Technikärgernis Einhebelmischer Mischen impossible

Im Wechselbad: zu viel oder zu wenig, eisig oder kochend heiß - wer in der Dusche mit Einhebelmischern hantiert, duscht manchmal gefährlich. Dabei ist das Bedienkonzept eigentlich genial, nur die Umsetzung leidet an mieser Verarbeitung und der selten perfekten Sanitärwelt.


Das hat sich Alfred Moen anders vorgestellt: 1937 glaubte der Maschinenbau-Student die Lösung gegen unerwünschte Schwankungen der Wassertemperatur beim Händewaschen gefunden zu haben. Moen hatte sich wieder einmal beim Jobben in der Autowerkstatt die Finger verbrannt - an einem Waschbecken mit Kalt- und Warmwasserhahn.

Er drehte den Warmwasserhahn auf, und nach den ersten eisigen Litern kam das kochendheiße Wasser schneller als erwartet. Moen begann zu grübeln, zu zeichnen und war sich bald sicher: Die Bedienung über einen einzigen Hebel dürfte die unerwünschten Wechselbäder ein für alle mal abschaffen.

70 Jahre später gehört die von Moen gegründete Einhebelmischer-Firma zu einem Konzern, der jährlich Haushaltswaren für 4,5 Milliarden Dollar verkauft. Die von ihm erdachten Mischhebel stecken weltweit in Duschen, über Waschbecken und Badewannen, Einhandarmaturen sind Marktführer in Deutschland.

Nur die Wechselbäder sind noch immer gang und gäbe, wie viele Leser in E-Mails über die Fehlfunktion Einhebelmischer beklagen. Grafikdesigner Arend Goens zum Beispiel schreibt: "Wassermenge und Temperatur lassen sich nur miserabel regulieren - ein Korrekturversuch bedeutet oft Ausschalten, spritzende Fontänen, kochendes oder eiskaltes Wasser."

Der Einhebelmischer - eine Fehlkonstruktion? Kommt darauf an. Moens Bedienprinzip (Hebel nach oben, mehr Wasser, Hebel nach links, heißeres Wasser) ist genial, die Umsetzung manchmal mies. Und für viele Wechselbäder kann man gar nicht die Einhebelmischer verantwortlich machen - das an sich perfekte Bedienkonzept kommt eben nicht so gut mit der unperfekten Sanitärwelt zurecht.

Eisiger Duschstart

Beim Kaltstart zum Beispiel: Warum dauert es bei manchen Duschen so lange, bis das Wasser so warm wie eingestellt aus dem Hahn kommt?

Schuld daran ist nicht die Armatur, sondern die Entfernung zwischen Wasserhahn und zum Beispiel der zentralen Heizanlage. Erst muss das gesamte (womöglich abgekühlte oder eh kalte Wasser) im Rohr dazwischen ablaufen, bis das Warmwasser kommt. Sprich: Je länger die Leitung, desto länger wartet man. Hektisches Umschalten am Einhebelmischer bringt da gar nichts - im schlimmsten Fall kommt dann nach ein paar lauen Litern plötzlich viel zu heißes Wasser aus der Dusche, wenn man den Hebel entnervt auf maximale Wärme gestellt hat.

Wechselbad beim Duschen

Wer kennt das nicht: Beim Duschen wird das angenehme Wasser schlagartig viel zu heiß oder eisig kalt und jede kleine Korrektur am Einhebelmischer schlägt wenig später in das andere Extrem um - heiß wird eisig und so weiter.

Das kann mehrere Ursachen haben. Ältere Durchlauferhitzer zum Beispiel reagieren sehr feinfühlig auf Schwankungen beim Wasserdruck, erklärt Sanitärexperte Christian Meyer vom Do-it-yourself-Magazin "Selbst ist der Mann": "Hydraulische Geräte, die sich nur bei hohem Wasserdruck einschalten, sorgen für Wechselduschen.

Moderne, vollelektronische Durchlauferhitzer arbeiten unabhängig vom Wasserdruck, hier fließt immer Wasser mit der Temperatur heraus, die am Gerät eingestellt wurde. Diese Geräte machen dann allerdings den Einhebelmischer überflüssig - am genausten steuert man die Temperatur bei diesen Geräten über die Fernbedienung, der Einhebelmischer steht dann am besten auf voll warm.

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Ein anderer Grund für plötzliche Temperaturschwankungen: Wenn mehrere Nutzer gleichzeitig eine Wasserleitung anzapfen, schwanken Druck und Temperatur - lässt jemand in der Küche kaltes Wasser laufen, wird das Duschwasser im Bad plötzlich heißer. Dagegen hilft ein Thermostat, der plötzliche Temperaturschwankungen ebenso schnell ausgleicht. Allerdings haben in Deutschland nur knapp zehn Prozent der Haushalte einen Thermostat.

Gegen plötzliche Hitzewellen bei Druckabfall helfen auch sogenannte Druckausgleichssysteme, die in den Vereinigten Staaten vorgeschrieben sind.

Verkalkte Hebelmischer

Manchmal hakt's aber auch beim Einhebelmischer: Wenn der Hebel sich nur noch ruckartig bewegen und der Wasserdruck in entsprechend großen Sprüngen (wenig – sehr viel) regulieren lässt, liegt das an Ablagerungen in der Armatur oder an schlechter Schmierung. Wie gut die Einhebelmischer verschiedener Hersteller im Inneren verarbeitet sind, verraten nur Testberichte.

Der deutsche Hersteller Grohe - die Firma verkaufte 1962 die ersten Einhebelmischer in Deutschland - verweist zum Beispiel stolz auf einen Dauergebrauchstest des TÜV Süd - den allerdings Grohe selbst in Auftrag gegeben hat. Die TÜV-Prüfer haben neun Einhebelmischer von Bedienrobotern 210.000 mal Ein- und Aus- und 140.000 mal von warm auf kalt stellen lassen. Das für den Hersteller höchst erfreuliche Ergebnis bei Testende: Für den Grohe-Griff braucht man beim Öffnen und Temperaturregeln am wenigsten Kraft.

Mischer hebeln Wassersparer aus

Ein Problem vieler Einhebelmischer ist der Wasserverbrauch. Gerade Hebel mit einem arg kurzen Öffnungsweg werden meist extrem dosiert - ganz auf oder ganz zu. Inzwischen bauen Hersteller auch Modelle mit einem Widerstand in der Mittelstellung ein, der Hebel wird zwischendurch ausgebremst, wer mehr Wasser will, drückt weiter.

Deutlich schwieriger ist es, die Warmwasserverschwendung anzugehen: Einhebelmischer stehen meistens in Mittelstellung, mischen also zu gleichen Teilen warmes und kaltes Wasser, was die meisten Nutzer nicht aus dieser Bedienstellung ablesen. Das Heimwerker-Magazin "Selber Machen" kritisierte im vorigen Jahr die Einstellung: "Dadurch wird unnötig Energie verschwendet, denn beim kurzen Händewaschen gelangt das heiße Wasser nicht mal bis zum Auslauf. Es erwärmt nur die Leitung."

Eine Lösung sind Einhebelmischer, die bei Mittelstellung nur kaltes Wasser durchlassen. Das Problem dabei: Der Weg des Hebels zum Mischen ist halb so lang wie sonst und die Dosierung entsprechend weniger genau.

Perfekte Idee, unperfekte Welt

Einhebelmischer leiden an einer unperfekten Welt. Ulrike Heuser-Greipl, Sprecherin des deutschen Einhebel-Pioniers Grohe, erklärt: "Unzureichende Planung, wie zum Beispiel die Größe des Warmwasserspeichers, der Rohrweg bis zur Armatur oder mehrere Zapfstellen, die an einer Wasserzufuhr hängen, kann auch die modernste Technologie nicht vollständig ausgleichen." Der Einhebelmischer ist das letzte Glied in der Installationskette - so wunderbar die Idee auch ist, die Umsetzung wird immer an der Realität leiden.

Alfred Moen hat die Bedeutung seiner Erfindung immer pragmatisch eingeschätzt. Die " New York Times" zitiert diese Reaktion des 2001 Verstorbenen auf entsprechende Anfragen: "Ich habe nicht das Penicillin erfunden."

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