Renaissance der Modemtechnik Handys sollen piepen statt funken

Das typische Gedudel von Modems erklingt immer seltener, seit mehr und mehr Surfer auf DSL umsteigen. Forscher geben dem Gepiepse jedoch eine Zukunft: Handys haben allen Grund, sich mit Tönen zu verständigen - und das könnte auch noch gut klingen.

Von Karlhorst Klotz


"Schick mir lieber eine SMS oder E-Mail" heißt es oft am Telefon, wenn es darum geht, Namen, Adressen oder Telefonnummern fehlerfrei zu übertragen. Also auflegen, tippen und für solche Informationsschnipsel extra bezahlen? Viel zu umständlich und zu teuer, meinen Forscher aus Cambridge in England. Stattdessen sollten die Geräte sich lieber akustisch verständigen, denn Mikrofon und Lautsprecher haben Telefone schließlich alle schon eingebaut.

Handy: Schmalspur-Datenaustausch über Lautsprecher und Mikro
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Handy: Schmalspur-Datenaustausch über Lautsprecher und Mikro

Egal also ob nahezu unaussprechlicher Web-Link oder die aktuellen GPS-Koordinaten: Ein paar Piepser würden solche Daten noch während des Telefongesprächs akkurat transferieren, der Empfänger wüsste sofort exakt, welche Webadresse er aufrufen soll oder wo sein Gesprächspartner genau zu finden ist. Und völlig ohne elektromagnetische Wellen entstehen Netzwerke im näheren Umkreis der Geräte: Wenn etwa zwei Geschäftsleute auf einer Messe ihre elektronischen Visitenkarten austauschen wollen, reichen wenige Sekunden Daten-Gedudel zwischen zwei Mobiltelefonen, die in Hörweite sind.

Natürlich gibt es für die Übertragung im Nahbereich schickere Alternativen: Viele Handys kommen heute bereits mit Bluetooth, das bis zu zehn Metern Entfernung funkt, und die neuesten Modelle verstehen sich sogar auf die von Notebooks bekannte Kabellos-Technik WLAN. Ältere Handys setzen auf Infrarot-Übertragung, müssen dabei aber genau aufeinander ausgerichtet werden. "Die Audio-Übertragung ist wenig fehleranfällig und spart Strom", so Anil Madhavapeddy von der Universität Cambridge, der in einem Artikel kürzlich auf die "vergessene" Audio-Technologie aufmerksam gemacht hat.

Kommunizieren im bevorzugten Musikstil

Sogar in punkto Sicherheit hat sie Vorteile: Handys, die sich etwas zuträllern, bleiben zwar nicht unerkannt. Beim Bluetooth-Funk dagegen muss man mit Angreifern noch am anderen Ende der Wartehalle rechnen, die ihre Identität hinter nichts sagenden Kürzeln in den Auswahllisten des Handys verbergen.

Soll es beim Tonkontakt mal etwas diskreter zugehen, regelt man konspirativ die Lautstärke herunter und rückt näher zusammen. Das dürfte jeder Handy-Neuling schnell auf die Reihe kriegen. "Statt in mehreren Schritten eine Funkverbindung aufzubauen, ist eine Audio-Datenübertragung so einfach und intuitiv verständlich, als würde man einen Klingelton abspielen" wirbt Madhavapeddy für den Schmalspur-Datenaustausch.

Und er muss nicht einmal schlecht klingen. Denn Co-Autor Richard Sharp ist nicht nur Wissenschaftler am Intel Research Laboratorium in Cambridge, sondern auch ein exzellenter Pianist. Er hat ein Schema kreiert, das unterschiedliche Musikstile zur Wahl stellt. Sie bilden die Hülle, in denen die Datenpakete sich verstecken. Je nach gewähltem Genre ändert sich die Menge der erlaubten Töne von Takt zu Takt auf charakteristische Weise. Welcher dieser Töne gespielt wird, signalisiert dem Empfänger, welche Bits gemeint sind. Das Resultat ist durchaus melodisch, wie ein paar barocke Klangproben im Internet zeigen.

Dass die Handy-Industrie bislang wenig Gefallen an dem tönenden Datentransfer findet, der auf kleine Datenraten beschränkt ist, liegt vielleicht auch daran, dass sie und die Netzbetreiber damit weniger verdienen, als wenn sie auf Funktechniken setzen. Doch Anil Madhavapeddy wittert Morgenluft: "In jüngster Zeit zeigen Hersteller von Mobiltelefonen Interesse an ganz einfachen Geräten besonders für ältere und auch ganz junge Käufer."

Wenn der Kühlschrank flötet

Kindern könnte das High-Technik-Gefiepe allerdings schon früher zu Ohren kommen, geht es nach Crista Lopes von der University of California in Irvine. Sie sieht jedenfalls Chancen, dass Hersteller von Kinderspielzeug den datenträchtigen Sound einsetzen, wenn intelligente Spielwaren sich untereinander abstimmen. Um die Kleinen nicht zu verschrecken, versucht die am Institut für Software-Forschung tätige Professorin zum Beispiel Kommandos für Bewegungen in vertraute Klänge einzubetten: Nicht nur in Musik, sondern auch in Geräusche wie Vogelgezwitscher, Wind oder in den Ton fallender Wassertropfen.

Im Heim der Zukunft mit all seinen intelligenten Hausgeräten mag ein weiteres Einsatzfeld liegen. Wenn jedoch Kühlschrank und Mülleimer der Hauszentrale dann ständig ihre Statusberichte zuflöten, könnte das den Bewohnern leicht auf die Nerven gehen. Schon "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden" erkannte ja bereits Wilhelm Busch. Aber wer sagt denn, dass Schall immer hörbar sein muss? Für Fälle, in denen selbst ein melodischer Datenaustausch stört, raten die Cambridge-Forscher zur Übertragung nach Fledermaus-Art mit Ultraschall.



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