Retro-Kunst: Die wundersame Welt der Steampunks

Von Stefan Schultz

Flachbildschirme aus poliertem Messing, antike Radios mit eingebautem MP3-Player, ratternde RSS-Telegrafen: Steampunks koppeln moderne Technologie und Uraltgeräte zu bizarren Kunstwerken. Ihr Konzept nennen sie "Viktorianische Selbstverwirklichung".

Steampunk ist eine paradoxe Zauberwelt: industriell und doch verklärt; nostalgisch und doch Science Fiction; schön aber nutzlos. Eine Welt voll verchromter Zahnräder, schnaufender Kolbenstangen, Dampfrüstungen und Zeppelinen; eine Art materialisierte Essenz aus Neal Stephenson "Diamond Age", einem Stapel Jules-Vernes-Romanen und der Stadt Ironforge aus dem Online-Rollenspiel "World Of Warcraft".

Vor allem aber: Steampunk ist ein Kunstkonzept, dessen Ästhetik in alle Winkel der Popkultur vorgedrungen ist. "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen", besonders dessen Comic-Vorlage, hat ebenso Steampunk-Schick wie das Musikvideo der Smashing Pumpkins zur Single "Tonight Tonight".

Ästhetisch befassen sich Steampunks mit der Idee, wie die heutige Welt aussähe, wenn Dampf statt Elektrizität sie in Bewegung hielte. Wenn nicht nur Eisenbahnen mit Dampfmaschinen angetrieben würden, sondern auch Computer, Raumschiffe und Luftfahrzeuge. Wenn überall dort Messing und Kupfer zu finden wäre, wo heute Plastik drinsteckt. Es ist im Prinzip unsere Welt, sie ist nur in der Vergangenheit einmal anders abgebogen.

Neben medial erzeugten Steampunk-Welten gibt es auch ganz reale Kunstwerke. Anders als die Splatter-, Bio- oder Cyberpunks, die vor allem Theorien und Konzepte auftürmen, verfügen Steampunk-Enthusiasten über eine gestalterisch aktive Szene. Diese verarbeitet die dampfgetriebene, messingverkrustete Utopie zu greifbarer, verständlicher Do-It-Yourself-Kunst.

RSS-Telegrafen und Messing-Monitore

Einer dieser DIY-Künstler, der sich selbst Jake von Slatt nennt und im richtigen Leben bei einer IT-Firma in Massachusetts arbeitet, avanciert gerade zur Ikone der Steampunk-Szene. In seiner Garage werden aus Monitoren mittels Messingumhüllung Antik-Flatscreens, werden aus Gitarren mittels Zahnrad-Ornamenten Steampunk-Stratocaster, werden aus getriebenem Kupferblech Telegraphen, aus denen im Minutentakt die neusten RSS-Meldungen tickern.

Von Slatts neustes Projekt, ein MP3-Player, der aussieht wie ein antikes Radio, hat noch keinen Namen. Man könnte die Apparatur als "neoviktorianische Musiktruhe" bezeichnen. Sein Kabinettstück, eine Computertastatur mit Nickeltasten im stabilen Messingrahmen, hat es in Blogs und Foren inzwischen zu einigem Ruhm gebracht.

Ohnehin sind Steampunks vor allem dadurch bekannt geworden, dass sie ihre Projekte im Internet minutiös dokumentieren - inklusive Bilder, Beschreibungen und YouTube-Videos. In Schritt-für-Schritt-Anleitungen lernt der Vorbeisurfende, wie man komplizierte Steampunk-Artefakte selber nachbaut. Beispielsweise eine Computermaus, die aussieht wie ein des Telegrafierens mächtiger Messing-Mörser.

"Viktorianische Selbstverwirklichung"

Es geht beim Steampunk immer darum, moderne Technologie nostalgisch zu ästhetisieren. Von Slatt nennt diesen schöpferischen Akt "viktorianische Selbstverwirklichung". Das Viktorianische Zeitalter (1837-1901) sei für die Steampunk-Philosophie ohnehin zentral: Es sei die letzte Epoche, in der mutige Laien zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen konnten; in der Technologie immer auch eine ästhetische Komponente hatte. Vermutlich weil die meisten der Laien, die damals am menschlichen Fortschritt mitwerkelten, gut situierte Gentlemen mit ausgeprägtem Ästhetik-Gespür waren.

In diesem Sinne passt der Retro-Futurismus der Steampunk-Bewegung perfekt zu den zahlreichen anderen Retro-Strömungen der Netzkultur: dem Sammeln antiker Computer, der pixeligen 8-Bit-Kunst oder der Konservierung alter Spiele durch Kanons, Fangames oder Abandonware-Seiten.

All diese Bewegungen sind weit mehr als ästhetischer Selbstzweck. Sie haben die Funktion, den galoppierenden technologischen Fortschritt künstlerisch zu verklären, ihn hinter einer zeitlos wirkenden Fassade zu verstecken. Die dampfgetriebene, messingverkrustete Welt des Steampunk gibt diesem Verschleierungsdrang eine weitere glänzende Facette.

Der Bergrüßungstext des " Steampunk Magazine" liest sich in diesem Sinne wie ein ästhetisches Manifest. Dort steht:

"Vor dem Zeitalter der Mikro-Maschinerie, vor der Domestizierung der Elektrizität und des Verbrennungsmotors gab es wundervoll monströse Maschinen, die lebten und atmeten und unverhofft explodierten. Es war die Zeit, in der Kunst und Handwerk eins waren, in der technische Wunder erfunden und wieder vergessen wurden.

Es war die Zeit, die es so leider nie gegeben hat."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Tech
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Aus neu mach alt: Jake von Slatts Steampunk-Kunst
Fotostrecke
Steampunk-Projekt: Jacob W. Hildebrandts Messing-Maus


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.