Technikärgernis Anleitung: "Ziehen sie die Kunststoffösen 23 einfach nach oben"

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Den Nippel durch die Lasche ziehen - manche Handbücher klingen wie Anleitungs-Satiren. Wer Videorecorder oder W-Lan-Router bedienen will, muss ihre Sprache lernen. Doch die gedruckten Verhaltensregeln passen nie zum beigelegten Gerät. Oder umgekehrt?

Wer einen Luxus-Kinderwagen aus der Hartan-Fabrik im oberfränkischen Sonnefeld besitzt, hat alles richtig gemacht - so steht es in der Anleitung: "Damit sich Ihr Baby sicher und geborgen fühlt, haben Sie sich für ein hochwertiges Produkt aus dem Hause Hartan entschieden." Und so weiter - hochwertige Verarbeitung, strenge Qualitätskontrolle. Je weiter man aber in der Anleitung blättert, umso unverständlicher werden die Sätze.

Da steht dann auf einmal:

"Klappen Sie den Tragebügel 24 nach hinten. Dann ziehen Sie die beiden Kunststoffösen 23 innen im Wagen einfach nach oben und rasten die seitlichen Aluminiumstreben in die Kunststoffhalter am Boden. Zum Öffnen klappen Sie den Tragebügel 24 nach oben bis er einrastet und drücken nur den Boden der Tragetasche nach unten."

Das ist ein Abschnitt aus der Erklärung, wie man nun das Oberteil des Kinderwagens abnimmt und als Tasche trägt. Ein gutes Dutzend Handgriffe ist nötig, die Anleitung ( PDF-Dokument) listet diese in einem Fließtext mit Wortungetümen wie "Fußstützenverstellung" hintereinanderweg auf - ohne Illustration.

Wer sehen will, was mit Tragebügel 24 gemeint ist, muss ein paar Seiten zurückblättern, zur einzigen schematischen Darstellung des Kinderwagens "VIP XL" in der Anleitung. Hier deuten 25 Pfeile an, was mit Begriffen "Fußstützenverlängerung", "Schutzbügelverstellung" und "Teleskopschieber höhenverstellbar" gemeint ist. Wer wissen will, was man damit macht, muss weiterblättern - zur Anleitungs-Textwüste.

Anleitungen klingen wie Handbuch-Satiren

So ähnlich klang die Anleitung für "Holzwollschnitzelwerk", die 1972 Schobert und Black sangen - "da jetzt schon von selbst das Überdruckventil in die Nut des Nippel passt, kurbeln Sie die Kurbel des Kurbellagers, bis der Haken den Schlepper erfasst". Das war Satire. Warum ist gut drei Jahrzehnte später eine Anleitung für ein etwa 500 Euro teures Produkt ähnlich unverständlich?

Das erklärt Hartan-Sprecher Dieter Winkler so: "Eine Illustration ist aufgrund der Vielzahl von Bedienungsanleitungen nicht zu verwirklichen. Wir haben 14 verschiedene Modelle, die für 16 Länder in unterschiedliche Ausführungen gedruckt werden müssen." Die wegen ständiger Verbesserung nötige "laufende Überarbeitung der Illustrationen" würde "den Aufwand nicht rechtfertigen".

Andere Unternehmen geben sich da mehr Mühe. Ikeas Aufbau-Anleitungen zum Beispiel kommen fast ausschließlich mit Zeichnungen aus - und erklären dabei ganz verständlich und anschaulich, wie all die Möbelteile zusammenpassen sollten.

Die Linguistin Catherine Badras, Leiterin des Studiengangs Technikkommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Zürich, beobachtet, dass "die Qualität der Bedienungsanleitungen für Konsumgüter in den letzten Jahrzehnten generell eher zugenommen hat". Heute würden nicht mehr Ingenieure nebenher Anleitungen schreiben, das sei inzwischen ein Vollzeit-Job für Fachkräfte. 70.000 Angestellte schreiben laut dem Fachverband Tekom in Deutschland hauptberuflich Technik-Dokumentation.

"Versammeln Sie alle drei Beine!"

Ein wenig geholfen hat das schon. Vor 20 Jahren fanden die Autoren des Fachmagazins " Tekom-Nachrichten" für ihren Artikel über "Gebrechanleitungen" in Anleitungen noch Formulierungen wie diese:

  • "Zeiger auswählbar durch das Eigentümers Operation. - Drückt auf den Knopf Set um die gespalte Zeit zu fassen, wenn sie Stille läuft innerlich." (aus der Anleitung einer Digitaluhr)
  • "Setzen sie das stereo Kopfphon in Kopfphon Wagenwinde ein, die Macht ist an, sonst ist die Macht ab." (aus dem Handbuch des damals angeblich kleinsten Radios der Welt)
  • "Befestigen Sie Teil F an Teil E. Versammeln Sie alle drei Beine. Befestigen Sie versammelte Beine an C-3 Unterpfahl. Verbrauchen Sie zwei Höhlen bei ES und eine Höhle bei FS." (aus der Aufbauanleitung für einen Garderobenständer)
  • "Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puff Unterlage sich langsam puffen." (aus dem Handbuch einer sich selbst aufpustenden Luftmatratze mit Schaumstoffkern).

Die Zeit solcher Übersetzungen neigt sich dem Ende entgegen - so ein Computer-Deutsch liest man heute eher in Spam-Mails, sogar günstige Geräte haben nun meist zumindest grammatikalisch größtenteils korrekte Anleitungen. Das macht sie aber nicht unbedingt verständlicher.

"individuelle SSID und WPA/WPA2 mit Preshared Key"

So erklärt zum Beispiel eine Bedienungsanleitung von T-Online, das Verbinden eines PCs mit einem W-Lan-Router mit dem Hinweis, man definiere ein drahtloses Netzwerk, indem man "allen Geräten eine identische SSID" zugweise. Zu beachten habe man dabei, dass am "Speedport W 700V" eine "individuelle SSID und die Verschlüsselung WPA/WPA2 mit Preshared Key voreingestellt" sind. Man müsse auch prüfen, ober der eigene W-Lan-Adapter eine "WPA2-Verschlüsselung unterstützt". Dies sei "in der Bedienungsanleitung des W-Lan-Adapters beschrieben". ( PDF-Dokument)

Hoffentlich. Vielleicht ist es da einfacher erklärt. Denn die meisten Menschen, die im Handbuch nachlesen müssen, wie man Router und Rechner drahtlos verbindet, werden mit SSID und Pre-Shared Key wenig anfangen können. Natürlich kann ein Router-Handbuch dem Laien nicht die Grundlagen von Betriebssystem und Netzwerktechnik erklären - aber Kenntnis von Verschlüsselungsmodi wie WPA oder WEP kann man nicht voraussetzen.

Gerade das tun schlechte Handbücher, findet Kommunikationswissenschaftler Clemens Schwender von der Bremer Jacobs Universität, der zur Geschichte der Gebrauchsanweisung geforscht hat. Seine Einschätzung: "Es wird zu viel Wissen vorausgesetzt. Zum einen verstehen diejenigen, die das Gerät beschreiben, es offensichtlich. Und sie können sich dann nicht mehr in die hineinversetzen, die es nicht verstehen."

Alles richtig gemacht - und doch daneben

Ein schönes Beispiel für Betriebsblindheit liefert der Heimelektronik-Konzern Toshiba in seiner Anleitung für den LCD-Fernseher 32C3030, die sogar Technik-Redakteure in den Wahnsinn treibt. Die Anleitung beschreibt auf Seite 10 wunderbar detailliert, wie man eine "Erstmalige Sendereinstellung am digitalen Fernsehgerät" zu erledigen hat. Schritt-für-Schritt-Anleitung, Fotos, Illustationen - alles wunderbar. ( ZIP-Dokument)

Die automatisch eingestellten Sender sieht man trotzdem nicht. Auch wenn man alle Anweisungen auf der wunderbaren Seite zehn wieder und wieder befolgt - kein Bild. Warum, steht auf Seite sieben, in einer Randnotiz zu der Erklärung "Wahl des Eingangs für externe Quelle" auf Seite sechs: "Um das jeweilige externe Gerät wieder aufzurufen, drücken Sie die Taste SYMBOL. Mit dieser Taste können Sie zwischen DTV, EXT1, EXT2, EXT3C, HDMI1, HDMI2, PC oder ATV umschalten."

Tja: Wer die automatisch eingestellten Digitalsender auch sehen will, muss vorher ganz manuell den Fernseher auf DTV umschalten. Das ist völlig logisch - nur sollte man das Laien vielleicht doch auch im Kapitel zur "erstmaligen Sendereinstellung" erklären.

Solche Erklärmacken kann man bei Anleitungen für komplexe Geräte (und das sind Fernseher heute) beim Vorab-Test bemerken. Für die reicht die Zeit aber nicht immer, wie die Linguistin Badras weiß: "Die Produktionszeiten werden immer kürzer und die Erstellung der Bedienungsanleitung ist oft das letzte Glied in der Produktionskette. Manchmal stehen den Tests auch wirtschaftliche Zwänge im Wege."

"Der Apparat gleicht einem mittelgroßen Fliegenpilz"

Einfach gesagt: Die perfekte Anleitung ist ziemlich teuer. Und weil die beschriebenen Geräte meistens viel komplexer sind als alles, was es vor zehn Jahren noch zu kaufen gab, kostet es heute sicher mehr Mühe, eine nur ordentliche Anleitung zu schreiben als vor ein paar Jahren für eine exzellente nötig war. Früher waren die Geräte simpel und die Anleitungen manchmal wunderbar anschaulich.

Im November 1877 zum Beispiel beschrieb Generalpostmeister Heinrich von Stephan seinem Chef, dem Reichskanzler Bismarck, in einem Brief die Benutzung des Telefons mit diesem Bild: "Der Apparat gleicht in Form und Größe einem mittelgroßen Fliegenschwamm [=Fliegenpilz, Anm. d. Red.]. An dem Stiel faßt man an und spricht da, wo die rote Fläche ist. Ebendaselbst hört man auch. Es ist kaum etwas Einfacheres zu denken."

In der Tat.

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