Technikärgernis Nummernblock Wer viel rechnet, ruft Wildfremde an

Taschenrechner, Telefon, Tastatur, PIN-Pad - die Zahlen auf den Nummerntasten laufen immer anders, mal ab- mal aufsteigend. Folge: Wer oft Zahlen in den Computer tippt, ruft systematisch die falschen Leute an.


Beim zweiten Anruf binnen fünf Minuten wird es peinlich. Schon wieder verwählt. Schon wieder dieselbe falsche Nummer gewählt. Die inzwischen konsternierte wildfremde Dame sagt nur noch: "Bitte?" Da hilft nur die Flucht nach vorn: "Da ist wirklich nicht die Staatsbibliothek?"

Aufgelegt. Nein, offensichtlich nicht die Bibliothek. Die arme alte Dame habe ich in wenigen Wochen oft angerufen, als ich an der Universität tausende von Ziffernfolgen in ein Statistikprogramm tippte.

Warum es damals immer wieder gerade diese alte Dame erwischt hat, erklären SPIEGEL-ONLINE-Leser, die täglich viele Zahlen in Datenbanken tippen und ähnlich planmäßig wie ich damals die immer gleichen falschen Nummern ins Tastentelefon tippen. Der Grund: Die Ziffern auf dem Nummernblock der Computertastatur sind anders angeordnet als die auf dem Telefon. Die Fehlverbindungen sind der Preis einer Konditionierung.

Bei beiden Layouts sind die Ziffern in vier Reihen mit drei Spalten angeordnet. Nur beginnt auf der Computer-Tastatur die oberste Ziffernreihe mit 7 und endet mit 9, die unterste fängt mit 1 an und hört mit 3 auf. Auf Telefontastaturen laufen die Ziffern hingegen von 1 (links oben) bis 9 (rechts unten). Die Folge: Wer viele Zahlen in Rechner tippt und telefoniert, muss ständig umdenken.

1 bis 3 oder 7 bis 9

Zum Beispiel Elektroingenieur Ingo Köhler, der für Energieunternehmen Netzverträglichkeitsprüfungen und Netzberechnungen macht und klagt: "Wenn ich telefonieren muss, muss ich mich immer stark konzentrieren, die richtigen Zahlen auf dem Telefon zu tippen." Köhler fragt sich wie viele Zahlenarbeiter: "Mir konnte bisher niemand erklären, weshalb die Zahlen auf der 10er-Tastatur eines Computers anders angeordnet werden."

Die Tastatur-Hersteller Logitech und Cherry erklären die Anordnung der Ziffern auf Anfrage so: Da habe IBM in den Anfangstagen des PC bei der Gestaltung des ersten Tastatur-Nummernblocks einfach die alten Rechenmaschinen als Vorbild genommen. Günter Vogl, Marketingchef der deutschen Tastatur-Firma Cherry: "Das ist also historisch bedingt. Damals hatten Telefone noch Wählscheiben. Warum bei den Tastentelefonen später eine andere Ziffernreihenfolge gewählt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis."

Schuld sind Wählscheibe und Rechenmaschine

Kein Wunder - die Ursache für das Ziffernchaos liegt einige Jahrzehnte zurück, in einer Zeit, bevor es überhaupt Heimcomputer gab. Die Experten beim Deutschen Institut für Normung (DIN) versuchen sich fast ebenso lange an Standards für die Ziffernanordnung auf Tastaturen. DIN-Sprecher Peter Anthony erklärt: "Ursache für die Reihenfolge der Belegung der Telefontasten war die damalige Technologie beim Wählen der einzelnen Ziffern durch die Drehwählscheibe am Telefon."

Die Wählscheibe ist also schuld. Alte Telefone wählten Nummern über das sogenannte Impulsverfahren mit mechanischen Impulsen. Die Wählscheibe funktionierte als Aufzugsmechanismus, ein wenig wie der bei alten Weckern. Aufziehen, loslassen - und wenn die Wählscheibe zurückrattert, aktivierte sie beim Ablaufen Kontakte so oft, wie die jeweilige Ziffer auf der Wählscheibe es anzeigt. Also zum Beispiel: Für die 1 wird der Kontakt einmal geschlossen, für die 2 zweimal und so weiter. Deshalb beginnen auf Wählscheiben die Ziffern bei 1 (1 Kontakt) und enden bei 0 (10 Kontakte), wofür man die Scheibe bis zum Anschlag aufziehen musste.

Als dann neue Wahlverfahren kamen, die mit elektronischen Schaltungen und Zifferntasten arbeiteten, übernahmen die Hersteller einfach die alte Ziffernfolge der Wählscheiben von 1 bis 0, obwohl es dafür keine technische Notwendigkeit mehr gab. Die ersten dieser Tastentelefone gab in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten zu kaufen, als dort das "Touch Tone"-Wahlverfahren eingeführt wurde.

Diese willkürlich von der mechanischen Wählscheibe abgeleitete Belegung der Telefontasten hat sich so weit verbreitet, dass die Internationale Fernmeldeunion (ITU) sie in den achtziger Jahren in einer Richtlinie zur "Anordnung von Ziffern, Buchstaben und Symbolen auf Telefonen" (die gibt es wirklich!) als Empfehlung festhielt.

Computer-Opa Rechenmaschine wirkt nach

In den 1950er Jahren, als die Welt noch mit Drehscheiben Telefonnummern wählte (wenn überhaupt), verabschiedete das Deutsche Institut für Normung (DIN) die erste Rechenmaschinen-Norm. Als Belegung für die Zifferntasten einigten sich die Industrievertreter damals auf die Abfolge von 7 bis 9 in der ersten oberen Reihe des numerischen Blocks.

Da Telefone damals keine Tasten hatten, erkannte niemand den Widerspruch in der Bedienlogik beider Systeme. DIN-Sprecher Anthony: "Erst als auch die mechanischen Rechenmaschinen durch elektrische und elektronische ersetzt wurden, erkannte man die Unterschiede beider Tastaturen."

Fünf Jahrzehnte Streit über Zifferntasten

Da war es allerdings schon zu spät für einen übergreifenden Standard. Telefon- und Rechenmaschinenfirmen hatten kein Interesse daran, ihre Geräte plötzlich umzustellen. Und da eine Lösung nur so aussehen konnte, dass eine der beiden Fraktionen auf ihren Ziffernstandard verzichtete, kam es einfach nicht dazu.

DIN-Sprecher Anthony: "Die Hersteller von Rechenmaschinen argumentierten, dass sie soundso viele tausend Geräte im Feld hätten, das gleiche Argument brachten auch die Telefongesellschaften vor." Hinzu käme der Aufwand für die Umschulung der professionellen Anwender, die die Tastatur "blind", sicher und schnell bedienen müssten.

Und so existieren die Wählscheiben- und die Rechenmaschinen-Doktrin bis heute: An der Rechenmaschine haben sich die Entwickler der Taschenrechner und der Computertastatur orientiert. Die Automatenindustrie nahm sich bei den Feldern zur PIN-Eingabe an Geldautomaten hingegen die Telefontastatur zum Vorbild.

"Menschen sind eben Gewohnheitstiere"

Der letzte Versuch, einen internationalen Standard für Ziffernblöcke zu finden, ist vor 18 Jahren gescheitert. DIN-Sprecher Anthony: "Erfolg kann so eine Vereinheitlichung nur haben, wenn sich die interessierten Kreise an einem Normungsprojekt aktiv beteiligen."

Dazu wird es wohl kaum kommen. Der DIN-Kompromiss sieht derzeit so aus: Laut DIN-Standards darf der Ziffernblock auf Tastaturen auch wie die Tastenfolge beim Telefon gestaltet sein (so die DIN 2137-2). Gebaut werden solche Tastaturen aber nicht. Cherry-Manager Günter Vogl erklärt das so: "Es gibt viele großartige Studien und Entwicklungen effektiverer Layouts. Die sind aber alle trotz überwältigender Argumente in der Praxis jämmerlich gescheitert. Menschen sind eben Gewohnheitstiere." 95 Prozent der Kunden wollen Standardtastaturen.

Und da nur eine Minderheit Zahlenkolonnen tippt, telefoniert und sich regelmäßig verwählt, wird das auch noch einige Zeit so bleiben.

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge Technikärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail.



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