Software FBI landet neuen Flop

Das FBI hat zurzeit wenig Fortune mit teuren Software-Projekten, die die Fahndungsarbeit erleichtern sollten. Das geplante Multimedia-Archivsystem enthält nach Einschätzung von Behördenmitarbeitern so viele Fehler, dass es möglicherweise nie eingesetzt werden kann. Ein anderes wird seit Jahren nicht mehr benutzt.


Die Idee schien den FBI-Fahndern allzu verlockend. Eine Software, die aus der Masse aller weltweit versendeten E-Mails und Websites diejenigen aussortiert, die von verdächtigten Absendern stammen. Damit ließe sich eine Menge Arbeit sparen. Ermittler müssten nicht mehr das gesamte Aufkommen durchsuchen, sondern könnten gezielt den Verkehrsstrom einer bestimmten Person aus dem Aufkommen "herauspicken".

Als erste Umrisse des Projekts bekannt wurden, waren Bürgerrechtler und Datenschützer in den USA entsetzt. Demokratische und republikanische Abgeordnete forderten in einem offenen Brief, das "Carnivore" (Fleischfresser) genannte Projekt einzustellen, bis Befürchtungen um die Verletzung der Privatsphäre vollständig entkräftet seien.

Doch der Aufruhr erwies sich als überflüssig. Denn wirklich funktioniert hat das Spionageprogramm offensichtlich nie. Wie aus Berichten der Behörde an den US-Kongress hervorgeht, nutzten die Beamten Carnivore in den Jahren 2002 und 2003 kein einziges Mal. Stattdessen habe das FBI auf nicht genannte kommerzielle Produkte zurückgegriffen, berichtet die Bürgerrechtsorganisation Electronic Privacy Information Center auf ihrer Internet-Seite.

"Carnivore" ist nicht das einzige Software-Projekt, mit dem das FBI wenig Glück hatte. Nach einem Bericht der "Los Angeles Times" muss möglicherweise auch "Virtual Case File" - ein System zur Erfassung von Ereignissen, die für die Ermittlung eines Falles von Bedeutung sein könnten - durch ein anderes ersetzt werden. Dem "Wall Street Journal" liegt nach eigenen Angaben eine interne E-Mail des zuständigen FBI-Direktors Robert Mueller vor, in der er seinen Unmut über den Fortgang des Projekts äußert. Das FBI ist bei VCF nicht an dem geplanten Punkt angelangt, zitiert das "WSJ" aus der E-Mail. Auch ein offizieller Tadel vom Justizministerium sei zu erwarten.

Von "Virtual Case File" hatte sich das FBI große Möglichkeiten versprochen. Sämtliche Daten, die in den einzelnen Büros und den Archiven der Behörde lagern, sollten damit multimedial aufgearbeitet und ausgewertet werden können. Im Archiv der Behörde sollen sich derzeit mehr als eine Milliarde Dokumente auf Papier befinden, die noch auf ihre Digitalisierung warten.

Den Auftrag für das 170-Millionen-Dollar-Projekt hatte das Unternehmen Science Applications International bekommen. Dort allerdings ist man sich keiner Schuld bewusst. Ein Sprecher des Unternehmens sagte gegenüber der "LA-Times", sein Unternehmen habe pünktlich zum verabredeten Termin geliefert. Der fertig gestellte erste Prototyp solle drei Monate lang getestet werden.

Beobachter kritisierten die Haltung des FBI, schreibt die "LA-Times". Es sei nicht zu erwarten, dass die erste Version einer Software auf Anhieb reibungslos funktioniere. Falls das FBI eine andere Software in Auftrag gebe, müsse die Behörde noch einmal etwa 100 Millionen US-Dollar bezahlen.



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