Als in der Nacht vom 12. zum 13. Februar rund 15 Prozent des Quellcodes von Windows 2000 und NT begannen, die Runde um den Globus zu machen, waren sich die Experten längst nicht einig darüber, wie gefährlich das wirklich sein würde.
Der Quellcode in falschen Händen, warnten die einen, könnte böswilligen Hackern die Möglichkeit geben, neue Sicherheitslücken zu entdecken und für sich zu nutzen. Richtig, schränkten die anderen ein, aber allenfalls mittelfristig. Denn zuerst einmal müssten sich diese Finsterlinge durch 15 Millionen Zeilen Programmcode von Windows 2000, respektive 28 Millionen Zeilen bei Windows NT lesen. Da auch nicht der gesamte Quellcode verbreitet wurde, sondern nur Fragmente, schien es vielen Experten relativ unwahrscheinlich, dass sich daraus schnell ein Bedrohungspotenzial entwickeln würde.
Falsch gedacht: Bereits am Montag tauchte ein erstes "Exploit" auf, eine Anleitung zur Ausnutzung einer im Quellcode gefundenen Sicherheitslücke.
Der beste Schutz: Enthaltsamkeit
Die Geschwindigkeit, mit der ein anonymer IT-Experte mit dem Alias-Namen "GTA" den Ansatzpunkt für einen Angriff auf die Betriebssysteme fand, verblüfft Software-Fachleute. "So schwer", schreibt einer im Forum des stets bestens informierten IT-Newsdienstes Slashdot, "kann das offenbar nicht gewesen sein".
Das über nur ein Wochenende entwickelte Exploit zielt - wie so oft - auf das Doppel Internet-Explorer/Outlook. Das Gespann gilt seit Jahren als infernalisches Duo der IT-Sicherheit, als Haupteinfallstor für alle möglichen Hack-Attacken und Virenangriffe. Microsoft liefert Sicherheits-Flicken wie am Fließband, ohne damit bisher einen echten Erfolg zu erzielen. Die PC-Zeitschrift "Chip" hat für ihre Leser in der aktuellen Ausgabe ("Hacker Report 2004") da nur zwei wirklich gute IT-Sicherheitstipps: "Nutzen Sie einen anderen Mail-Client, etwa Pegasus-Mail" und gleich mehrmals "Benutzen Sie einen Browser wie Opera".
Anleitung zum Abschuss
Im aktuellen Fall beschreibt der Exploit nur, wie man durch Einschleusung eines entsprechend präparierten Bildes den Internet Explorer und Outlook zum Absturz bringt. Das scheint nicht nur bei Windows 2000 und NT zu funtionieren, sondern - in von Testern gemeldeten Fällen - möglicherweise auch bei Windows 98 und XP.
Jetzt tickt die Uhr, jetzt läuft der Countdown: Erfahrungsgemäß dauert es nicht lang von der Veröffentlichung eines Exploits bis zu dessen Nutzung. Jetzt bedarf es nur noch eines - in den Worten von Linux-Erfinder Linus Torvalds - "gelangweilten Teenagers", um das Exploit in ein Virus einzubauen.
Kein Einzelfall
Das gilt auch für die Anfang letzter Woche von Microsoft gemeldete "kritische Sicherheitslücke". Auch in diesem Fall dauerte es nur vier Tage bis ein Exploit in Umlauf kam. Das geschah anscheinend schon Samstag letzter Woche, inwischen gilt das Exploit als "weit verbreitet". Binnen weniger Tage sollte es nun zu ersten Virenattacken kommen, die versuchen, an dieser Sicherheitslücke anzusetzen.
Sechs Monate Entwicklungs- und Vorbereitungszeit brauchte Microsoft im Falle des letzten Lecks, um einen passenden Flicken bereit zu stellen. An mindestens sieben weiteren schlimmen Lecks doktert der Konzern seit bis zu fünf Monaten, ohne bisher vor den betreffenden Lecks konkret zu warnen: Die Warnung ist immer zugleich auch Werbung für die Ausnutzung der Sicherheitslöcher.
Bis auf weiteres dürfte also gelten: Gegen die aktuellen Exploits, die sich aus dem illegal verbreiteten Quellcode-Schnipseln ergeben mögen, ist so schnell kein Kraut gewachsen.
Frank Patalong
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