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Schach und Computer: Kampf der Maschinen-Menschen

Von André Schulz

Brutal, jung, schnell - das altehrwürdige Schachspiel hat sich in einen Hightech-unterstützten Neuronal-Sport verwandelt. Ab Samstag will Weltmeister Wladimir Kramnik im Match gegen das Programm Deep Fritz beweisen, dass Mensch noch immer mehr kann als die Maschine.

Die allgemeine Vorstellung vom Wettkampfschach wird vielleicht anhand folgender Anekdote deutlich. Bei einem Großmeisterturnier sitzen zwei Spieler am Tisch vor dem Brett und bewegen sich nicht. Schließlich, nach einer Stunde der gegenseitigen Bewegungslosigkeit, fragt einer der beiden: "Wer ist eigentlich am Zug?"

Schachboxen, ein eher exotisches Fun-Event, das trotzdem sinnbildlich für die Veränderung des Schachs steht: Nichts ist mehr, wie es war, bevor die Rechner alles schnell und aggressiv machten
DPA

Schachboxen, ein eher exotisches Fun-Event, das trotzdem sinnbildlich für die Veränderung des Schachs steht: Nichts ist mehr, wie es war, bevor die Rechner alles schnell und aggressiv machten

Das Bild des älteren Herren, der Zigarre rauchend seine Partie spielt, stammt noch aus den Anfängen des Turnierschachs in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Später prägten die Staatsamateure aus der UdSSR in schlecht sitzenden Anzügen mit Koffern voller Bücher und einer Schar von Sekundanten das Bild des Schachprofis.

Heute haben viele Schachprofis noch nicht einmal die Volljährigkeit erreicht. In ihren Koffern sind nur noch Klamotten oder wie im Falle des 16-jährigen Norwegers Magnus Carlsen ein paar Comics. An die Stelle der Bücher ist der Computer getreten, der das altehrwürdige Schachspiel in einen Hightech-unterstützten Neuronal-Sport verwandelt hat. Ein schnelles Notebook gehört zur Grundausrüstung eines jeden Schachprofis, der es zu etwas bringen will.

Für gewöhnlich befindet sich auf dem Notebook eine Datenbank mit allen bisher gespielten Turnierpartien, derzeit etwas mehr als drei Millionen. Blitzschnell können Eröffnungen zusammengefasst und ausgewertet werden. Erfährt man auf einem der vielen offenen Turniere, welchen Gegner man für die nächste Runde zugelost bekommen hat, dann dauert es keine Minute, bis man alle bisher gespielten Partien desselben auf dem Bildschirm hat. Mit Hilfe einer automatischen statistischen Auswertung wird blitzschnell auf die Schwachstellen im Repertoire des anderen hingewiesen. Was in der Zeit vor dem Computer eine langwierige Angelegenheit war, dauert nun wenige Minuten.

Langsam war gestern

Nach dem Siegeszug des Internets hat sich die Informationsgeschwindigkeit noch einmal um den Faktor zehn erhöht. Wenn in Shenjang, Moskau, Paris, Korsika oder Elista ein Turnier oder ein Wettkampf gespielt wird, werden die Partien entweder live übertragen oder kurz nach Abschluss tagesfrisch ins Netz gestellt. Von dort wandern sie direkt in die Datenbanken auf den Rechnern der weltweiten Schachgemeinde. Vielleicht kann man seinen Gegner noch mit einer Neuerung vom Vortage überraschen, später sicher nicht mehr.

Aber auch der Charakter des Schachs hat sich grundlegend geändert. Das einst so strategische Spiel, bei dem früher die überlegene Strategie zum Sieg führte, wird heute von taktischer Brutalität dominiert. Die Schachcomputerkids trainieren mit kraftvollen Schachprogrammen wie Junior, Shredder, Rybka oder Fritz und am Ende spielen sie auch so. Der schnellere und bessere menschliche Rechner übertrumpft den langsameren. Die Profis werden immer jünger. Urgesteine wie Viktor Kortschnoj, der als 75-Jähriger noch auf Turnieren antritt, sind heute die absolute Ausnahme.

Auch die Entwicklung der Eröffnungstheorie wird seit einiger Zeit von den Rechnern dominiert. Auf der Suche nach neuen Ideen und Überraschungen durchforsten die Profis unentwegt bekannte Varianten und lassen die Maschine neue Ideen ausprobieren. Der gefundene neue Zug muss dabei gar nicht besser sein als die bisher gespielten. Schon wenn der Gegner die richtigen Antworten alleine und ohne maschinelle Hilfe am Brett finden muss, hat man sich einen gewaltigen Vorteil verschafft.

Der neueste weltweite Trend ist das Online-Schach. Hier werden Partien von drei, höchstens vier Minuten Bedenkzeit für jede Seite gespielt. Beliebt sind die sogenannten Bullet-Partien, bei denen jede Seite eine Minute Gesamtbedenkzeit pro Partie hat – eine Mischung aus Geschicklichkeitsspiel und Schach, bei dem der gewinnt, der die Züge des Gegners am besten errät und in einem sogenannten Pre-Move-Verfahren seine eigenen Züge bereits vorab mit der Maus gezogen hat. Nach zwei Minuten ist alles vorbei und die nächste Partie beginnt.

Fleißige Spieler haben es hier bereits auf über 100.000 gespielte Partien gebracht. Michail Moissejewitsch Botwinnik, legendärer russischer Schachgroß- und Weltmeister und Begründer der russischen Schachschule, würde sich wohl im Grabe umdrehen. Seine modernen Nachfolger absolvieren ihr Training online und anonym auf den Schachservern dieser Welt.

Morgen beginnt die Schach-Schlacht von Weltmeister Wladimir Kramnik gegen ein Stück Software - es wird sich zeigen, ob der computerunterstützte Mensch von heute noch Chancen gegen menschenunterstützte Computer hat. Bei SPIEGEL ONLINE können sie das Turnier Mensch gegen Maschine live verfolgen.

Autor André Schulz ist Redakteur des Web-Angebotes von Chessbase, dem Entwickler von Deep Fritz.

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