Skype-Herausforderer Jajah Revolution mit dem Gratis-Telefon

Zwei Österreicher wollen die Telefonbranche aufmischen. Mit Hilfe kalifornischer Internet-Zaren plant ihre Firma Jajah eine Vermählung von klassischer und Web-Telefonie. Der populäre Kontrahent Skype sei dagegen nur noch ein Nischenprodukt - sagen die Firmengründer im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


Die Jajah-Gründer Roman Scharf und Daniel Mattes: "Voice 2.0"

Die Jajah-Gründer Roman Scharf und Daniel Mattes: "Voice 2.0"

Man merkt Roman Scharf an, dass es ihn selbst völlig begeistert, was gerade mit seinem Unternehmen passiert. Ende 2004 wurde Jajah gegründet, um Telefonie und Internet zu verbinden. Dann kam Sequoia, eine der berühmtesten Venture-Capital-Gruppen der Welt, und begann die Firma zu fördern: Die Amerikaner, die auch schon Unternehmen wie Google, Apple, Cisco und Yahoo geholfen haben, gaben ein paar Millionen.

Scharf bekam in Sequoias "Business-Inkubator" in Kalifornien zunächst das gleiche Büro zugeteilt, in dem einst die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page saßen, berichtet Scharf mit leuchtenden Augen. Inzwischen sitzt Jajah nicht mehr in Österreich, sondern in Mountain View, Kalifornien. Scharf hat auch schon Steve Jobs kennengelernt. "Sequoia-Dollars sind mehr Wert als andere" - davon sind Scharf und sein Kompagnon Daniel Mattes genauso überzeugt wie von ihrer Geschäftsidee.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert Jajah?

Scharf : Jajah ist eine neue Art zu telefonieren. Man geht auf die Webseite, gibt dort die eigene Telefonnummer ein und die Nummer, die man anrufen will, klickt eine Taste - dann läutet das eigene Telefon, man wird verbunden. Das funktioniert gratis, wenn man sich innerhalb der Community bewegt, also für Gespräche zwischen registrierten Nutzern. Ansonsten ist es das günstigste Telefonieangebot auf dem Markt, kostet zum Beispiel zwei Cent nach China, nach Japan, in alle europäischen Länder.

SPIEGEL ONLINE: Sie nutzen normale Festnetz- oder Mobiltelefone als Endgeräte - das heißt, für die letzte Meile müssen sie an die lokalen Netzbetreiber zahlen?

Scharf: Ja, wir zahlen immer für die letzte Meile, links und rechts. Aber aufgrund dieses Setups zahlen wir links und rechts zusammen weniger oder zumindest nicht mehr als andere Anbieter von Internet-Telefonie.

SPIEGEL ONLINE: Die Telekomanbieter torpedieren ja ihr eigenes Geschäft, wenn sie mit Ihnen Verträge machen. Ist es schwer, sich da zu einigen?

Scharf: Das hat sich ein bisschen verbessert, weil die Telekomanbieter wissen, dass das nicht aufzuhalten ist. Wenn jemand über MSN Messenger oder Skype von PC zu PC telefoniert, ist das Problem für die Telekomindustrie wesentlich größer. Wir schaffen eine Lösung, die einerseits dem Benutzer die Vorteile der neuen Technologien bringt, andererseits aber der Industrie einen fairen Preis bezahlt für den Rohstoff Telefonieminute. Wir sind vielleicht der "least hated enemy", der am wenigsten verhasste Feind der Telekommunikationsbranche.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, für die Nutzer wird so alles billiger - aber irgendwie müssen Sie ja auch Geld verdienen.

Scharf: Wir verdienen Geld. Wir verdienen im Schnitt acht Euro pro Nutzer im Monat.

SPIEGEL ONLINE: Und womit? Damit, dass dieser User zwischendurch auch mal nach China telefoniert?

Scharf: Damit, dass viele User in Europa mal auf einem Handy anrufen. Denn das ist nicht gratis, sondern kostet 15 Cent pro Minute. Das ist im Vergleich günstig, aber nicht kostenlos. Die gleichen 15 Cent fallen an, wenn ich auf einem englischen oder französischen Handy anrufe, was dann schon wieder sehr günstig ist. Die einfache Telefonie von A nach B wird immer günstiger. Daneben gibt es aber Bedürfnisse der Menschen, mit neuen Features das Telefonieren aufzuwerten - und diese neuen Features erzeugen neue Einnahmen. SMS in alle Welt zum Beispiel, "scheduled calls" zu einem vorher festgelegten Termin, oder kinderleichte "conference calls", bei denen ich mit mehreren Teilnehmern gleichzeitig telefonieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Solche Konferenzanrufe kann ich mit Skype auch machen.

Scharf: Aber da müssen alle am Computer sitzen. Wenn jemand unterwegs ist oder weniger Technik-affin, käme Skype nie in Frage. Skype ist für mich ein Nischenprodukt.

SPIEGEL ONLINE: Ich kann Ihr Angebot aber auch nur nutzen, wenn ich vor meinem PC sitze.

Scharf: Das ist nur noch sechs Wochen lang so.

SPIEGEL ONLINE: Was wird dann passieren?

Scharf: Dann machen wir das Ganze vom Handy aus.

SPIEGEL ONLINE: Vom mobilen Browser aus?

Scharf: Nein. Wir launchen das am 26. September in den USA. Wir werden eine absolute Neuheit präsentieren - also können wir jetzt noch nichts Genaues darüber erzählen. Nur soviel: Es wird ein kostenloses Plugin geben, welches die günstigen Jajah-Tarife auf dem Handy ermöglicht – und das weltweit und ohne Browser.

SPIEGEL ONLINE: Und das können sie kostendeckend anbieten?

Scharf: Gewinnbringend. Wir haben 30 Prozent Marge.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auf Ihrer Seite eine "Fair Use Policy", nach der man nicht länger als eine Stunde am Tag über Jajah telefonieren soll. Wenn Sie kostendeckend arbeiten - wozu brauchen Sie die?

Scharf: Weil sonst jeder Call-Shop nur noch Jajah macht, über eine Leitung zwölf Stunden am Tag raustelefoniert und dadurch die Community schädigt. Wir überlegen aber, ob wir Nutzer, die regelmäßig zahlen, auch irgendwann davon befreien - oder Business-Kunden.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie ohnehin daran verdienen, müssten Sie sich doch darüber freuen, wenn der Call-Shop über Jajah telefonieren lässt?

Scharf: Der pickt sich meistens nur die Rosinen heraus. Der telefoniert nur nach Frankreich, England oder Amerika, wo es gratis ist - und kostenpflichtige Ziele oder Zusatzdienste werden nicht genutzt. Wir müssen diesen Mix haben. Das funktioniert nicht, wenn gewerbliche Nutzer nur den Gratisbereich nutzen, weil die dadurch ja die ganzen anständigen User gefährden.

SPIEGEL ONLINE: Sie kokettieren mit dem Begriff "Voice 2.0". Warum? Telefonieren ist doch ein alter Hut.

Scharf: Das herkömmliche Telefonieren. Wir integrieren Jajah aber laufend in Portale, die Communitys haben, die wir bereichern mit unserer Lösung - weil jeder Nutzer ein Telefon hat. Wir haben das in den USA zum Beispiel in den Online-Adressbuchdienst Plaxo integriert: Die Plaxo-Nutzer können jetzt gegenseitig Telefonnummern anklicken. Für Dating-Portale ist das auch perfekt geeignet, denn da können zwei Nutzer telefonieren, ohne dass Er oder Sie die eigene Telefonnummer verraten müssen. Wir integrieren Jajah jetzt in Linkedin und alle möglichen anderen "social networks" - das ist eine neue Qualität der Kommunikation für diese Communitys.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kunden haben Sie denn bis jetzt?

Scharf: Wir veröffentlichen bis zum Ablauf des vollen Wirtschaftsjahres keine konkreten Nutzerzahlen. Nur soviel: Wir wollten eigentlich bis zum Jahresende eine Million zahlende User erreichen - und dieses freudige Ereignis wird wesentlich früher stattfinden als geplant.

Die Fragen stellte Christian Stöcker



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