Sound im Kopf Gefühle auf Kommando?

Das amerikanische Unternehmen NeuroPop will Filme und Computerspiele noch perfekter machen. Mit "Neurosounds" soll der Spieler nicht nur mit Klängen, sondern auch mit Emotionen versorgt werden.

Von Michael Voregger


Intensivere Spielerlebnisse: NeuroPop sucht den Weg vom Ohr zum Gehirn
ID;DPA

Intensivere Spielerlebnisse: NeuroPop sucht den Weg vom Ohr zum Gehirn

Nach dem Absturz seines Raumschiffs muss der Pilot sich in finsteren Gängen mit unfreundlichen Kreaturen herumschlagen. Die dramatische Musik, die Dunkelheit und die Angst vor der nächsten Überraschung lassen den Spieler angespannt die Maus festhalten. Das ist aber noch nicht genug, denn wenn sich die Gegner nähern, dann verbreiten kratzende Geräusche Angst, Schweißausbrüche und Bauchkribbeln.

"Wir wollen etwas tun, das im Kopf der Leute wirkt", sagt Lance Massey von der Firma NeuroPop. Der Kreativchef des amerikanischen Unternehmens hat lange Zeit als Komponist in der Werbung gearbeitet. Jeder kennt die Wirkung kratzender Fingernägel auf einer Schiefertafel, die bei vielen Menschen eine Gänsehaut und körperliches Unwohlsein verursachen. "NeuroPop nutzt Geräusche, um eine neue Welt im Gehirn des Hörers zu entwerfen" heißt es auf der Webseite des Unternehmens.

"Neurosensorische Algorithmen" sollen in die Musik integriert werden, um Stimmungen und Emotionen bei den Zuhörern gezielt hervorzurufen. Neben Computerspielen sind Filme und Animationen ein denkbares Anwendungsgebiet. Viel mehr verrät das Unternehmen aus Bayport im amerikanischen Bundesstaat New York nicht über das Verfahren. Filmmusik wird schon seit den Anfängen des Kinos eingesetzt, um bestimmte Stimmungen zu entwickeln. Bisher waren diese Wirkungen dem guten Gespür von Regisseuren und Komponisten überlassen. Mit dem Bausatz von NeuroPop soll sich jedermann die Stimmung zusammensuchen können, die er für sein Produkt benötigt.

Eindeutige Symbolik: NeuroPop setzt auf das manipulative Potenzial von Tönen

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"Wir haben untersucht, welche Sounds welche Reaktionen hervorrufen und haben diese dann in existierende Musikstücke eingearbeitet", erklärt Seth Horowitz, Chief Technology Officer bei NeuroPop und Assistenzprofessor an der Stony Brook University. "Analysiert man anschließend die Verbindungsmuster von geräuschempfindlichen Teilen des Gehirns mit geräuschunempfindlichen Teilen, zum Beispiel für Aufmerksamkeit oder Furcht, entsteht so langsam eine Bibliothek von Sounds für alle möglichen Reaktionen." Auf der Website von NeuroPop sollen in nächster Zeit die ersten Demo-Sounds zum Download bereitgestellt werden.

Das Online-Magazin "Wired" berichtet, dass die erste CD mit neurosensorischen Algorithmen "The Sonic Intoxicant" nicht nur entspannt, sondern bei einigen Hörern auch zu Übelkeit führt. Was allein kein Beweis ist: Der gleiche Effekt lässt sich auch mit Volksmusik, Heavy Metal oder Techno erzeugen - abhängig vom Zuhörer. NeuroPop behauptet jedoch, hier gehe es nicht um geschmäcklerische Reaktionen. Vielmehr wirkten die Neurosounds direkt auf das Gehirn - und zwar universell, auf alle Zuhörer.

Der manipulative Charakter solcher Algorithmen ist den Verantwortlichen durchaus bewusst, doch den klassischen Manipulator Werbung habe man nicht als Zielgruppe im Visier. "Wenn ich zurückblicke, sehe ich die Werbewirtschaft heute als einen anrüchigen Bereich", sagt der Ex-Werbemann Massey. "Sie bombardieren uns ständig mit manipulativen Botschaften, und dabei brauchen sie wirklich keine weitere Unterstützung." Sollten die Algorithmen funktionieren, wird die Werbebranche auf solche Bedenken mit Sicherheit keine Rücksicht nehmen.

Ist das alles realistisch?

 Die wissenschaftliche Sicht: Gehör, Hirn und Emotionen
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Wird es den Entwicklern also gelingen, Entertainment-Produkte mit einer unmittelbar wirkenden Kraft zu verbinden, die unsere Emotionen beeinflusst? Wird es ein "Deep Emotion"-Kino geben, PC-Spiele mit dem Warnaufdruck "Vorsicht, Gefühlsintensiviert!"?

Wissenschaftler sind skeptisch. "Man kann ein gewisses Rezeptbuch der Emotionen verfassen, die durch Musik ausgelöst werden", sagt Professor Eckhart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover. "Filmkomponisten haben das ja auch getan und es gibt bestimmte Kriterien, wie zum Beispiel ein Horrorfilm musikalisch untermalt werden muss."

Emotionen seien etwas sehr privates und Musik könne ohne Frage starke Emotionen erzeugen.

Allerdings gibt es große Unterschiede, wie Hörer identische musikalische Reize wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Die Wissenschaftler in Hannover haben bei Testpersonen unter anderem den Herzschlag beim Hören von sehr emotionaler Musik gemessen. Die Reaktionen waren dabei so unterschiedlich, dass eine "Pauschalisierung kaum vorstellbar" sei. Sprich: Eine emotionale Manipulation durch Musik nach einem einfachen Reiz-Reaktion-Schema funktioniere nicht.

"Das klappt so nicht, denn die Reaktion ist vom sozialen Kontext, der kulturellen Umgebung und der jeweiligen Bezugsgruppe abhängig", weiß Eckhart Altenmüller. "Mit einem einzigen Klang oder Sound kann keine nennenswert große Gruppe angesprochen werden, dass halte ich nicht für realistisch."

Bilder seien eher geeignet, gemeinsame Emotionen zu wecken - das wissen die weltweit erfolgreichen Hollywood-Firmen, seit die Bilder laufen lernten. Das Hören jedoch werde stärker erlernt und das beginne bereits vor der Geburt. So sei die akustische Wahrnehmung sehr individuell und immer von der Umgebung abhängig, in der man aufwächst.

Die Verantwortlichen bei NeuroPop jedoch glauben an das Projekt und versprechen sich gute Geschäfte mit ihrem Klangbaukasten für Emotionen aller Art. In einem Jahr will das Unternehmen eine Studie veröffentlichen, um den Einsatz neurosensorischer Algorithmen wissenschaftlich zu belegen.



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