Politikerplakate: Warum Foto-Tuning im Wahlkampf nichts zu suchen hat

Falten werden übertüncht, Hälse gestrafft, Hautunreinheiten weggezaubert. Politiker-Fotos auf Wahlplakaten sind per Photoshop so aufgebrezelt wie die Titelblätter von Hochglanzmagazinen. Bildbearbeitungsguru Doc Baumann ärgert sich - hier wird Politik verkauft wie Konsumartikel.

Früher engagierten Herrscher Doppelgänger, um sich bei langweiligen Empfängen vertreten zu lassen. Stellte sich später heraus, dass der öffentliche Auftritt gar nicht langweilig war, sondern mit einem Attentat endete, war das erst recht willkommen. Hollywood hat daraus so manche Verwechslungsgeschichte gestrickt. Bekanntlich läuft im September dieses Jahres die nächste Staffel von "Germany sucht the next Kanzler-Darsteller".

Eigentlich hieß das Spiel ursprünglich mal "Parlamentarische Demokratie", aber dank des unermüdlichen Einsatzes der beteiligten Crews ist die Kandidatenkür nicht mehr so dröge und inhaltsbelastet wie früher, sondern liegt jetzt in den Händen von Werbeagenturen. Die verstehen was von der Sache und behelligen die stimmberechtigte Bundes-Jury nicht mit unnötigen Problemen, sondern komprimieren die Nicht-Argumente zu flotten Einzeilern.

Heißt Foto "ansatzweise ähnlich"?

Damit wir nicht vergessen, wie die Menschen aussehen, die uns regieren möchten, lassen die Parteien im Wahlkampf Porträts verbreiten, die den Kandidaten mitunter auf verblüffende Weise ähneln. Die zeitgenössische Variante des Einsatzes von Doppelgängern scheint - soweit man das mitkriegt - weniger dem Schutz vor Attentaten zu dienen als der ästhetischen Konditionierung, also dem Auslösen von erwünschten Reaktionen (Kreuzchen an der richtigen Stelle malen) durch überoptimale Schlüsselreize. Man kennt das aus der Verhaltensforschung von allerlei Getier, und es funktioniert auch mit Herrenmagazinen.

Vor einiger Zeit entdeckte Thilo Gockel in Frankfurt das in unserer Bildergalerie abgebildete Wahlplakat, für das die CDU eine attraktive Dame engagiert hat, die Kanzlerin Merkel bewerben soll. Wer Fernsehen schaut und Tageszeitung oder Politmagazine liest, weiß natürlich, dass die wirkliche Frau Merkel - fast so alt wie das Grundgesetz - ganz anders aussieht und die Last von Verantwortung und Schwerkraft ihre Mundwinkel weit nach unten gezogen hat. Das ist nichts Schlimmes, wir werden alle älter. Idealerweise sollten Kandidat/innen unsere Stimmen bekommen, weil sie für eine bestimmte Position stehen und glaubwürdig versichern, diese in Politik umzusetzen. Dass sie zudem die Kriterien von "The next Top-Model" erfüllen müssen, erwartet kaum jemand.

Frau Merkel ist nur ein Beispiel für Parteienwerbung mit glattgebügelten Porträts.

Kunstfiguren

Noch auf Kreisebene sind eifrige Photoshop-Adepten damit befasst, Falten zu übertünchen, Warzen, Altersflecke und Äderchen zu retuschieren, Lider zu liften und Hälse zu straffen. Die dann tatsächlich auf den Wahlveranstaltungen auftauchenden Herrschaften können da nicht mithalten und müssen sich schon freuen, wenn man sie überhaupt wiedererkennt.

Auf Details wie die großzügig mit einer schwungvollen Bézierkurve freigestellte Frisur müssen wir da gar nicht eingehen. Strukturell besteht kein nennenswerter Unterschied mehr zwischen Anzeigen für Konsumprodukte, neben denen sich spärlich bekleidete Blondinen räkeln, und dieser Art von Stimmenfang (den wir noch dazu als Steuerzahler mit knapp 150 Millionen Euro finanzieren). Wie kann man von Politikern erwarten, dass sie zu ihren Wahlversprechen stehen, wenn sie sich nicht mal mit ihrem eigenen Gesicht identifizieren können?

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insgesamt 50 Beiträge
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1. ikdjgfhsd
Haio Forler 17.08.2009
Zitat von sysopFalten werden übertüncht, Hälse gestrafft, Hautunreinheiten weggezaubert. Politiker-Fotos auf Wahlplakaten sind per Photoshop so aufgebrezelt wie die Titelblätter von Hochglanzmagazinen. Bildbearbeitungsguru Doc Baumann ärgert sich - hier wird Politik verkauft wie Konsumartikel. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,642393,00.html
Ich bin für einen absolut demokratischen Wahlboykott. (O Gott, ich ahne schon, daß ich selbstverständlich wählen gehen muß, alleine schon, um zu verhindern, daß extreme Kräfte wie die SPD, die Linke, die NPD, die Grünen oder die CDU/CSU an die Macht kommen). Aber denkste, diesmal nicht. Leute, bleibt zu Hause und eßt Popcorn. Da gestaltet Ihr mehr als mit Eurem Kreuz.
2. Auch bei Ausweisfotos
BlueCougar 17.08.2009
Vor kurzem brauchte ich Fotos für einen neuen Personalausweis. Also ab zum örtlichen Fotographen. Da wurde dann das Ausweisfoto auch noch rasch per Photoshop etwas aufgehübscht... Jedenfalls sehe ich jetzt viel besser aus.-) Ich hoffe nur, das ich bei der nächsten Kontrolle am Flughafen auch in meine Maschine gelassen werde...
3. .
DesTeufelsAnwalt 17.08.2009
Zitat von sysopFalten werden übertüncht, Hälse gestrafft, Hautunreinheiten weggezaubert. Politiker-Fotos auf Wahlplakaten sind per Photoshop so aufgebrezelt wie die Titelblätter von Hochglanzmagazinen. Bildbearbeitungsguru Doc Baumann ärgert sich - hier wird Politik verkauft wie Konsumartikel. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,642393,00.html
Was heißt hier wie Konsumartikel? "Moderne" Politik ist ein Konsumartikel.
4. Entlarvend!
VorwaertsImmer 17.08.2009
Zitat von sysopFalten werden übertüncht, Hälse gestrafft, Hautunreinheiten weggezaubert. Politiker-Fotos auf Wahlplakaten sind per Photoshop so aufgebrezelt wie die Titelblätter von Hochglanzmagazinen. Bildbearbeitungsguru Doc Baumann ärgert sich - hier wird Politik verkauft wie Konsumartikel. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,642393,00.html
Einfach Herrlich - der Artikel! Bei so manchen Kandidaten ist nicht nur das Wahlplakat mit Photoshop manipuliert - auch Rhetorik-Trainer pfuschen an den Kandidaten herum und so manch einer kommt dann einfach nicht mehr authentisch und glaubwürdig 'rüber. Manche machen einfach zu viel! Und dann gibt es sie doch - die Kandidaten, die bei so etwas nicht mitmachen - ganz auf Anti-Wahlkampf setzen. Da fällt mir beispielsweise der Ströbele aus Berlin ein. Solche Leute haben dann auf einmal Erfolg - weil sie authentisch wirken.
5. Originell
usti 17.08.2009
Ich finde das Lengsfeld-Motiv originell, ein bisschen Augenzwinkern, ein bisschen ironisches Zitat. Es glaubt doch niemand ernsthaft, sie wolle sich als Hochglanz-PinUp vermarkten. (bin keine CDU-Wählerin, kein Chauvi) Den Trend zur Bearbeitung von Menschen nicht nur durch Bildbearbeitung sondern auch durch Skalpell, Silikon etc. finde ich allerdings sehr bedenklich, da sollten die Politiker nicht in erster Reihe stenen.
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