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Technikärgernis: Der Staubbeutel-Wahnsinn

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Wenn Vielfalt zum Horror wird: Wer einen neuen Staubsauger-Beutel braucht, hat ein Problem - es gibt 1120 verschiedene Tüten für 42.000 verschiedene Geräte. Die Wahrscheinlichkeit, zufällig den richtigen Beutel zu kaufen, liegt unter einem Promille.

Dirt Devil Derby ist ein wunderbar eingängiger Name für einen Staubsauger. Der half mir im Drogeriemarkt vor dem Regal mit den Staubsaugerbeuteln aber wenig.

Derby? Da gab es nur DD80-, Z107- und Y98-Beutel, die alle in irgendwelche Dirt Devils passen sollten. Derby stand auf keinem der Kartons. Ich fragte die Verkäuferin, sie drückte mir die Y98er-Packung in die Hand - "die passen schon". Von wegen! Zwar passten die irgendwie in den Derby - nur wollte der Staubsauger sich mit den neuen Beuteln partout nicht schließen lassen.

Eine Google-Suche offenbarte das ganze Ausmaß des Staubbeutel-Durcheinanders: Ein gutes Dutzend Staubsaugerbeutel-Anzeigen ("Staubbeutel für über 20.000 Staubsaugertypen!" - "Staubfiltertüten für über 14.000 Staubsauger!") buhlen um Aufmerksamkeit - es scheint da draußen viele Menschen zu geben, die es wie ich nicht hinkriegen, im Drogeriemarkt zwischen den DD80- und Z107ern den passenden Beutel für ihren Staubsauger zu finden.

Januar ist Staubbeutel-Saison - wegen der Tannennadeln

Genauer gesagt: Es müssen mindestens ein paar hunderttausend Staubsaugerbesitzer im Monat sein, die verzweifelt im Netz nach einem passenden Beutel suchen, weil die aus dem Drogeriemarkt nicht passen. Markus Porten, Geschäftsführer eines der ältesten Staubbeutel-Webshops - Staubbeutel.de - erzählt, dass seine Staubbeutel-Datenbank im Durchschnitt 340.000 Suchanfragen monatlich abarbeitet. Porten: "In Hochzeiten sind es bis zu 550.000 Anfragen - im Januar, wegen der Tannennadeln."

Wie groß die Staubbeutel-Vielfalt ist, verdeutlicht ein Blick in Portens Beutellager: 700 Quadratmeter Grundfläche, 144 Palettenplätze, 80 Meter Regalflächen, weil die meisten Staubbeutel nicht in Palettenmengen am Lager sind. Vor zehn Jahren programmierte Porten - eigentlich Inhaber eines Haushaltswarenladens in Hermeskeil bei Trier - die erste Staubbeutel-Suchmaschine. Auf die Idee brachten ihn seine Kunden im Ladengeschäft: "Täglich kamen Kunden, um Staubbeutel zu kaufen und haben vergessen, die Typenbezeichnung von der Rückseite des Staubsaugers mitzubringen."

1120 Beuteltypen für 42.000 Staubsaugermodelle

Dann kamen die ersten Bestellungen übers Web und Porten wurde zum Staubbeutel-Spezialisten: "Wir haben systematisch alle Altbestände gekauft, in unsere Suchmaschine eingepflegt und somit ein nahezu vollständiges Lager aufgebaut. Im Prinzip können wir Staubbeutel für Staubsauger aus den sechziger Jahren genauso liefern, wie Staubbeutel von Staubsaugern, die erst im Oktober von Tchibo verkauft werden." Neben Privatleuten kaufen auch Hotelketten, Ferienparks, Kreuzfahrtschiffe und Fregatten bei Porten Staubbeutel für ihre exotischen Sauger.

Der Beutelhändler hat ständig 500.000 bis 800.000 Staubbeutel auf Lager - 1120 verschiedene Staubbeutel-Modelle, die in rund 42.000 Staubsauger passen.

Ein Staubbeuteltyp kommt also rein rechnerisch auf 38 Staubsaugermodelle.

Immerhin!

Y98er passen in den Swiffy M 1550 bis M 1554

Statistik hilft aber wenig, wenn man den falschen Beutel hat, die Läden geschlossen sind, nachdem man das bemerkt hat und die Wohnung folglich fegen muss.

Die Staubbeutel-Datenbank verriet mir an solch einem Samstagabend: Die im Drogeriemarkt empfohlenen und gekauften Y98er-Beutel waren definitiv die falschen für meinen Dirt Devil - sie passen nur in den "Picco Bello M 1440 bis M 1446", aber auch in den "Swiffy M 1550 bis M 1554" und ein paar andere Dirt-Devil-Modelle. Nur nicht in den Derby. Der braucht Y93er. Alles klar?

Mir nicht. Und ein paar hunderttausend anderen Staubsaugerbesitzern auch nicht. Zum Beispiel Herrn Marzinowsky aus Recklinghausen. Einem Lokalreporter der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" hat der 67jährige Rentner in der großartigen Rubrik "Unterwegs" erzählt, er komme gerade aus einem Elektroladen: "Dort sollte ich Staubsaugerbeutel einkaufen. Aber meine Frau hat mir wohl die falsche Typennummer gegeben." Jetzt erst mal Mittagessen ("Sauerkraut, das kocht meine Frau immer besonders lecker"), dann nachmittags der nächste Versuch beim Elektrohändler - "hoffentlich mit der richtigen Nummer für die Staubbeutel".

DIN scheitert mit Staubbeutel-Initiative

Muss das sein? Nein, fand das Deutsche Institut für Normung (DIN) immer schon. Vor zehn Jahren erzählte der damalige Direktor Helmut Reihlen der Deutschen Presse-Agentur bereits, man arbeite an einer Norm für Staubsaugerbeutel, nach Einführung könnten von den gut 1000 angebotenen Typen womöglich nur noch zehn Beutelarten übrig bleiben.

Guter Plan. Doch die Sauger- und Beutelbauer verhinderten die Norm. Das DIN hat zwar schon die "Büschelauszugskraftprüfung" (DIN 20126 für die Bürstenherstellung) und "nicht-haftende Verschmutzung" (DIN 77400 zur Reinigung von Schulen) genormt, beim Staubbeutel floppte die DIN-Initiative aber.

Die Geschäftsführerin des DIN-Verbraucherrats Karin Both erinnert sich an den Prozess: Der Verbraucherrat hatte einen Normungsantrag mit dem schönen Titel "Staubsaugerbeutel, Maße und Bezeichnungen" gestellt. Ziel war es, die Typenvielfalt einzuschränken und eine einheitliche Bezeichnung der unterschiedlichen Typen festzuschreiben. Die Hersteller diskutierten den Antrag im Komitee, das sich mit Gebrauchseigenschaften von Staubsaugern beschäftigt – und lehnten ihn ab.

Hersteller lehnen DIN-Normung ab

Both: "Zwar zeigten diese ein gewisses Verständnis für das Anliegen der Verbraucherseite und es wurde uns versichert, dass man bereits versuche, die Vielfalt firmenintern einzuschränken. Eine firmenübergreifende Lösung aber wurde abgelehnt." Die Argumente: Genormte Beutel seien ein Eingriff in die Konstruktion des Staubsaugers selbst, dann müssten auch Anschlussmaße vereinheitlicht werden. Außerdem müsste man dann auch die anderen Filter im Gerät, wie zum Beispiel den Motorschutzfilter mitnormen, weil die in Staubbeutelpackungen mitverkauft werden.

Fragt man die Hersteller, warum es ein solches Wirrwarr bei einem so simplen Gebrauchsgegenstand wie Staubbeuteln gibt (von wegen technisch komplex – der erste Staubbeutel soll 1956 eine Papiertüte in einem Stoffbeutel gewesen sein), verweisen sie darauf, dass bei den aktuellen eigenen Staubsaugern doch gar nicht so viele unterschiedliche Staubbeutel-Typen im Einsatz seien. Schon klar - die anderen sind schuld.

Miele-Sprecherin Reinhild Portmann: "Für unsere aktuellen Staubsauger gibt es derzeit lediglich drei Staubbeutel-Typen: für Bodenstaubsauger den Typ F/J/N mit einem nutzbaren Staubbeutelvolumen von 3,5 Litern Inhalt sowie den Typ G/N für Bodenstaubsauger mit einem nutzbaren Staubbeutelvolumen von 4,5 Liter; für aktuelle Handstaubsauger ist der Typ K/K verfügbar."

Und die ganzen anderen Miele-Beutel? Firmen-Sprecherin Portmann: "Alle anderen Staubbeuteltypen (L/L, B, D, E, H) beziehen sich auf ältere Staubsaugermodelle, die wir nicht in unserem aktuellen Angebot haben."

Jeder Hersteller will seinen eigenen Superbeutel bauen

Und warum hat jeder Hersteller seine eigene Superbeutel-Modellreihe? Das erklärt Miele so: Gerätegröße und die Bauform seien ein entscheidendes Kriterium für das Aussehen von Staubbeuteln. Und deshalb sei "eine DIN-Norm für Staubbeutel eher unrealistisch, denn die Geräte der verschiedenen Hersteller haben alle unterschiedliche Formen", so Miele-Sprecherin Portmann.

Menschen wie Jürgen Marzinowsky und ich werden im Notfall noch viele Jahre lang durch Drogerie- und Elektroläden irren. Und vielleicht steht da einmal ein Experte wie Staubbeutel-Händler Markus Porten. Der hilft schon mal "verzweifelten Kunden im Media Markt bei der Suche". Nach zehn Jahren Beutelhandel glaubt er: "Einen Standard wird es meiner Meinung nach nie geben."

Vielleicht ist deshalb der Brite James Dyson mit seinem beutellosen Sauger zum Dollar-Milliardär geworden.

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge Technik-Ärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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1. Wahnsinn
A.M.HB, 11.06.2008
Zitat von sysopWenn Vielfalt zum Horror wird: Wer einen neuen Staubsauger-Beutel braucht, hat ein Problem - es gibt 1120 verschiedene Tüten für 42.000 verschiedene Geräte. Die Wahrscheinlichkeit, zufällig den richtigen Beutel zu kaufen, liegt unter einem Promille. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,558480,00.html
Genau, da fehlt ganz unbedingt eine mindestens europäische Normierung. Obwohl: mit den Staubsauger-Beuteln verhält es sich wie mit den Tintenpatronen für Drucker - damit läßt sich ordentlich Geld verdienen. Ich hab mir deshalb beizeiten einen Dyson gekauft. Zwar ist das Ausleeren des Staubbehälters in die Mülltonne auch nicht gerade die wahre Freude, aber amortisiert hat sich das damals noch teure Stück allemal.
2. Ja, so isses
Franxpunx 11.06.2008
Der Artikel hat mir aus der Seele gesprochen. Das mit den Beuteln nervt einfach nur noch! Hier hätte die EU mal ein sinnvolles Betätigungsfeld.
3. Unverständlich
Robert Hut, 11.06.2008
Ich hatte noch nie Probleme, den richtigen Beutel zu finden. Ist das so schwer, sich die Typenbezeichnung seines Saugers zu merken? Au weia....
4. recycle it!
heyner 11.06.2008
Zitat von sysopWenn Vielfalt zum Horror wird: Wer einen neuen Staubsauger-Beutel braucht, hat ein Problem - es gibt 1120 verschiedene Tüten für 42.000 verschiedene Geräte. Die Wahrscheinlichkeit, zufällig den richtigen Beutel zu kaufen, liegt unter einem Promille. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,558480,00.html
Der Staubsaugerbeutel war das klassische Beispiel der Abzocke nach der Euro-Umstellung. Linderung schafft jedoch die chirurgische Lösung: Sectio des Beutels überm Mülleimer unter Mundschutz, Entfernung der Staubgerinsel mit einer Gabel. Versorgung der Wunde mit gutem Gaffa-Tape! ...und schon schauen swirl & Co. in die Röhre!
5. Unter dem Stein kriecht noch mehr Ungeziefer ...
Wintermute 11.06.2008
A.M.HB hat bereits auf das Problem hingewiesen: Immer mehr Hersteller von immer mehr Produkten verdienen ihr Geld nicht mit dem Basisprodukt, sondern mit Ersatzteilen, Verbrauchsmitteln, Erweiterungen und (im Softwarebereich) Updates und Upgrades, die oft kaum das Herunterladen lohnen, aber dem Anwender im Rahmen irgendwelcher Supportverträge/Abos angedient werden. Herstellerspezifische Formate garantieren, dass der Endanwender nicht zur Konkurrenz flieht. Das ist die Kurzfassung jeder denkbaren Erklärung; egal, wie schön sie technisch oder in Marketingsprech verbrämt wird. Dieses Phänomen wird auf absehbare Zeit nicht besser, sondern schlimmer werden. Stichworte: Subventionierte und gesperrte (SIM-Lock) Mobiltelefone mit entsprechenden Knebelverträgen, Internetflatrates mit zwei Jahren Laufzeiten, Drucker + Tinte, Wassersprudler + Kohlensäurepatronen etc. etc. Und der Benutzer greift gedankenlos zu, weil das Basisprodukt scheinbar günstig ist. Anschließend schmeißt er es (der Umwelt zum Schaden) entweder weg, sobald er die Höhe der Folgekosten erkennt, oder er hängt am Haken des Abomodells. Da sollten Verbraucherschützer wirklich mal genauer hinsehen.
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