdem gilt die Earthstation schon jetzt als Alternative.

Neue P2P-Ansätze sind also in der Entwicklung. Dass der Konflikt sich im Laufe des Sommers verschärfen wird, ist eine ausgemachte Sache, und nicht alle P2P-Entwickler werden ihn schadlos überstehen.

Grokster etwa, der kleinste Partner im FastTrack-Netzwerk, treibt zurzeit Paniktriebe wie weiland die deutsche Fichte im Waldsterben. In der ebenfalls Dienstag veröffentlichten Version findet sich kein neues Feature, aber auch keine Spy- und Schnüffelsoftware mehr. Auch Werbung wurde rasiert, was aber ganz und gar nicht bedeutet, dass Grokster nun aufgegeben hätte, Geld verdienen zu wollen: Als erster P2P-Client wird diese "saubere" Programmversion nun für 19,99 Dollar verkauft. An der Börse nennt man so was Gewinnmitnahme - ein gutes Zeichen ist das selten. Auf der anderen Seite ist es unwahrscheinlich, dass der relativ unbeliebte Grokster viel wird einstreichen können.

Frank Patalong

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