Sex sells: Internetsurfer lieben die Nacktstrände

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Pornographie kommt groß raus im Internet. Jeder dritte amerikanische Internetbenutzer besuchte im April eine einschlägige Website. Nach wie vor werden hauptsächlich die Augen stimuliert. Doch die Rufe nach "Brain Candy" werden lauter.

Sex ist der meistgesuchte Begriff in Internetsuchmaschinen. Pornoseiten sind die einzigen Content Sites, die Profit abwerfen. Von den 10 Milliarden Dollar, die letztes Jahr im E-Commerce umgesetzt wurden, sind 1 Milliarde für (unscharfe) Live-Videos, Sexspielzeuge und Liebesgeflüster draufgegangen. Der Erfolg macht Porn auf einmal gesellschaftsfähig, ja sogar nachahmungswürdig: Der Industry Standard, das Branchenblatt der New Economy, brachte im März eine Titelstory "Die Lektionen des Porn". Und selbst das konservative Wall Street Journal hatte einen Aufmacher darüber, "wie Pamela Anderson Lee zur 77-Millionen-Dollar-Frau des Web wurde".

All das Gerede hat die New York New Media Association (NYNMA) (www.nynma.org) letzten Monat veranlaßt, zur Diskussion einzuladen: "Sex und das Internet: Was Sie von der Online-Sexindustrie lernen können". Schon im Titel schwang die Behauptung mit, daß der Erfolg von Online-Porn nicht allein mit der Zauberformel "Sex sells" zu erklären sei. Moderator Jeffrey Chervokas zählte begeistert die anderen möglichen Gründe auf: Pornoseiten seien Vorreiter in Technologie, Webdesign und Bezahlungsmodellen und würden die Vorteile des Internets konsequent ausnutzen. Doch diese Kleinigkeiten - da waren sich die geladenen Experten einig - verblassen neben der entscheidenden Neuerung, die das Internet bringt: Anonymität, die meistgesuchte Eigenschaft in der Schmuddelecke.

"Es beginnt mit der Weisheit: Sex sells. Und dann kommt Anonymität", sagte Mark Tiarra, Präsident der Branchenvereinigung United Adult Sites. In einem Interview fügt er hinzu: "Das Internet erlaubt endlich komplette Privatheit. Zuerst mußte man in ein schmieriges Kino gehen und die Angst überkam den Sexhungrigen, gesehen zu werden. Dann konnte man Videos bekommen und mit nach Hause nehmen, aber man mußte immer noch dem Verkäufer ins Gesicht sehen. Jetzt muß man niemanden mehr sehen und keine Hemmungen überwinden." Das hat zur Folge, daß die Dämme brechen: 19,8 Millionen Amerikaner haben im April mindestens eine Adult Site besucht, laut Media Metrix. Das sind 32,4 Prozent aller amerikanischen Internetbenutzer. Die drei bestbesuchten Sites im Mai waren AL4A.com (17,5 Millionen Besucher), Marks Bookmarks (13,5 Millionen) und Karas Adult Playground (10 Millionen), sagt Andy Edmond vom Sex Tracker, einer Seite, die monatlich eine Rangliste von über 15.000 existierenden Adult Sites herausgibt.

Doch die Hürden sind nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Anbieter gesunken. Es sind nicht mehr nur große Verlagsunternehmen, die Pornomagazine herausbringen können. Im Netz liegen die Einstiegskosten bei einigen hundert, vielleicht tausend Dollar. Das Resultat: "95 Prozent der Pornoseiten sind Mom-and-Pop-Unternehmen", sagt Jane Duvall, 29, Gründerin von "Janes Guide" (www.janesguide.com), einer Orientierungshilfe im Online-Pornodickicht. Mom and Pop, das heißt, die Mehrzahl der Sites wird von wenigen Personen, oft nur von einer Person, von zu Hause aus betrieben. Leute installieren eine Webcam im Badezimmer und lassen sich beim Zähneputzen ins Dekolleté gucken, sie stellen Nacktfotos und -videos von sich und Freunden ins Netz, oder sie kaufen eine CD-Rom mit ein paar hundert Bildern und basteln sich eine eigene "professionelle" Porno-Website. Dann kassieren sie ab: Der "Mitgliedsbeitrag", der Zugang zu den Fotos eröffnet, beträgt meist einige Dollar pro Monat. Doch da der Markt inzwischen übersättigt ist, werden sie nicht reich: 2000 bis 4000 Dollar pro Monat macht die durchschnittliche Amateur-Website, schätzt Jane Duvall. "Die meisten machen gerade genug, um zu überleben, aber das reicht ihnen auch", sagt sie.

Im härteren Wettbewerb von heute empfehlen Experten - nicht ganz uneigennützig -, sich von einer erfahrenen Firma unter die Fittiche nehmen zu lassen. "Wenn ich eine Pornosite starten wollte, würde ich zu einer großen Firma wie IEG oder einem unserer Wettbewerber gehen. Wir geben Anleitung bis hin zum Verkauf von kompletten Einstiegspaketen", sagt Seth Warshavsky, Chef der Internet Entertainment Group (IEG) (www.ieg.com), die Tausende von Pornoseiten gestartet hat. Die Einstiegspakete von IEG kosten zwischen 3000 und 5000 Dollar. Mark Tiarra, dessen Tiarra Corporation (www.tiarracorp.com) ebenfalls solche Pakete verkauft, sieht das ähnlich: "Man braucht viel mehr Planung, Informationen und Geld für den Durchbruch heutzutage. Wahrscheinlich kommen deshalb immer mehr Kunden zu uns."

Es reicht beispielsweise nicht, die immer gleichen Model-Bilder von der weitverbreiteten CD-Rom der Firma ZMaster Productions anzubieten. Solche Seiten haben keine Zukunft, sagt Tiarra: "Originaler Inhalt ist gefragt." In dieser Hinsicht haben die dominierenden Firmen wie IEG, Cybererotica und RJBTelcom einen Vorteil: Wie Playboy und Penthouse haben sie Talentsucher, Exklusiv-Models und Produktionsstätten, wo sie Live-Videos in hoher Qualität herstellen können. Außerdem haben sie tonnenweise Geld für Werbung und Extras: IEG zum Beispiel, die unter anderem Clublove (www.clublove.com) und Girls, girls, girls betreibt, brüstet sich damit, daß ihre Server erdbebensicher sind - für "uninterrupted service".

Auf der anderen Seite ist zuviel Perfektion auch nicht gut, denn sie schafft keine Intimität. Und, sagt Jane Duvall, "Intimität ist wichtig im Netz." Darin liegt der Appeal von sehr persönlichen Sites wie Webcams oder Homepages mit Amateurfotos, die nicht nur Rundungen, sondern auch Kanten zeigen. "Ich mag Seiten mit Persönlichkeit. Wo die Person nicht unnahbar ist, sondern echt. Wo die Person eine Geschichte hat", sagt Duvall.

Ashley, 19, und Chris, 21, sind solche Low-Budget-Amateure. Sie sind Studenten an der University of Texas und haben drei Kameras (www.collegecouplecam.com) in Badezimmer, Wohnzimmer und Schlafzimmer installiert. Zusätzlich führen sie Tagebücher und kündigen ihren Tagesablauf auf der Website an. Ihre Kosten bleiben unter tausend Dollar im Monat. Sie verdienen genug, um ihre Miete zu bezahlen. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum sie es machen. "Es macht Spaß", schreibt Ashley in einer E-Mail. "Es macht viele Leute glücklich zu sehen, wie ein "normales" Collegepärchen lebt. Und uns macht es glücklich, das zu wissen". Während die meisten Besucher zunächst nur Mitglied der Seite werden, um ihnen beim Sex zuzusehen, bleiben sie später eher wegen des Unterhaltungswerts der täglichen Soap-Opera. "Die Leute realisieren, daß Nacktheit nicht so spannend ist, wenn sie nicht neben einem liegt. Die meisten bleiben wegen der Tagebücher", schreibt Ashley. Sie nennen ihre Seite daher nicht Pornsite, sondern "Real life"-Site - wenn auch mit "quite a bit of nudity and sexual activity".

Wie in der wirklichen Welt ist das Rotlichtviertel im Netz vor allem von Männern bevölkert. "98 Prozent unserer Besucher sind Männer. Sie sind typischerweise zwischen 30 und 45 Jahre alt und besuchen unsere Seiten gegen Ende des Bürotages", sagt Tiarra. Er glaubt daher nicht, daß das Netz die Porno-Klientel oder das Image von Porn grundsätzlich verändert hätte. Doch die Daten von Media Metrix sind nicht ganz so eindeutig: Von den 19,8 Millionen Amerikanern, die im April eine Adult Site besucht haben, waren 13,6 Millionen Männer, 4,6 Millionen Frauen und der Rest Teenager unter 18 (die nicht nach Geschlecht unterschieden werden).

Zumindest einige Frauen im männerdominierten Pornbusiness finden es an der Zeit, daß auch an die weiblichen Wünsche gedacht wird. Im Juli 1998 wurde mit Purve (www.purve.com) die erste kommerzielle Pornoseite für heterosexuelle Frauen gestartet. Sie hat mehr Text als die durchschnittliche "Männerseite": Erotische Gedichte, Geschichten und ein Chatforum. Carla Paterson, die "Webmistress" von Purve, will das Angebot in den kommenden Monaten noch erweitern. Außerdem will sie mit einem "Click-Thru"-Programm kleinen frauenorientierten Sites die Chance geben, Geld zu verdienen. Mit 60.000 Besucherinnen pro Monat ist Purve allerdings noch weit entfernt von der Portal-Größe etablierter Männerseiten, deren Besucherzahlen in die Millionen gehen. Doch die Anzahl an Frauenseiten (www.ladylynx.com) steigt: Neben Purve gibt es inzwischen so vielsagende Seiten wie Pandoras Garden (www.pandorasgarden.com), Sensualwoman (www.sensualwoman.com) und - ganz süß - Sweet Banana (www.sweetbanana.com).

Eine Seite, die Männer und Frauen gleichermaßen anspricht, ist die Softporno-Seite Nerve.com (www.nerve.com), in Deutschland auch als Nerve.de zu finden. Gründer Rufus Griscom sieht die Ursache dafür vor allem in der Kopflastigkeit der Site. "Die meisten Seiten ignorieren die Wünsche von Frauen und die Gehirne von Männern. Nerve schließt diese Lücke", sagte Griscom in der NYNMA-Diskussionsrunde. Erotische Texte, viele von bekannten Autoren, und künstlerische Fotos ziehen ein Publikum an, das zu 96 Prozent einen Universitätsabschluß hat und überdurchschnittlich verdient. Nerve hat daher keine Schwierigkeiten, Anzeigen zu verkaufen - obwohl es große Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt: "In Deutschland kriegen wir Anzeigenkunden wie IBM. In den USA wollen große Firmen nicht in so einer Umgebung werben", sagte Griscom. Und das, obwohl Nerve sich unter dem Erotikmäntelchen vom anstößigen Porngeschäft abzusetzen versucht.

Die Lektion von Nerve und anderen qualitätshaltigen Seiten ist, daß Sorgfalt im Gestalten der Umgebung sich auszahlt. Mark Tiarra stimmt zu, daß "Brain Candy" wie Geschichten und Chats wichtig sind, weil sie die "Retention Rate" erhöhen: Abonnenten springen nicht so schnell ab. Auf der anderen Seite steigen die Kosten für solche Unternehmen erheblich: Nerve zum Beispiel startete mit 100.000 Dollar. Und das ökonomische Argument ist nicht zwingend: Angesichts des männlichen Dranges nach unmittelbarer Gratifikation wird sich auch mit schlechten Fotos immer ein schneller Dollar machen lassen.

Ein gewichtigeres Problem, mit dem die Branche zu kämpfen hat, ist Unglaubwürdigkeit. 22 Prozent potentieller Kunden würden Pornsites aus Angst vor Mißbrauch keine Kreditkarteninformation geben, fand eine Umfrage von "Janes Guide" heraus. Das jedoch ist der gesetzliche Eintrittspreis, um das Alter zu verifizieren. Die Angst ist in vielen Fällen gerechtfertigt. Viele Pornoseiten sind nicht nur kundenunfreundlich, sondern betrügerisch. So kommt es vor, daß die Pornsite-Betreiber vom Konto abbuchen, selbst nachdem man ausgetreten ist. Oder Kunden vergessen einfach, daß sie jemals beigetreten sind und können dann, wenn sie austreten wollen, die Website nicht mehr finden, weil auf der Rechnung aus Diskretionsgründen kein Name auftaucht.

"Als wir begannen, die Sites anzugucken, erkannten wir, wie viele Kundenfallen es gibt", sagt Jane Duvall, die zunächst nur eine Linkliste aufstellen wollte. Inzwischen aber hat sich "Janes Guide" (www.janesguide.com) zur Verbraucherschutzseite entwickelt. "Wenn Leute zum Beispiel Beschwerden haben oder ein Abonnement kündigen wollen, dann helfen wir ihnen, die Firma zu finden, die hinter einer bestimmten Seite steckt. Das ist oft gar nicht so einfach", sagt Duvall. Zu den Geschäftspraktiken, die dem Ansehen der Branche mehr schaden als nützen, zählen auch die "Exit Consoles": Das sind die Fenster, die auftauchen, wenn man versucht, bestimmte Pornoseiten zu verlassen. "Jeder, der es einmal gemacht hat, weiß, es gibt Seiten, die man einfach nicht verlassen kann", sagt Tiarra. "Man schließt Fenster über Fenster, und immer gehen neue auf."

Die Experten stimmen überein: Das Internet hat die Sexindustrie verändert. Wie in allen anderen Ecken des WWW blühen die wildesten Blumen. Nie zuvor waren so viele Leute im Porno-Geschäft tätig. Doch ein paar der alten Regeln bleiben bestehen, allen voran die, daß die großen Firmen das große Geld machen. Und die großen Firmen von heute sind die, die zuerst da waren und am aggressivsten sind: IEG beispielsweise wurde 1995 vom damals 22jährigen Seth Warshavsky gegründet und hat seitdem regelmäßig für Schlagzeilen gesorgt. Warshavsky hat viele Beinamen: Porno-Wunderkind, Cyberporn-Zar und was Journalisten sonst noch so alles einfällt für jemanden, der mit 17 von einer Fernsehwerbung für Telefonsex inspiriert wurde und jetzt Besitzer eines Millionenunternehmens ist.

Bekannt wurde IEG zunächst mit dem Launch von Clublove.com, der ersten großen Abo-Pornsite, die inzwischen über 120.000 zahlende Abonnenten hat. Dann mit der Veröffentlichung des berühmten Hochzeitsreisevideos von Pamela Anderson und Tommy Lee, das die beiden in diversen Sexszenen zeigt. Und zuletzt mit dem geplanten Börsengang. Letzteres haben Pornofirmen bisher vermieden - wegen mangelnder Aussichten: Denn in der Öffentlichkeit ist Porn tabu, und Kapitalgeber bleiben in dem Fall lieber inkognito. Doch Warshavsky sagt, der Börsengang sei weiterhin in der Planung: "Es läuft gut zur Zeit. Wir werden unsere Finanzierungsstrategie innerhalb der nächsten 60 Tage bekanntgeben". 1998 hatte IEG Einnahmen in Höhe von 50 Millionen Dollar; der Gewinn belief sich auf 15 Millionen. Und IEG expandiert in benachbarte Felder wie Online-Surgery und den Online-Verkauf von Viagra. Andere große "Porn Players" wie RJB Telcom, der Betreiber von Karas Adult Playground und Cybererotica nehmen zwischen zehn und vierzig Millionen im Jahr ein, schätzt Mark Tiarra.

Wie das gesamte Internet ist auch der Online-Porn-Markt von US-Firmen dominiert. Ebenso haben 90 Prozent der Kunden ihren Wohnsitz in den USA. Doch - und das werden die Zukunftspolitiker in Deutschland gerne hören - die Deutschen sind technologisch gar nicht so hinterher, wenn es ums Surfen bestimmter Seiten geht: 50 Prozent aller ausländischen Besucher von US-Sex-Sites sind deutsch. Das ist Rang 1. Und das ist nicht allein mit der hohen Zahl deutscher Internetanschlüsse zu erklären: Nur 10 Prozent aller nichtamerikanischen Internetbenutzer kommen aus Deutschland.

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