Personalisierte Nachrichtenangebote Wer liest, der findet

Hunderte von Nachrichtenquellen, Zillionen von Blogs - die wirklich relevanten Informationen zu finden scheint fast unmöglich. Zwei Angebote generieren ohne Zutun des Lesers personalisierte News-Angebote. Dafür muss man sich beim Lesen allerdings über die Schulter schauen lassen.


Zeitungen: Wer soll das alles lesen?
AP

Zeitungen: Wer soll das alles lesen?

Es geht einfach nicht mehr. Ich wusste ja vorher, dass ich in diesem Job viel lesen muss. Aber ich bekomme morgens das "Handelsblatt", die "FTD" und die "Süddeutsche". Online scanne ich regelmäßig "New York Times", Wall Street Journal", "Wired" und ein halbes Dutzend andere Seiten. Dann sind da noch Fachpublikationen und, ach ja, 134.457.409 Blogs, in denen sich auch noch die eine oder andere interessante Information verbergen könnte.

Wer nicht den ganzen Tag seine Browser-Lesezeichen durchflöhen möchte, kann inzwischen zwar auf alle möglichen Tricks zurückgreifen, wie etwa Newsletter, automatische Benachrichtigungen (zum Beispiel Google Alerts), RSS-Quellen (Hä?) oder selbst gestrickte Übersichtsseiten (zum Beispiel MyYahoo). Dennoch: Was da täglich heranrollt, ist einfach too much. Außerdem wollen die genannten Dienste und Programme ja alle eingerichtet und gepflegt werden. Zeitung lesen ist einfacher.

Zwei relativ neue Angebote versuchen, das Problem zu lösen, indem aus dem Web jene Artikel und Blogeinträge herausfischen, die für den Leser von Interesse sein könnten. Beide verwenden jenes Grundprinzip, nach dem auch der personalisierte Musik-Service Pandora und der Buchhändler Amazon Chart zeigen arbeiten: Zeige mir, was Du spannend findest, und ich sage Dir, was Dich noch interessieren könnte.

Der eine Dienst heißt Google Desktop 2, wird vom Suchtitanen gleichen Namens angeboten. Konkurrent Findory wurde von einem Seattler Zwei-Mann-Unternehmen entwickelt. Anders als bei anderen personalisierbaren Angeboten muss der Nutzer nichts per Hand einstellen. Beide sind lernfähig und passen sich automatisch dem Leseverhalten an.

Ständige Beobachtung

Google Desktop 2: Das ganze Web als Newsticker

Google Desktop 2: Das ganze Web als Newsticker

Zunächst der Platzhirsch: Google Desktop 2* (GD2) besitzt zwei Fensterchen, eines für Nachrichten und eines für so genannte Web Clips (Blogeinträge und Seiten mit RSS-Feeds). Das Programm, das auf dem PC installiert werden muss, beobachtet ständig, was für Seiten der Anwender aufruft. Außerdem speichert GD2, welche der in den Nachrichtenfenstern präsentierten Artikel der User anklickt.

Nach einigen Tagen bemerkte ich, wie sich das Programm auf meine Vorlieben einschoss. Ich bin im Büro ein eher eindimensionaler Leser (Tech, Tech, und Tech). Entsprechend verschwanden Kultur, Sport oder Politik allmählich aus meinem GD2-Fenster. Die Zahl der Wirtschafts- und Technologieartikel nahm zu.

Das war es dann aber auch. Inzwischen nutze ich GD2 seit über vier Wochen und finde das Ergebnis ernüchternd. Google hat inzwischen zwar kapiert, dass ich mich nicht für die Spiele der Oakland As interessiere. Dennoch geht nach wie vor mehr als die Hälfte der im News-Fenster gezeigten Nachrichten an meinen Präferenzen vorbei.

Nachrichten-Überdosis

Noch schwächer ist die Web-Clips-Rubrik. Hier sortiert GD2 offenbar nicht nur Blogs ein, sondern schlichtweg alle neuen Postings sämtlicher Seiten mit RSS-Feeds, auf denen ich je war. Will heißen, dass ich sehr viel Mist bekomme.

Pro Stunde tickern durch das RSS-Fenster geschätzte 200 Meldungen. Im News-Fenster mögen es um die 60 sein. Das ist selbst für einen Newsjunkie wie mich zu viel. Von Vereinfachung oder Sortierung kann keine Rede sein. Hinzu kommt, dass GD2 Dopplungen nicht ausmerzt, sodass ich viele Geschichten mehrfach geliefert bekomme.

Das Hauptproblem ist vermutlich, dass Google Chart zeigen mit Schlüsselbegriffen arbeitet. Weil ich mich für Nokia-Handytests interessiere, bekomme ich weitere Artikel, in denen das finnische Unternehmen auftaucht. Zum Beispiel Marktberichte in denen etwas über Analystenschätzungen zu Nokia steht. Dieses Börsenzeugs interessiert mich aber gar nicht.

Amazon für Nachrichten

Findory-Seite: Übersichtlich, treffsicher, aufs Wesentliche reduziert

Findory-Seite: Übersichtlich, treffsicher, aufs Wesentliche reduziert

Wesentlich besser funktioniert Findory. Das Nachrichtenportal wurde von Greg Linden entworfen, der auch an der Entwicklung von Amazons Empfehlungssystem beteiligt war. Findory verwendet keine Schlüsselbegriffe, sondern vergleicht das Verhalten verschiedener Nutzer miteinander.

Findorys Webseite bietet eine Nachrichten- sowie ein Blogsuche, ferner ein nach Ressorts aufgeteiltes Nachrichtenangebot aus Hunderten von Quellen. Je häufiger man die Seite aufruft, umso stärker passt sie sich den eigenen Vorlieben an. Anders als bei GD2 sind alle personalisierten Artikel mit einem Symbol gekennzeichnet. Wenn man es anklickt, erklärt Findory, warum einem ein bestimmter Text empfohlen wurde.

Nach mehreren Wochen Dauernutzung hat die Seite ein erstaunlich gutes Näschen für meine Vorlieben entwickelt. Ich bekomme vor allem Artikel über die Technologiebranche, speziell über Suchmaschinen. Eintönig wirkt das Gesamtangebot dennoch nicht. "Wir haben versucht, unsere Algorithmen so zu gestalten, dass immer wieder ein paar unerwartete Artikel auftauchen", so Findory-Gründer Linden. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich die personalisierten Nachrichten als täglichen Newsletter zuschicken lassen kann. Das ist wesentlich angenehmer als der Informations-Overkill von GD2.

Schließlich stellt sich natürlich die Frage nach Privatsphäre und Datenschutz. Bei Googles Service muss man ein Programm auf den eigenen Rechner aufspielen und davon ausgehen, dass GD2 das gesamte Nutzerverhalten im Netz beobachtet, speichert und - in anonymisierter Form - an Google sendet.

Das ist starker Tobak, vor allem, weil das Resultat derart bescheiden ausfällt. Anders gesagt: Wenn ich mich schon datenschutzmäßig entleibe, dann will ich wenigstens etwas davon haben. Findory hingegen kommt mit wesentlich weniger Schnüffelei aus. Man muss nichts installieren, Daten gibt der User nur dann weiter, wenn er die Suchfunktion verwendet oder auf einen Link klickt. Da das Findory-Profil nicht an einen Rechner gekoppelt ist, bleibt der User anonym.

Und die Ergebnisse sind schlichtweg besser. Während ich mit Findory Perlen finde, die ich ansonsten übersehen hätte, nötigt mich Google Desktop, noch mehr Kram, der mich nicht interessiert zu lesen. Ohne GD2 wäre mir "Forscher finden Hobbit-Kieferknochen" ebenso erspart geblieben wie "Heiße Sexszenen auf Stockholms Nationalbühne".

*Anmerkung: Google Desktop 2 kann auch noch eine Menge andere Dinge, wie etwa Festplatten durchsuchen, Börsenkurse anzeigen oder Notizen speichern. Aus Platzgründen beschränken wir uns hier aber auf die Nachrichtenfunktion.



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