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Technikärgernis Rückentext: Darum torkelt der Text auf DVD- und Buchrücken

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Mal von unten, mal von oben: Bei jedem Roman und jeder DVD läuft der Titel auf dem Rücken anders. Es gibt zwar Standards - aber niemand hält sich dran. Deshalb müssen Buchkäufer weiter die Köpfe vorm Regal hin- und herneigen - bis sie zusammenstoßen.

Wieder mal habe ich jemanden in der Buchhandlung umgerannt, diesmal vorm Regal mit den Reiseführern. Aber ich hatte diesmal nach ein paar Minuten betretenen Schweigens und Weiterstöberns nicht nur eine Entschuldigung, sondern die Erklärung: Wer hier auf den Buchrücken die Titel lesen will, muss ständig den Kopf mal nach links, mal nach rechts neigen – je nachdem, welches Buch da steht. Die Schrift läuft auf jedem Buchrücken anders, mal von unten nach oben (Kopf nach links), mal andersrum (Kopf nach rechts).

Wie soll man da noch auf etwas anderes (Menschen, Füße, Hindernisse) achten?

Ein kleines Ärgernis. Aber umso größer ist das Rätsel, warum nach ein paar Jahrhunderten Buchdruck ausgerechnet in Deutschland kein Beschriftungsstandard existiert. Oder steckt doch ein System hinter dem Beschriftungschaos auf Buch- und DVD-Rücken? Darüber diskutieren in Web-Foren immer wieder verdutzte Buchkäufer. Zum Beispiel auf einer Seite mit dem schönen Namen Fragenohneantwort. Die Klagen dort:

  • "Es ist ja noch komplizierter! Bei dicken Wältzern wird der Titel auch gerne mal horizontal auf den Rücken gedrückt. Beim Regal-Scannen pendelt der Kopf dann gezwungenermaßen nach rechts, dann links."
  • "Ich habe nicht direkt eine Antwort, aber mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied zwischen deutschen und englischen Büchern gibt."
  • "Bei Büchern, die im Regal stehen, ist unbedingt diejenige Anordnung am funktionalsten, die es uns ermöglicht, die Buchtitel in Übereinstimmung mit unseren normalen Lesegewohnheiten aufzunehmen, das heißt von links nach rechts und zeilenweise von oben nach unten."

Derart detaillierten Ausführungen zur Theorie des optimalen Buchrückens klingen merkwürdig - bis man selbst anfängt, Buchrücken zu untersuchen. Und das ist unvermeidlich, wenn einem das Chaos einmal aufgefallen ist - Buchrücken-Pedanterie. Ich suche seit Wochen das System hinter diesem Durcheinander, doch es gibt schlicht keines.

  • Angeblich laufen in Deutschland die meisten Titel auf Buchrücken von unten nach oben (Kopf nach links). Die Regel ist das aber nicht: Bei Reclam-Bändchen ist das zum Beispiel konsequent anders (Rückenschrift von oben nach unten), bei vielen Verlagen gibt es Ausreißer.
  • Völlig verwirrend ist die Beschriftung von Kunstbänden: Hier läuft der Titel auf dem Buchrücken häufig im angloamerikanischen Stil von oben - aber auch hier gibt es viele Ausnahmen - zum Beispiel beim Kunstbuchverlag Hirmer.

Das ganze Durcheinander kommentiert Verleger Rolf Nüthen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: "Es gibt in Deutschland keine Norm für die Beschriftung von Buchrücken, die Schrift läuft in vielen Fällen von unten nach oben; eine Erklärung dafür kenne ich nicht."

"Weltanschauliche" Debatte über Buchrückennorm

Weit mehr Gedanken zu dem Thema haben sich die Experten des Deutschen Instituts für Normung (DIN) gemacht - sie arbeiten sich seit etwa 50 Jahren an einer Buchrückennorm ab. Das erste Ergebnis erschien im Juni 1959 - ohne bindenden Standard. In jahrelangen Debatten über die Norm DIN 1429 hatten sich die betroffenen Verlage offenbar nicht einigen könne, wie die Schrift auf dem Buchrücken nun laufen soll. In den Erläuterungen der Norm schreiben die Verfasser:

"Die Auseinandersetzungen darüber haben geradezu weltanschauliche Formen angenommen. Auch der Ausschuss hat sich bei der Bearbeitung der Norm eingehend mit dieser Frage beschäftigt. Für beide Arten werden gute Gründe angegeben."

Der Ausschuss kapitulierte. Statt eines Standards gab man nur eine Empfehlung heraus, und zwar die, "den Rückentitel von unten nach oben laufen zu lassen". 20 Jahre später überlegte das Institut es sich anders und empfahl nun in einer überarbeiteten Norm, die Schrift auf dem schmalen Buchrücken "von oben nach unten" laufen zu lassen. Begründung: Das sei so "international, besonders im angloamerikanischen Sprachraum vorherrschend".

DIN versucht 50 Jahre lang, Buchrücken zu normieren

Einen weltweiten Standardisierungsversuch gab es dann noch: Das internationale Normungsinstitut ISO veröffentlichte im Dezember 1985 eine Buchrücken-Norm (6357). In der Einleitung steht das Offensichtliche: "Bücher und ähnliche Publikationen, die in Regalen eingestellt oder abgelegt werden, sind einfacher zu finden, wenn die Beschriftung der Rücken standardisiert ist." Auch die ISO-Vereinheitlicher empfehlen, dass die Schrift auf dem Buchrücken von oben nach unten läuft.

An diesen Grundsatz hält sich allerdings auch 23 Jahre später kaum ein Verlag. Das DIN hat inzwischen aufgegeben - die letzte Neufassung der Buchrückennorm wurde 2000 zurückgezogen. Seitdem gab es keinen neuen Vereinheitlichungsversuch.

DVDs-Rücken chaotischer als die Buchbeschriftung

Bei DVDs ist das Rückenchaos genauso groß, wie SPIEGEL-ONLINE-Leser Fabian Pingel beklagt: "Will man ein ordentliches Regal haben, bei dem alle Beschriftungen in die gleiche Richtung zeigen, muss man beim Rausnehmen die Hälfte der DVDs erst einmal herundrehen, um sich die Beschreibung auf der Rückseite durchzulesen."

Der Text auf dem DVD-Rücken läuft nicht nur von Filmstudio zu Filmstudio in verschiedene Richtungen - er wechselt zum Beispiel auch bei verschiedenen DVDs des Studios MGM, mal von unten nach oben ("Der Partyschreck"), mal andersrum ("Lord of War"). Die verantwortliche Marketing-Managerin Anne Leonhardi erklärt das ganz einfach: "Es gibt keinen Standard zur Beschriftung der DVD-Rücken bei 20th Century Fox Home Entertainment."

Daran hat einfach noch niemand gedacht.

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge Technikärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail.

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