Smart Senior Mit intelligenter Technik auch im Alter mobil bleiben

Die Medizinindustrie entwickelt bislang kaum technische Hilfsmittel für ältere Menschen. Damit sich das ändert, investiert das Forschungsministerium 145 Millionen Euro in Projekte, um die Selbständigkeit im Alter zu erhalten. Eines davon ist das Projekt Smart Senior an der Berliner Charité.


Die alte Dame bewegt sich mit schleppenden Schritten über den Krankenhausflur. Auf ihren Gehwagen gestützt, lässt sie den kleinen Bildschirm zwischen den Handgriffen nicht aus den Augen. Denn dort blinkt ein roter Pfeil und weist ihr den Weg.

Mobilität im Alter: Intelligente Assistenzsysteme sollen helfen
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Mobilität im Alter: Intelligente Assistenzsysteme sollen helfen

"Auch wer sich sonst schwer zurechtfindet, kann mit so einem Navigator den Speisesaal im Pflegeheim problemlos finden", sagt Professor Elisabeth Steinhagen-Thiessen. Sie leitet die Forschungsgruppe Geriatrie der Berliner Charité, wo am Montag das Projekt Smart Senior an den Start gebracht wurde - als erstes von bundesweit 17, die Forschung, Industrie und Pflege in ein Boot holen sollen, um alten Menschen länger Mobilität, Selbständigkeit und Gesundheit zu bewahren.

Technik als Lebenshilfe

Das Bundesforschungsministerium unterstützt die Vorhaben mit insgesamt 145 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren. Allein für Smart Senior gibt es 25 Millionen Euro, hinzu kommen 18 Millionen Euro aus der Wirtschaft. Eine Initiative, die nach Ansicht von Altersforschern überfällig ist. "Wir sind zu großen Teilen immer noch nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet", sagt Steinhagen-Thiessen. Zu lange habe man technische Hilfsmittel für Alte verteufelt. "Aber es geht nicht darum, die Menschen in der Alten- und Krankenpflege zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen." Bei einem Gang durch das Evangelische Geriatriezentrum Berlin stellt die Altersforscherin vor, was sie damit meint.

In einem Therapieraum sitzt eine Schlaganfallpatientin vor einem Computer: Ein spezielles Trainingsprogramm hilft ihr dabei, schrittweise die Hand an den Mund zu führen. Sensoren am Körper kontrollieren ihre Bewegung und das Programm gibt auch ein Feedback, wie gut ihr die Übung gelungen ist.

"Am Anfang sind die Berührungsängste groß. Aber dann sind die Patienten ganz wild auf diese Computerübungen und wollen gar nicht mehr aufhören", berichtet eine Ergotherapeutin. Gerade weil es für viele Patienten frustrierend sei, vor einem Therapeuten die ersten, winzigen und nicht immer erfolgreichen Schritte zu machen. "Aber vor dem Computer können sie einfach so lange für sich weiterüben, bis es klappt", sagt sie.

Wie wichtig diese Selbständigkeit ist, davon weiß auch der SPIEGEL-Journalist Jürgen Leinemann zu berichten. Vor mehr als einem Jahr erkrankte er schwer und fand erst nach monatelanger Therapie im Berliner Zentrum in sein Leben zurück. "Ich war immer ein technischer Idiot und habe mich nie dafür interessiert", sagt er. "Aber mein Selbstwertgefühl lag nach der Krankheit am Boden, und die Rückkehr in den Alltag war sehr wichtig. Da ist mir heute jede technische Unterstützung recht."

Automatischer Alarm

Professor Hans Aukes von der Deutschen Telekom, Sprecher des Projektes Smart Senior, betont, dass die technischen Neuerungen sich möglichst ohne Spuren in den Alltag der Alten einfügen und leicht bedienbar bleiben müssen. Aukes: "Das Thema Handys hat uns gezeigt, wie man es nicht macht. Geräte und Displays wurden immer kleiner, die Technik immer komplizierter."

In der Handhabung einfach, technisch aber hochkomplex soll etwa der Notfallsensor der Zukunft sein: Als Armband getragen, messen mikroskopisch feine Fühler Atmung, Puls, Schweiß, aber auch Zucker- oder EKG-Werte. Gefährliche Abweichungen werden an eine Notfallzentrale gemeldet, die Alarm auslöst. Der Clou an der Sache: eine standardisierte Schnittstelle, die die Daten sowohl über W-Lan als auch über Mobilfunk weiterleitet und somit den Träger grenzenlos mobil sein lässt.

Auch ein mit Sensoren ausgestatteter Hüftgürtel, der vor Stürzen warnt, oder ein selbstfahrender Rollstuhl, der durch Kopfnicken bewegt wird und Hindernissen automatisch ausweicht, gehören zu den Hilfsmitteln der Zukunft. Geforscht wird zudem an einem Notfallassistent fürs Auto, der etwa bei einem Schlaganfall des Fahrers den Wagen sicher zum Stehen bringt.

"Was uns Hoffnung macht, ist, dass auch Krankenkassen mit im Boot sind und das Projekt unterstützen", sagt Aukes. Daneben sind es die Deutsche Telekom, Alcatel-Lucent, Siemens, BMW, mittelständische Unternehmen wie die Berliner Prisma GmbH, Partner aus der Wohnungswirtschaft und dem Dienstleistungssektor, Interessenverbände und Forschungseinrichtungen, die diese und andere Teilprojekte in den nächsten drei Jahren zur Marktreife bringen sollen.

Andrea Barthélémy, dpa



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