Protest gegen Spiele-Verbot Killerschach am Potsdamer Platz

Mit einer blutrünstigen Schachpartie am Potsdamer Platz richtet sich die Berliner Piratenpartei gegen das Verbot von "Killerspielen": Selbst die Passanten werden von kakaohaltigen Blutspritzern nicht verschont.

Von Helmut Merschmann


Am Ende fällt der weiße König. Schwarz hat die Partie gewonnen und hinterlässt ein Schachfeld der Verwüstung. Überall auf dem Berliner Potsdamer Platz liegen blutüberströmte Bauernopfer auf den weißen und schwarzen Quadraten. Von den beiden Spielern, die mit Megafon ihre Züge ankündigen, wurden sie gnadenlos in der Schlacht verheizt.

Es liegt ein Hauch von Kakao in der Luft. Mit dem Pulver ist das Kunstblut angereichert und gefärbt worden, das von den Spielern auf dem Potsdamer Platz literweise verspritzt worden ist. Die Szenerie lässt sich metaphorisch verstehen, denn die "Kundgebung gegen das Verbot von Killerspielen" zieht die derzeitige Debatte um den bayerischen Gesetzentwurf gehörig durch den Kakao. "Wir wollen die Absurdität der Situation aufzeigen", sagt Martin Häcker, einer der Initiatoren der Kundgebung.

Zur Spaß-Demo aufgerufen hatte die Piratenpartei, eine im vergangenen September in Berlin gegründete Organisation mit Landesverbänden in Berlin, Bayern und Hessen. Deutschlandweit zählt man bereits mehr als 300 Mitglieder, größtenteils Computer-Geeks und Spielefans, aber auch ein paar Ex-Grüne, wie Organisator Häcker verrät.

Mit der spektakulären Schachpartie wollen die Piraten gegen einen neuen Paragraphen Stellung beziehen, der auf Vorschlag Bayers ins Strafgesetzbuch übernommen werden soll. "Spielprogramme" heißt es darin, "die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen darstellen und dem Spieler die Beteiligung an dargestellten Gewalttätigkeiten solcher Art ermöglichen", sollen künftig unter Strafe stehen. Die Entscheidung im Bundesrat ist auf Herbst vertagt worden.

Piraten koalieren nicht

Für die Piratenpartei gehen die Vorschläge viel zu weit. Unter einem generellen Verbot bestimmter Computerspiele hätten eben nicht nur Jugendliche zu leiden. "Erwachsene Menschen sind mündige Bürger, die selbst entscheiden können, was sie tun", schallt es aus dem Megafon. Der bayerische Vorstoß zeige nur, dass er von Menschen stamme, die sich mit Computerspielen nicht auskennen. "Heutzutage wissen viele Kinder besser mit Computern Bescheid als ihre Eltern." Ein Verbot von Computerspielen sei "schwachsinnig, weil es in Deutschland einen funktionierenden Jugendschutz gibt und weit reichende Gesetze."

Die junge Piratenpartei nimmt darüber hinaus für sich in Anspruch, die "entscheidenden Themen des 21. Jahrhunderts" zu behandeln. Seitdem sich im Januar 2006 die schwedische Piratpartiet gegründet hatte, grassiert das Piratenfieber unter Anhängern von Open Source und digitalen Rechten auf der ganzen Welt.

Inzwischen hat sich eine Menschentraube um das Schachfeld am Potsdamer Platz versammelt. Johlend und feixend werden die Spielzüge kommentiert. Bisweilen müssen die meist jungen Zaungäste dem Kunstblut ausweichen, das von den Schachfiguren im hohen Bogen verspritzt wird. Einige Jugendliche wollen spontan der Piratenpartei beitreten. Johannes Klick nicht. Er ist Mitglied des Landesverbands der Jungen Liberalen in Berlin und hat sich ein gelbes T-Shirt mit entsprechendem Logo übergezogen. Weil er eine "große Übereinstimmung in Sachen gesellschaftlicher Transparenz und Selbstverantwortung zwischen den Jungen Liberalen und der Piratenpartei" entdeckt hat, wollte er eigentlich an der Schachpartie teilnehmen. Doch die Piraten denken noch nicht ans Koalieren.



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