Projekt Hyperbraille "Bildschirm" für Blinde

Stiftleisten, die Monitortexte in Brailleschrift übersetzen, gehören neben Sprachausgabeprogrammen zu den Standardwerkzeugen, Blinden die Welt der Rechner zu erschließen. Ein öffentlich gefördertes Projekt will mehr als das: Mit einem "Monitor" sollen auch Grafiken und Diagramme ertastbar werden.


Frankfurt am Main - Ein neuartiges Computer-Display macht grafische Elemente wie Tabellen oder Diagramme für Sehbehinderte besser erfahrbar. Auf der Oberfläche einer speziellen Platte aus Metallstiften ("Stiftplatte") werden solche Inhalte mehrdimensional abgebildet, so dass sie von Blinden ertastet werden können.

Hyperbraille: Vom Wirtschaftsministerium geförderte Gemeinschaftsproduktion mehrerer Institute

Hyperbraille: Vom Wirtschaftsministerium geförderte Gemeinschaftsproduktion mehrerer Institute

Hinter dem Produkt steht das öffentlich geförderte Forschungsprojekt Hyperbraille, an dem unter anderem die Universitäten Stuttgart und Potsdam sowie die TU Dresden beteiligt sind. Mit dem bislang nur als Prototyp existierenden Gerät, das in etwa die Größe eines Laptops hat, sollen gängige Computerprogramme und Internetinhalte für Sehbehinderte besser zugänglich gemacht werden.

Bisher können grafische Darstellungen nach Angaben des Projekts nur als Braillezeile in Blindenschrift dargestellt werden oder als gesprochene Information. Um sich einen räumlichen Gesamteindruck zu verschaffen, sei ein hohes Maß an Konzentration erforderlich. Auf dem neu entwickelten, berührungsempfindlichen Display würden solche räumlichen Formen von rund 7200 beweglichen Metallstiften dargestellt, die elektronisch gesteuert werden. Das Projekt will nach eigenen Angaben bis Ende 2010 alle gängigen Office-Programme mit spezieller Software für die Anwendung nutzbar machen.

Digitalisierung brachte Nachteile

Die digitale Revolution ab Mitte der achtziger Jahre hatte für viele Blinde unerwartete Nebenwirkungen. Die Ersetzung analoger Elektronik mit ihren Knöpfen, Schiebern und Schaltern durch Maus und Monitor hat zahlreiche Sehbehinderte den Job gekostet: Apparaturen lassen sich ertasten und beherrschen, Cursorbewegungen nicht.

Bereits ab Mitte der neunziger Jahre brachten zahlreiche Unternehmen Sprachausgabelösungen auf den Markt, die hier für Anschluss sorgen sollten. Ihre Möglichkeiten sind jedoch nach wie vor begrenzt, im Arbeitsalltag mit Mehrpersonenbüros sind sie nicht wirklich praktikabel. Braillezeilen wiederum sind auf Schriftinhalte reduziert, anderes können sie nicht darstellen.

Auch der Siegeszug grafischer Benutzeroberflächen tat sein Übriges, diesen für Blinde negativen Trend zu verstärken: Von Infotainment über offizielle Dokumente bis in den Arbeitsalltag hinein wird zunehmend gern visualisiert statt beschrieben. Optisch transportierte Informationen gelten als leichter zugänglich. Braillemonitore könnten hier helfen, Nachteile auszugleichen.

Forschungsprojekte dieser Art sind dabei meist auf öffentliche Förderung angewiesen: Kommerzielle Unternehmen engagieren sich kaum. Während sich die Produktion von Gerätschaften und Software für Blinde und Sehbehinderte durchaus rechnen kann, sind die Entwicklungskosten kaum refinanzierbar. Laut Weltgesundheitsorganisation gibt es in Deutschland rund 165.000 Blinde, dazu kommen rund eine Million Menschen mit erheblichen Sehbehinderungen, die zu einem guten Teil auf Hilfsmittel wie extreme Großschriftmonitore bis hin zu Braillezeilen angewiesen sind.

ddp/pat



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