Smartphones Alles. Immer. Überall.

Skandinavische und amerikanische Kommunikationsunternehmen wollen das Internet mobil machen, "Smartphones" sollen Handys und Computer ablösen.

Von Thorsten Höge


Die dritte Generation

Die dritte Generation

Konstantin Jacoby, Mitbegründer der Werbeagentur Springer & Jacoby, mag moderne Handys nicht sonderlich. Für die kleinen Tastaturen sei sein Daumen "zu breit". Wenn allerdings ein Mobiltelefon auf den Markt käme, das ihn per Daumenabdruck identifizierte und zur Folge hätte, daß den Werber eine nette, blonde junge Dame in Digital-Qualität mit einem freundlichen "Guten Tag, Herr Jacoby" auf dem Handy-Display begrüßte, dann wäre das natürlich etwas anderes.

Das kann Jacoby bald haben, die mobile Kommunikation von morgen macht es möglich: Die Zauberformel heißt UMTS, eine Übertragungstechnologie, die bis zu zwei Megabit Daten pro Sekunde durchs Handy schleust – Mengen, die so schnell bislang nur im Festnetz transportiert werden konnten.

"Ziel für UMTS ist alles, was sich bewegt" sagt der Chef des weltgrößten Telekomleitungsbauers NTT, Keiji Tachikawa. Für den Japaner harren jetzt 60 Millionen Radfahrer, 50 Millionen Laptopnutzer und 20 Millionen Haustiere ihrer Bestimmung als künftige UMTS-Nutzer. Kläfft zu Hause der Hund, schaltet sich am Hundehalsband ein Kamera ein und überträgt das Bild aufs Handy. Gerät der Radler auf Abwege, führt UMTS ihn wieder auf den richtigen Weg.

Weltweit basteln Unternehmen daran, möglichst jede nur denkbare Information allzeit verfügbar zu machen, führend sind Schweden und Finnen. Wer in Finnlands drittgrößter Stadt Tampere Lust auf eine Pizza hat, läßt sich vom noblen Restaurant "Villa" die Tageskarte aufs Handy beamen, bestellt sein Wunschmenü und den Platz über dem auf dem Display erscheinden Sitzplan. "Ein Tisch am Fenster? Bitte sehr, kein Problem". In Helsinki kann die Cola am Automaten via Handy gezahlt werden. Bye, bye Handy, hello Smartphone.

Die kleinen Westentaschen-Tausendsassas mit den großen Fähigkeiten schmeicheln dem Auge, strahlen in bunten Farben und bestehen fast nur noch aus Display, Minikamera und Spracherkennungssystem. Der Fingerabdruck macht das Mobiltelefon dabei zur personalisierten Allzweckwaffe, einsatzfähig als persönlicher Autoschlüssel oder elektronische Geldbörse.

Ilkka Raiskinen, Vize-Präsident der Nokia Telecommunications, sieht per Smartphone neue virtuelle Gemeinschaften entstehen. "Wir werden lokale, regionale und überregionale Einstiegsfenster auf unserem Mobiltelefonen zu sehen bekommen" schwärmt der Finne. Der Weltenbürger muß sich entscheiden, wohin er gehört: grenzenloser Jettsetter, nationaler Trachtenträger oder Lokalpatriot. Zeitungen und Fernsehen verbünden sich mit weiteren Inhalteanbietern und sorgen für die neuesten Infos – weltweite News oder Klatsch aus der Provinz. Fragt der Handybesitzer nach dem aktuellen Kinoprogramm, erfährt er Sekunden später von seinem Smartphone, was in der Nähe gerade läuft – und kann die Eintrittskarte gleich buchen. Wer nicht weiß, was sich hinter der "Truman Show" verbirgt – der kostenlose Filmausschnitt übers Display des Smartphones sorgt für Aufklärung, ein Navigationssystem weist den Weg ins Kino.

Smartphone

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"Mobilspezifische Inhalte" nennt Ulrich Keuling das. Der Internetchef der Deutschen Telekom-Tochter T-Mobil arbeitet an Einstiegsfenster in die mobile Wunderwelt, sogenannten Portals. Fünf, sechs Anbieter von Services will der Telekommunikationsexperte auf dem Smartphone-Display vereinen. "Einer bietet Nachrichten, der nächste Wetter, dazu ein Reisebüro und natürlich Banking-Möglichkeiten" - auf die Mischung kommt es an. Jeder Kundenkreis, vom Jugendlichen bis zum Senior bekommt das eigene spezielle Display.

Die T-Mobil verhandelt mit vielen potentiellen Partnern. Einer davon ist die Deutsche Lufthansa: "Wir können über das Smartphone unsere Kunden benachrichtigen, wenn ihr Flug sich verspätet, Buchungen vornehmen oder Auktionen übers Handy anbieten", erklärt Reinhard Richtmann, Manager Multimedia-Technologie bei der Lufthansa, mögliche Anwendungen. Der Fluggast bekommt über eine UMTS-Ortung immer die Information des nächstgelegenen Flughafens. Weil jedes Smartphone lokalisiert werden kann, sorgen "ortsgenaue Angebote" für die passenden Informationen. Für Buchungen erscheint der Sitzplan des Flugzeugs, der Lieblingsplatz ist wählbar. "Wir können sogar soweit gehen," sagt Richtmann, "daß vorab das Essen bestellbar ist – ob vegetarisch oder kosher." Abgerechnet wird ebenfalls übers Handy. Ein Ticket ist nicht mehr erforderlich. Der Handybesitzer identifiziert sich per Fingerabdruck am Handy, beim Check-in am Flughafen wird per Infrarotübertragung das Ticket geprüft.

Eine andere Form des Reisen probt Handy-Hersteller Motorola. Zusammen mit der spanischen Telefongesellschaft Telefonica testen die US-Mobilisten in der Madrider U-Bahn ein handyabgerechnetes System: U-Bahn-Fahren ohne Ticket. Ein ähnlicher Versuch ist in einer deutscher Großstadt geplant. Dank ortsgenauer Peilung dürfen auch Werbe-Fürsten wie Jacoby umdenken: Die auf den Konsumentenstandort abgestimmte Online-Werbung preist im Handy-Display die Sonderangebote des örtlichen Supermarktes an. Mit einem am Massachusetts Institut of Technology entwickelten Mikrochip könnte dem Käufer dazu frischer Gulaschgeruch entgegenströmen.

Geräte und Software für die drahtlose Kommunikationsgesellschaft sind schon in Arbeit. Das Symbian-Konsortium, ein Zusammenschluß von Motorola, Nokia, Ericsson und Psion, entwickelt derzeit ein neues Handy-Betriebssystem namens Epoc, das WAP-Forum die abgespeckte Internet-Übertragungsnorm WAP (Wireless Application Protocol), mit der Internet-Inhalte aufs Handy zielsicher und ohne Macken übertragbar werden. Für die drahtlose Kommunikation zwischen verschiedenen Geräten, beispielsweise Handy und Laptop oder Drucker stehen gleich mehrere Anwärter zur Verfügung. Ein aussichtsreicher Kandidaten als Standard ist das von IBM entwickelte Bluetooth.

Firmen wie US-Softwarekonzerne Microsoft oder Netscape wollen den lukrativen Markt der mobilen Inhalte ebenfalls anknabbern. Microsoft-Boß Bill Gates sieht Symbian und Konsorten als ernsthafte Bedrohung für sein PC-Betriebssystem Windows an. Sein Unternehmen steht in Verhandlungen mit British Telecom und dem Mobilfunkanbieter Orange, gerade kaufte er die niederländische Telekommunikationsfirma UPC. Konkurrent Netscape hat eine Zusammenarbeit mit dem Mobilfunkanbieter Nextel Communications vereinbart.

"Alles, immer, überall" (T-Mobil-Chef Kai-Uwe Ricke), lautet das Motto der grenzenlosen Telemobilisten. Die Kommunikationsmanager wollen mit dem Smartphone globale Erreichbarkeit garantieren. Wenn nicht Festnetz, dann Mobilfunk, wenn nicht Mobilfunk, dann Satellit – alle Sprach- und Datenbahnen feiern eine große Hochzeit. Den sogenannten "unified networks", vereinigten Netzen, ist es egal, ob Nachrichten zu Hause auflaufen oder am Smartphone. Automatisch wird Omas Anruf oder die eingehende E-Mail umgeleitet. Per handtellergroßem Mobiltelefon kann das Haus in Hamburg aus New York ferngesteuert werden. "Ist der Besitzer auf dem Weg nach Hause, schaltet er vorher per Handy die Heizung und den Herd ein", beschreibt Jackie Simkins vom Netzebauer Nortel Dasa die schöne neue digitale Welt.

"Alles was mit dem Laptop machbar ist, wird in Zukunft auch das Handy können", sagt Werner Irler, Europa-Vertriebschef der Lucent Technologies. Dem US-Unternehmen gehört mit den Bell Labs das mit 24.000 Forschern weltweit wohl größte Telekommunikations-Labor. Allein in Nürnberg arbeiten 800 Teleprofis an der Zukunft des Telefons.

Einer der Kernbereiche wird das Mobil-Banking. Teure Geldautomaten könnten verschwinden, Bargeld spielt nur eine marginale Rolle. "Das komplette Internet-Brokerage und die meisten Geldgeschäfte können aufs Handy übertragen werden" sagt Ulrich Kunitz, Projektleiter beim Deutsche Bank Softwarehaus GEFM. Jede Menge Chancen für junge Start-ups. "Newcomer-Firmen mit interessanten Ideen werden ganze Märkte dominieren können", glaubt Lucent-Mann Irler.

Für umtriebige Manager wie Andreas Gerdes ein digitales Dorado. Der schillernde Branchenvisionär, der gerne feinsttuchgeschmückt mit oranger Krawatte und Zigarre auftritt, gründete bereits mit 20 Jahren Hutchinson Telecom, eine der ersten privaten Telefongesellschaften in Deutschland. Der heute 32jährige kann sich ob Tausender neuer Geschäftsmöglichkeiten kaum beherrschen. Gerdes' letzter Coup: Stimmenverleih in Babel-Welt. Zusammen mit Telediensteanbieter Maltacom hat er auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta ein multilinguales Call-Center eingerichtet. Dazu soll künftig auch die Gebärdensprache gehören. Wer als Taubstummer unterwegs ist, findet per Smartphone und integrierter Minikamera im Call-Center eine Dolmetscherin. In einer Videokonferenz leiht die Dolmetscherin dem Stummen ihre Stimme. Gerdes träumt schon von unzähligen neuen Geschäftsideen - von der Allergiker-Warnung per Handy (Achtung, im Gebiet, in dem Sie sich befinden, fliegen heute Birkenpollen!) bis zum globalen Online-Casino.

Die Deutsche Telekom will Irrgeleitete mit dem Navigationssystem Tegaron sicher durchs deutsche Straßenwirrwarr leiten. Haben Fußgänger oder Autofahrer die Orientierung verloren, bringt Tegaron sie auf den rechten Pfad zurück. Doch nicht immer ist auf derartige Navigatoren Verlaß. In Berlin schlitterte ein BMW-Fahrer mit Navigator in die Havel – das System hatte eine Fähre irrtümlich als Brücke interpretiert.

Spätestens die vierte Evolutionsstufe der Handy-Technologie soll solche Pannen ausschließen: Im Jahr 2005 sollen Handys der vierten Generation dann mit der UMTS-Nachfolgetechnik LMDS arbeiten, die Datengeschwindigkeiten bis zu 40 Megabit pro Sekunde möglich macht. Die Smartphones werden dann vollkommen neue Formen annehmen, beispielsweise als Brille auftauchen, als Stift oder als Mini-Fernglas mit Gucklöchern für dreidimensionale Erlebniswelten und hochauflösendes Digitalfernsehen. Die Innenseiten von Brillengläsern werden zu Bildschirmen, die zielsicher durch die Innenstadt leiten, dabei auf die wichtigsten Sonderangebote in einem Kaufhaus aufmerksam machen, während parallel das Handy den Inhalt des heimischen Kühlschrank überprüft und Fehlendes ordert.

Petri Mähönen, Direktor am Forschungszentrum VTT im finnischen Espoo, fragt dann schon, ob "das Internet eigentlich überleben" wird. Eines hält der Physiker für sicher: "Im Jahr 2005 sind wir an der physikalischen Grenze der heutigen Chiptechnologie angekommen. Noch schneller, noch kleiner, diese Formel wirkt dann nicht mehr". Und dann?



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