Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Technikärgernis Plastikverpackung: Hol die Schneidzange raus!

Von

Schere oder Messer - anders geht es nicht: Hersteller verschweißen Speicherkarten, Spielzeug und Computer-Zubehör in Blistern, kaum zu öffnenden Plastikverpackungen. Die sollen Ladendiebe abschrecken, tauchen aber auch im Versandhandel auf. US-Erfinder verkaufen sogar spezielle Blister-Öffner.

Wer im Elektromarkt mal eben eine Speicherkarte für die Digitalkamera kaufen will, fühlt sich ein wenig wie Bankkunden auf dem Weg zum Schließfach: Die Speicherkarten hängen in apfelsaftkartongroßen, durchsichtigen Kisten aus Hartplastik an der Wand.

Am Ausgang öffnet der Kassierer diese Kiste mit einem Spezialschlüssel und holt eine zweite, kleinere, luftdicht verschweißte Plastikverpackung heraus. Für die zahlt man weniger als für eine Pizza und steht vor einem Problem: Das Ding geht einfach nicht auf.

Diese Verpackungen heißen in den Vereinigten Staaten sehr treffend Blister-Pack. Blister wie Beule, Bläschen, Brandblase - und für Kunden sind diese Schweißverpackungen (so der deutsche Fachbegriff für diese besonders fiese Unterform der Sichtverpackung) ungefähr genauso nützlich wie Blasenbildung.

Weil beim Verpacken von Speicherkarten und ähnlichem Technik-Kleinkram in Blister-Packs die Vorderseite fest mit der Rückseite verschweißt wird, kann man diese Verpackung nicht wirklich öffnen - man muss sie zerstören. Und das geht nicht ohne Schere, Messer oder Schneidzange.

In solche Plastikhüllen stecken Elektronik-Hersteller wie Sandisk nicht nur die winzigen SD-Speicherkarten, sondern auch Technik-Zubehör wie Video-Konverter (siehe Fotostrecke). Warum? Sandisk lehnt es ab, Fragen zu den Blister-Verpackungen zu beantworten.

Speicherkarten-Anbieter Panasonic begründet die verschweißte Verpackung so: "Der Handel verlangt eine nicht zu öffnende Verpackung in einer Größe, die den Diebstahl der Karten erschwert. Ladendiebstählen soll so vorgebeugt werden." Denn, so Panasonic-Sprecher Michael Langbehn: "Je teurer der Artikel und je kleiner die Verpackung, desto höher die Diebstahlquote."

In der Tat sind SD-Speicherkarten ziemlich klein (3 x 2,5 Zentimeter etwa) - und die Schweißverpackungen im Vergleich ziemlich groß (12 x 15 Zentimeter zum Beispiel). Das sei für die Fachmärkte "der sicherste Schutz vor Diebstahl", erklärt Rantje Looft, Marketingchefin des Speicherkartenherstellers Transcend und argumentiert, dass davon auch die Käufer profitieren, weil "die Fachhändler nicht wegen hoher Diebstahlquoten ihre Preise erhöhen müssen."

Welches Technikärgernis nervt Sie? Schreiben Sie uns!
SPIEGEL ONLINE
Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in Technikärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail.

Und die Umwelt? 180 Quadratzentimeter Plastik-Verpackung für 7,5 Quadratzentimeter Speicherkarte? Ist eben so. Transcend hat nach eigenen Angaben seine Blister-Packs schon auf gut 100 Quadratzentimeter geschrumpft. 8 Zentimeter lang, 13 Zentimeter hoch - "noch kleiner geht nicht!", erklärt Marketingleiterin Looft. Denn: "Es müssen einfach gewisse Informationen enthalten sein, wie zum Beispiel gesetzliche und patentrechtliche Inhalte."

Billiger als Rasierklingen, aber in Plastik verschweißt

Nur: Warum diese Plastikpanzer, wenn die bei Elektromärkten ohnehin noch einmal in Schutzkästen stecken? Und abgesehen von diesem Doppelschutz: Inzwischen kosten die meisten SD-Speicherkarten so wenig wie Rasierklingen oder Akkus, die meistens in einfach zu öffnenden Verpackungen mit Papprücken angeboten werden. Eine Sandisk SD-Karte mit 4 Gigabyte kostete laut Geizhals.at vor einem Jahr beim günstigsten Onlinehändler 33 Euro - derzeit sind es etwa 8 Euro.

Zumindest für diese inzwischen so günstigen Karten versprechen einige Hersteller nun Besserung beim Verpackungsdesign. Panasonic kündigt zum Beispiel an, Speicherkarten irgendwann im nächsten Jahr anders zu verpacken: "Kleinere Verpackung, weniger Plastik, mehr recyclebare Pappe". Und Speicherkarten-Hersteller Transcend erklärt vage, dass die Entwickler schon an "Lösungen tüfteln, die beide Seiten zufriedenstellen - den Handel und den Endverbraucher."

Wie diese Lösung wohl aussehen könnte? Pappe vielleicht?

"Schmerzhaft und zeitfressend"

Solch eine Lösung hat in den Vereinigten Staaten der Online-Handelskonzern Amazon gefunden. Die Firma, die in Deutschland einige Speicherkarten in diebstahlsicherer Schweißverpackung verschickt (wer soll da die Karten stehlen?), hat im US-Vorweihnachtsgeschäft werbewirksam die Initiative " frustrationsfreie Verpackung" ausgerufen. Firmengründer Jeff Bezos beschrieb diese Aktion in einer E-Mail an Kunden mit viel Pathos, versprach, dem oft "schmerzhaften und zeitfressenden" Auspacken ein Ende zu machen.

Große Worte, simple Lösung: Bestimmte Speicherkarten und Spielsachen (19 Artikel insgesamt) verschickt Amazon nun auf Wunsch in Papp-Umschlägen oder -Schachteln an US-Kunden - ohne Plastikhülle. Im nächsten Jahr soll das auch bei Amazon-Seiten außerhalb der Vereinigten Staaten möglich sein.

Um die Zehntausend anderen Blister-Verpackungen zu öffnen, kann man aus einer großen Palette spezieller Blister-Öffner wählen ( Übersicht beim US-Testmagazin "Consumer Reports"). Warum eine Schere benutzen, wenn es für die Schweißverpackung so schöne Öffner gibt wie den Pyranna, den Ultimate Package Opener oder gar die 36-Volt-Elektroschere von Black & Decker?

Ein wunderbarer Gag gelang dem Hersteller des Blister-Öffners OpenX, die ihr Spezial-Werkzeug vor drei Jahren mit dem Spruch bewarben: "Öffnen Sie diese störrischen Plastikverpackungen ganz einfach!" - und dann den Öffner in einer eben dieser fest verschweißten Verpackungen verschickten. Immerhin stand darauf dieses Versprechen, wie das Technik-Blog BoingBoing zitiert: "Die letzte Verpackung, mit der Sie sich abmühen werden!"

Die Letzte? Vielleicht.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Verpackung: So fies klammern Sichtverpackungen

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: