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Spionage: China-Hacker griffen auch britische Regierung an

Betroffen waren das Außenministerium, das Parlament und wichtige Behörden: Nach Deutschland und den USA meldet nun auch Großbritannien chinesische Hack-Angriffe auf staatliche Computernetze. Der Westen scheint entschlossen, das Dauerproblem nicht länger zu dulden.

London/Washington - Auch Computer und Netzwerke der britischen Regierung waren Ziele offenbar erfolgreicher Angriffe chinesischer Hacker, wie der "Guardian" berichtet. Betroffen seien das Außenministerium und weitere wichtige Behörden. Anders als in Deutschland und den USA will die britische Regierung die Berichte aber bisher offiziell nicht bestätigen.

Westminster-Palast: Sitz der britischen Parlamente - und Ziel chinesischer Hack-Attacken?
DPA

Westminster-Palast: Sitz der britischen Parlamente - und Ziel chinesischer Hack-Attacken?

Wie in Deutschland und den USA soll es auch in Großbritannien nicht um aktuelle Hack-Angriffe gehen, sondern um teils seit Jahren beobachtete und analysierte Vorfälle. Der "Guardian" nennt als Beispiel eines erfolgreichen chinesischen Hacks den Teilkollaps der Computersysteme des britischen Unterhauses Ende letzten Jahres.

Diesen Angriff schrieben die Sicherheitsexperten der britischen Regierung zunächst einem Einzeltäter zu. Inzwischen heißt es, er sei das Resultat einer "organisierten chinesischen Hackergruppe".

All das ist nicht neu: Ein anonymer Regierungsbeamter beschrieb die Cyber-Angriffe aus dem Reich der Mitte gegenüber dem "Guardian" als "ständig andauerndes Problem". Die Amerikaner beobachten die konzertierten Attacken und vermutlich staatlich gelenkten Angriffe auf ihre Rechner seit mehreren Jahren. Die unter dem Codenamen "Titan Rain" zusammengefassten chinesischen Aktivitäten werden von den Amerikanern seit 2003 ununterbrochen beobachtet.

Neu ist also nur, dass öffentlich darüber geredet wird - und auch direkt mit den Chinesen.

So soll Bundeskanzlerin Angela Merkel - die deutsche Regierung hatte sich als erste als Hacker-Opfer geoutet, Amerikaner und Briten folgten - das Thema bei ihrem Peking-Besuch angesprochen haben.

Perfektes Timing: Munition für Verhandlungen?

Genau das will nun offenbar auch US-Präsident George W. Bush tun, der am Donnerstag in Australien mit dem chinesischen Staatslenker Hu Jintao zusammen trifft. Bush auf einer Pressekonferenz mit dem australischen Premier John Howard: "Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass eine Menge unserer Computersysteme anfällig sind für Angriffe. Was die Frage angeht, ob ich dieses Thema gegenüber Nationen ansprechen werde, von denen solche Attacken ausgehen: Das werde ich möglicherweise tun."

Bush und Hu Jintao nehmen in Sydney am Apec-Wirtschaftstreffen der Pazifiknationen teil, beide sind bereits in Australien eingetroffen. Erste direkte Kontakte zwischen den Delegationen dürften im Rahmen der Australisch-Chinesischen Sicherheitsgespräche ab Donnerstag vermittelt werden. Parallel dazu beraten Australien, Japan und USA ihre gemeinsamen Sicherheitsfragen.

Zu denen gehört Hacking seit etlichen Jahren. Nicht nur China, auch den USA, Großbritannien und rund 120 weiteren Nationen wird nachgesagt, im großen Maßstab staatlich sanktioniert elektronisch zu spionieren. Die Angelsächsischen Länder gelten dabei als weltweit führend: Ihre Geheimdienste sind gut vernetzt, im Rahmen des Echelon-Netzwerkes bauten sie beispielsweise zusammen mit Australien und Kanada das größte Netz zur Vollüberwachung internationaler Kommunikation auf. Die USA werfen China allerdings vor, mehr als das zu tun: Es geht auch um die Destabilisierung von Computernetzen - so genannte Cyberwar-Strategien.

Hack-Attack oder Manöver?

Die gehören ganz selbstverständlich zum öffentlich gemachten Strategiepaket zur Weiterentwicklung der chinesischen Streitkräfte. Die "Informations-Streitkräfte" im Aufbau sind ein Langzeitziel der Chinesen: Bis 2050 wollen sie angeblich die Kapazität aufbauen, einen mit Mitteln der Netzwerk-Sabotage geführten Krieg gewinnen zu können. Es sieht so aus, als hätten sie frühzeitig mit dem Üben begonnen.

So halten es Sicherheitsexperten für möglich, dass Netzinfiltrationen durch Hack-Abteilungen, die irgendwie der chinesischen Volksarmee zuzuordnen seien, darauf abzielten, als militärische Waffe eingesetzt zu werden. Im Klartext: Manche der in den letzten Jahren beobachteten chinesischen Cyber-Attacken seien eine Art Übung für den Ernstfall.

Die chinesische Führung weist die in den letzten Tagen geäußerten Vorwürfe förmlich von sich. Unter anderem hatte die "Financial Times", gestützt auf Quellen in der US-Administration berichtet, dass eine chinesische Hack-Attacke im Juni zur Abschaltung von Teilen der Pentagon-Netzwerke gezwungen habe. Unter anderem seien dabei Rechnersysteme, die zum Büro von Verteidigungsminister Robert Gates gehören, betroffen gewesen.

Am Dienstag bezeichnete eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums die Vorwürfe als "unbegründet": "China ist seit langem gegen Cyber-Kriminalität und die Unterminierung von Netzwerken, einschließlich Hack-Attacken. Wir sind dazu bereit, die Kooperation mit anderen Staaten einschließlich der USA zu verstärken und die Internet-Kriminalität zu bekämpfen."

Unangenehme Themen für Hu Jintao, die George W. Bush nun im Rahmen eines Treffens ansprechen wird, auf dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte: Um die Taiwan-Frage. Für die Chinesen gilt Taiwan nach wie vor als abtrünnige Provinz, während die USA die Taiwanesen in ihrem Bemühen um Unabhängigkeit stützen. Zumindest aus amerikanischer Sicht hätte das Thema chinesischer Hack-Attacken also zu kaum einem besseren Zeitpunkt öffentlich werden können.

pat/AFP/AP/rts

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