Sat@Once Internet per Satellit zum Nulltarif

Auf dem Astra-Satelliten 1G läuft die Dauererprobung eines Daten-Pushdienstes in so genannter Casablanca-Technologie. Noch ist das ein Experiment - aber eines mit Perspektive: Schon im Juli will die Telekom den Dienst kostenfrei in seine DSL-Dienste integrieren.

Von Mario Gongolsky


Sat@Once-Programmschnittstelle: Webseiten-Auswahl per User-Abstimmung

Sat@Once-Programmschnittstelle: Webseiten-Auswahl per User-Abstimmung

Bisher ist alles "nur" ein Experiment. Beteiligt sind Hochschulen in Luxemburg, Frankreich und Italien, und auch die Europäische Weltraumagentur ESA und der Satellitenbetreiber Astra sitzen mit im Boot. Beim experimentellen Datendienst "Sat@Once" werden Newsgroups und Webseiten in einer Art endlosen Sendeschleife übertragen. Jeder, der eine Sat-Anlage mit DVB-S-Karte im PC sein eigen nennt, kann diesen Downstream mit inzwischen 1,8 Megabit Bandbreite über eine kleine Software auf eine eigene Festplattenpartition schaufeln - und das völlig kostenlos.

Kernstück des Systems ist ein Software-Client, der den eingehenden Datenstrom prüft und in komprimierten Datenpäckchen auf der Festplatte ablegt. Was hineinkommt in die tägliche Daten-Endlosschleife, legen die User per Internet fest. Das Voting-Modul ist Bestandteil der Casablanca-Software: Jeder Benutzer kann dort für Webseiten oder Newsgroups, die er gerne empfangen würde, seine Stimme abgeben. Im italienischen Uploadcenter von Sat@Once laufen die Stimmen ein und werden zusammen mit den Abrufen aus dem Proxycache zu einer Hitparade der via Satellit ausgesendeten Webseiten zusammengestellt.

Theorie und Praxis

Soweit die Theorie, doch gerade das Voting ist bei den Sat@Once-Nutzern heftig umstritten. Kaum ein Nutzer glaubt, dass es dabei mit rechten Dingen zugeht. Die Votingresultate werden nur unregelmäßig in einem Newsletter veröffentlicht, und es seien auffälligerweise fast immer die gleichen Webangebote, auf die im Newsticker hingewiesen würde. Einerlei, ob bei Sat@Once nun zusätzlich "Werbegelder" in das Projekt einfließen; fest steht: Das Wahlverfahren ist für die Benutzer nicht transparent.

Auch technisch ist Sat@Once noch nicht völlig ausgereift. Die Einstellung der krummen Transponderfrequenz von 12.603,75 MHz hat schon manchen DVB-Kartenbesitzer in die Verzweiflung getrieben. Meist funktioniert der Dienst zwar auch mit einem leichten Frequenzoffset (12.604 MHz), doch da es bei einem solchen Einwege-Datendienst keine besondere Fehlerkorrektur gibt, ist es ärgerlich, wenn defekte Datenpakete als unbrauchbarer Datenmüll die Festplatte verstopfen. Deutsche User würden sich zudem bessere Filtermöglichkeiten wünschen, denn ein großer Teil der übertragenen Webseiten und Newsgroups im Rahmen des internationalen Experimentes kommen in polnischer, tschechischer und italienischer Sprache daher. Noch ist Sat@Once also ein zwar kostenloser Dienst - aber auch einer mit erheblichen Schwächen.

Rechtliche Grenzen: Seiten ja, Files nein

Aus juristischen Gründen werden keine Files verschickt. Im Wesentlichen dominieren Webseiten das Angebot. Weder legale Microsoft-Patches noch illegale DVD-Kinofilme kann die heimische Satellitenschüssel auffangen. Auch ist die Abbildung der Webseiten sehr "flach": Von Startseiten wie Heise.de oder Spiegel.de geht nur ein Link auf Unterseiten ab, wer noch tiefer ins Angebot eintauchen möchte, muss dann doch ins Internet gehen. Trotzdem hat der Dienst auch in Deutschland ohne großen Werbeaufwand viele Freunde gefunden.

40.000 registrierte Sat@Once-User vermeldete der Satellitenbetreiber Astra in einer Pressemitteilung, die allerdings nochmals feststellt, dass es sich um ein Hochschulexperiment handelt. Distanziert man sich in der Astra-Zentrale von einem unliebsamen Projekt? "Ganz und gar nicht", stellt Pressesprecher Yves Feltes klar: "Wir unterstützen das Projekt sehr wohl mit dem Ziel, unseren Kunden einen Casablanca-Service als Option anbieten zu können." Distanz gibt es allenfalls bei der Frage der Inhaltauswahl, und für diese ist Astra eben auch nicht verantwortlich.

Die Telekom will Casablanca

Die deutschen Sat@Once Nutzer hoffen auf ein Casablanca-Angebot des Telekom-Dienstes "T-DSL via Satellit". In den Casablanca-Newsforen diskutieren Telekom-Mitarbeiter aus der Forschungsabteilung in Berlin fleißig mit. Die Beiträge sind stets mit dem Hinweis ausgestattet, dass solche Statements in keiner Weise die Meinung der Telekom wiedergeben. Doch die Einlassung, man beobachte hier aus dienstlicher Veranlassung die Stimmungen und Wünsche der Sat@Once-User, gaben dem Gerücht, die Telekom denke über eine Integration eines Casablanca-Dienstes nach, tüchtig Nahrung.

In der Bonner Zentrale gab sich Walter Genz, Pressesprecher für das Produkt T-DSL via Satellit, erst einmal glaubwürdig ahnungslos. Doch das Ergebnis seiner hausinternen Nachforschungen dürfte deutsche Casablanca-Freunde jubeln lassen: "Tatsächlich wird derzeit innerhalb des Projektes 'Datenkarussell' an einer Integration des Sat@Once-Dienstes in das Produktangebot zu T-DSL via Satellit gearbeitet. Das Projekt befindet sich derzeit in der Testphase. Die Nutzung ist dabei für den Kunden völlig kostenfrei." Als Vertriebsstart wird etwa Ende Juli angepeilt. Die Casablanca-Software wird in deutlich überarbeiteter Form dann als Teil der Telekom-Zugangssoftware unter www.telekom.de/t-dslsat zum Download zur Verfügung stehen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.