Suchmaschinen Hotbot ist tot, es lebe Hotbot?

Wenn es um Nutzerstatistiken geht, sind Suchmaschinenbetreiber dankbar für jede Zahlenkolonne, in der sie irgendwo hinter Google noch auftauchen. Oder sie werfen sich ins Zeug und versuchen es noch einmal - und wenn auch nur zum schönen Schein.


Das neue Hotbot: Eingabemaske für Google, Fast, Inktomi, Teoma

Das neue Hotbot: Eingabemaske für Google, Fast, Inktomi, Teoma

Was hat das zu bedeuten, wenn die Mutterfirma hinter einer Suchmaschine den Relaunch ihres einst gefeierten Produktes mit einer Zeile wie "Erinnern Sie sich noch an Hotbot" bewirbt?

Die Antwort liegt auf der Hand. Zur Erinnerung: Hotbot war der Qualitäts-Suchdienst aus dem Hause "Wired", der für Furore sorgte wie heute Teoma, als Altavista noch den Markt beherrschte.

Das war in der digitalen Steinzeit, als das Mammut noch an Rhein und Elbe zur Tränke ging: Stolze drei Jahre ist das her. Beide Searchengines, zwischenzeitlich von den Usern halb vergessen, leisteten sich in den letzten Wochen einen Neustart - allerdings mit völlig unterschiedlichen Konzepten.

Altavista

Bereits in der zweiten Novemberwoche stellte Altavista das Resultat des lang überfälligen Großreinemachens vor: Natürlich umfangreicher, komfortabler, schneller, besser und intelligenter sei die Searchengine geworden, sagt das Unternehmen. Das hatte bereits vor sieben Jahren - damals noch unter dem Dach der Marke Digital - den ersten Volltext-Suchdienst ins Web gestellt, der diesen Titel auch verdiente: Finanziell stets trudelnd und auch darum den Besitzer wechselnd führte Altavista unbestritten für vier lange Internet-Jahre das Feld an. Altavista war das "Google" seiner Zeit - bis Google kam.

Und dann ging es abwärts mit der Popularität. Nielsen Netratings sah Altavista zeitweilig nur noch auf Platz 9 - die Statistik ist allerdings notorisch bekannt dafür, Jacke und Hose zu verwechseln: Sie hält Yahoo für eine Suchmaschine (Yahoo ist ein Katalog) und für drei Plätze populärer als Google, obwohl die Suchmaschinenfunktion von Yahoo tatsächlich Google ist. Die populärste Suchseite bei Nielsen ist übrigens MSN - für nicht-Amerikaner könnte da auch ÖGFTR stehen (was soviel wie nichts heißt).

Ähnlich sieht das bei anderen amerikanischen Unternehmen aus, die fortlaufend den Markt erforschen: Die Cyber-Welt ist voller Wunder, die Zahlenapparate, auf denen sich ihre Ökonomie gründet, nach wie vor ein Hort religiöser Offenbarungserfahrungen.

Auf ein Wunder hoffte man dagegen in den letzten Jahren bei Altavista vergeblich. Egal, ob nun Platz 9 oder Platz 2, 3, 4 oder 5 (zu jeder Platzierung findet man die passende Statistik), im direkten Vergleich mit Google verblasste die Urmutter der fitten Crawler. Jetzt kam sie zurück, mit frischem Design, neuen Diensten, spezialisierten Suchen und aufgestocktem Datenbestand, der zudem zu 50 Prozent täglich aufgefrischt werden soll. Das klingt kräftig und ist es wohl auch: Unter dem Strich jedoch findet Google gerade die "exotischen" Dinge im Web noch immer besser als der Dauerkonkurrent.

Der versucht auf der von ihm maßgeblich mitentwickelten Crawler-Technik aufsetzend mit Masse und verbesserten Filtern wieder den Weg nach oben zu finden, während die für Google wirklich gefährliche Konkurrenz längst auf alternative Suchkonzepte und Datenaufbereitungen setzt.

Das scheint tatsächlich mittlerweile der letzte und einzige Weg zu sein, sich gegen Google zu profilieren: Die Zeit, in der User die Ergebnislisten zweier Searchengines verglichen, um zu sehen, welche besser war, ist vorbei. Doch auch das neue Altavista versucht nichts anderes, als alles zu tun, was Google kann, nur besser. Da steht zu befürchten, dass es darauf am Ende gar nicht ankommt: Beide sind gut, aber Google kann man sich leichter merken. Das klingt nach Windmühlen-Kampf.

Hotbot

Den hat Hotbot, einst mit dem Anspruch angetreten, die intelligente Alternative zu den Massen-Sieben der Altavistas und Excites bieten zu wollen, längst aufgegeben.

Selten sah man einen Relaunch, Neuhochdeutsch für Neustart, der vom Mutterunternehmen so bescheiden beworben wird. Das ist Terra Lycos, als Internet-Unternehmen selbst kräftig gebeutelt in den letzten Jahren. Eine Werbekampagne wolle man Hotbot zu Ehren fahren, heißt es bei Lycos, doch bisher beschränkt sich das Trommeln um Aufmerksamkeit auf Pressemitteilungen: Die wiederum beschränken sich auf bescheidene zwei Absätze.

Ein fantastisches Suchwerkzeug, steht da zu lesen, sei das neue Hotbot nun, biete zahlreiche neue Möglichkeiten.

Das kann man so sehen. "Skins" zum Beispiel, für alle, denen das Neudesign zu nackt ist: Die verpassen dem Dienst einfach eine alternative Oberfläche. Die lässt sich zudem per "Personalisierung" auf persönliche Bedürfnisse zuschneiden, indem dort direkt die richtigen Filter angeboten oder gar voreingestellt werden.

Doch worauf es bei Suchmaschinen ankommt, ist das darunter, nicht die Oberfläche. Das Innenleben des neuen Hotbot, könnte Lycos nun deutlich sagen, ist so gut wie Google, Fast, Inktomi oder Teoma. Und zwar genausogut, denn Hotbot ist keine eigenständige Suchmaschine mehr, sondern nur noch eine Marke - ein Hülle.

Hinter der versteckt Lycos halbherzig die Technik der Konkurrenz, die Hotbot überlebte. Die Eingabemaske des einstigen Suchmaschinen-Hoffnungsträgers sorgt nur noch für die Durchreiche zum wirklich suchenden Dienst. Dabei ist noch nicht einmal eine Metasuche über die vier eingebundenen Maschinen hinweg möglich (was noch Sinn machen würde). Voreingestellt ist bei der Hotbot-Suche übrigens Google. Worauf Hotbot/Lycos da hofft, bleibt schleierhaft: Die Seite trägt noch nicht einmal mehr Werbung. Da wäre es doch viel billiger gewesen, die Domain Hotbot direkt zu Google umzuleiten.

Selbst markenstrategisch lässt sich all das kaum mehr erklären: Hotbot ist ein Wiedergänger, den mittlerweile kaum mehr einer kennt, Lycos hat als gut etablierte Marke zumindest den hektisch suchenden Hechelhund zu bieten. So bleibt als Erklärung für den Hotbot-Relaunch nur Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Dort heißt es am Ende:

    "Aber er hat ja gar nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muß ich aushalten.' Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Frank Patalong



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