Premiere-Verschlüsselung "Das System ist definitiv nicht geknackt"

Vor rund zwei Wochen verlor Premiere geschätzte 1,5 Millionen Zuschauer - allerdings keine von der zahlenden Sorte. Jetzt widerspricht Premiere einem Bericht der Computerzeitschrift "c't", auch die neue Verschlüsselung sei bereits geknackt.


Deutschlands überlebender Bezahlsender: Pay-TV tat sich lange schwer, gegen abgekupferte Zugangskarten anzukommen

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Die Geschichte des Pay-TV-Senders Premiere ist ein stetes Auf und Ab: Immer wieder machte der TV-Sender den immer nur zeitweilig erfolgreichen Versuch, einen Großteil seiner Zuschauerschaft vor die Tür zu setzen. Denn die zahlte nicht: Bisher wurde noch jedes Verschlüsselungssystem für die im freien Handel erhältlichen Decoder des Senders binnen Wochen geknackt.

Vorbei, behauptet Premiere: Das neue Verschlüsselungssystem sei sicher. "Das System ist definitiv nicht geknackt", sagte ein Premiere-Sprecher am Montag in München. Es werde mit Hilfe der neuen Verschlüsselung auch in Zukunft keinen neuen Massenmarkt für Schwarzseher mehr geben.

Den Anlass für die öffentliche Vertrauenserklärung lieferte das renommierte Computermagazin "c't", in Deutschland konkurrenzlos kompetent und gemeinhin äußerst gut informiert. In der aktuellen Ausgabe findet sich ein zwei Seiten langer Artikel darüber, dass erstens bereits Softwarelösungen zum Knacken der neuen Premiere-Verschlüsselung existieren, und zweitens eine detailreiche Schilderung, wie und warum der Hack funktioniert.

Alles Unsinn, beeilte sich Premiere nun schnellstens zu versichern, obwohl der "c't"-Artikel im Grunde Entwarnung gibt: Viel aufwendiger sei der Hack nun und nicht geeignet, sich "zu einem Volkssport zu entwickeln, wie es mit den Emulatoren und Piratenkarten der Fall war".

Schwarzseher waren für Premiere in den vergangenen Jahren ein großes Problem. Unter dem alten System Betacrypt gab es einen lebhaften Handel mit gefälschten Karten. Der Sender selbst schätzte die Zahl der nicht zahlenden Kunden auf bis zu 1,5 Millionen.

Lebe wohl, Zaungast?

Anfang November stellte Premiere auf das neue System "Nagravision" um. Der Schwarzmarkt der Nachbaukarten sei damit erst einmal trocken gelegt, hieß es auch in dem "c't"-Bericht. Es gebe aber Möglichkeiten, das neue System zu umgehen.

Auch der Premiere-Sprecher räumte ein: "Natürlich gibt es in diesem Bereich theoretische Umgehungsmöglichkeiten." Bei dem neuen Verschlüsselungssystem seien diese aber extrem aufwendig. Zudem sei es einfach, den Weg bis zum Täter zurückzuverfolgen.

Das bestätigt auch der Bericht der "c't": Der Zugang zum Premiere-System könne nur über die Weitergabe so genannter Control Words erfolgen - und das müsse so schnell geschehen, dass sich als Verbreitungsweg nur das Internet anbiete. Dort aber seien die Täter dann anhand ihrer IP-Adressen leicht zu identifizieren.

Premiere hofft darauf, dass zahlreiche Schwarzseher durch teils jahrelangen kostenfreien, aber illegalen Premiere-Genuss angefixt und nicht mehr willens seien, auf das Pay-Programm zu verzichten. Voller frohem Optimismus hofft der Sender in den ersten sechs Monaten nach Umstellung auf das neue System mit bis zu 200.000 zusätzlichen Kunden. Derzeit liege man mit den Zahlen über Plan, sagte der Sprecher. "Wir sehen eindeutig einen Effekt."



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