Rubbellose Laptop-Scan identifizierte Gewinne

Es gibt Leute, die erkennen am Rappelgeräusch eines Überraschungseis, was drin ist. Es gibt Leute, die erkennen Gewinne am Strichcode auf der Rückseite von Rubbellosen. Im Ernst: Taiwan stampft gerade 8,3 Millionen Gewinnkärtchen ein.


Glück gehabt? Nein: Zumindest in Taiwan hatte diese Beschäftigung zeitweilig nichts mit Glück zu tun
DDP

Glück gehabt? Nein: Zumindest in Taiwan hatte diese Beschäftigung zeitweilig nichts mit Glück zu tun

Zweimal brachte Chen Shen-chang sein Laptop mit in den Lottoladen. Höflich fragte er, ob er die Strichcodes auf den Rückseiten der Rubbellose mit Barcodes in seinem Laptop vergleichen könne, bevor er sich zu einem Kauf entschließe. Illegal war das nicht, interessant auch: Trauben von Menschen sahen dem Automechaniker beim Gewinnen zu. Der Besitzer des Ladens hingegen sah zu, dass Taipeibank, Betreiber der Taiwan National Lottery, möglichst umgehend informiert wurde: Treffsicher gelang es Shen-chang, Gewinne über 1000 Taiwan-Dollar (etwa 28 Euro) aus dem Loseberg zu fischen.

Bei der Taipeibank schlug Vizepräsident Richard Yang schon bald Alarm, denn Shen-changs faszinierende Losfischer-Fähigkeit verbreitete sich auch dank medialer Schützenhilfe rasend schnell im ganzen Land - und 8,3 Millionen Lotterietickets verschwanden vom Markt, um eingestampft und neu gedruckt zu werden.

Chen-shang bestreitet, Entdecker der peinlichen Panne zu sein: Davon habe ihm "ein Freund" erzählt. Auch seine Mutter äußerte sich gegenüber der "China Times" entsprechend, sie wäre ja "so froh, wenn er das gewesen wäre".

Doch Shen-chang ist Automechaniker und bloßer Anwender, sagt er, was Bank und GTech, dem Unternehmen hinter den Rubbellosen, am Ende nur Recht ist: Irgendein Unbekannter, sagt die Bank, habe offenbar einen Zusammenhang zwischen Strichcode und Gewinnlosen entdeckt. Der habe offenbar einen beruflichen Hintergrund im Bereich Computertechnik. Klingt klar besser, auch wenn Automechaniker Shen-chang offenbar mühelos sieben von elf Losen richtig identifiziert, selbst wenn aufregenderweise die Kameras surren.

Dass es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Barcodes und Gewinnlosen gebe, sagt GTech, sei ganz klar Schuld der Banken. Die müssten halt ihre Codes öfter wechseln.

GTech wandte sich am Mittwoch trotzdem vorsorglich und sanft mahnend an Geschäftspartner in aller Welt, ähnliche Fehler zu vermeiden. Allerdings seien die "Vorgänge in Taiwan" auf "einzigartige Umstände" zurückzuführen, die so in "keinem Rechtsbereich" eines Landes vorlägen, in dem GTech mit Partnern geschäftlich involviert sei. Die Pressemitteilung enthält lange, schwer verständliche Haftungsausschlussklauseln aus den AGBs von GTech, die den Sachverhalt präventiv auch juristisch in die richtige Perspektive setzen. An der Börse rutschte GTech trotzdem satte 8,47 Prozent Richtung Keller.

Das amerikanische Unternehmen liefert Rubbelllose an über 80 Lotteriegesellschaften in 44 Ländern der Welt. In Deutschland arbeitet GTech mit der Lotterie Treuhandgesellschaft Thüringen, der Sächsischen Lotto GmbH und neuerdings mit Westlotto zusammen. Bisher scheint der Algorithmus zur Errechnung von Gewinnlosen die taiwanischen Staatsgrenzen nicht überschritten zu haben: Auch in Deutschland wird noch ganz konventionell und ohne Rechnerunterstützung gerubbelt.



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