Technikärgernis Schaltauge Dieses Metallplättchen legt Fahrräder still

Kleines Verschleißteil, große Wirkung: Reißt am Fahrrad das Schaltauge, wartet man schon mal Wochen auf Ersatz. Es gibt ein paar Hundert Varianten des Bauteils, manche sind lange nicht mehr lieferbar, andere nur nach vielen Wochen. Alternativen: schweißen, flexen, fräsen.


Der Fahrradärger begann ganz unspektakulär, auf einem asphaltierten Radweg in Hamburg ohne Schlamm, ohne Steigung, ohne Äste. Das Rad rollte ruhig dahin, plötzlich hakte die Schaltung. Knack. Kein Widerstand mehr in den Pedalen, irgendwas schleifte hinter dem Rad her. Kette gerissen? Nein. Ein Metallstück, groß wie ein Snickers-Riegel, war sauber in der Mitte durchtrennt, das Schaltwerk abgebrochen. Der gerissene Metallriegel, der es am Rahmen fixiert hat, heißt Schaltauge. Dieses unscheinbare Metallstück treibt Radfahrer regelmäßig in den Wahnsinn.

Denn es gibt für fast jeden Rahmen ein spezielles Schaltauge. Jedes hat eine leicht andere Form, ordnet die Gewinde ein wenig anders an. Die Folge: Solange man nicht das eine, einzig passende Ersatzschaltauge unter Hunderten von anderen als Ersatzteil bekommt, ist ein Fahrrad komplett unbrauchbar. Wegen eines Metallplättchens.

Auf mein Ersatzschaltauge warte ich inzwischen zwei Wochen. Bei Online-Shops fand sich kein Ersatz für mein Winora-Rad (süddeutsches Rad in Hamburg = schlecht!), bei Ebay auch nicht, bei Winoras Ersatzteiltochterfirma Wiener Bike Parts darf ich nicht bestellen – "nur für Fachhändler". Das Rad steht also in einer Werkstatt und wartet auf das Ersatzteil. Unterwegs soll es sein - aus Schweinfurt. Das dauert offenbar.

Die Staubsaugerbeutel des Sports

Zwei Wochen! Der einzige Trost in dieser Wartezeit sind die Horrorgeschichten über Schaltaugendebakel in Mountainbike- und Rennrad-Foren. Es könnte ja alles noch viel schlimmer sein. So zum Beispiel:

  • "Ich versuche schon seit fast zwei Monaten in Braunschweig ein Schaltauge für mein MTB zu bekommen."
  • "Ich suche auch schon länger ein neues Schaltauge für einen acht bis zehn Jahre alten Gary Fischer Z2 Y-Rahmen. Werd gleich mal ein Bild machen. Vielleicht kann jemand helfen."
  • "Alternativ kann man selber was dranschweißen oder ein neues Ausfallende einlöten lassen (mit Lackierarbeit verbunden) - da muss der Rahmen schon was wert sein".
  • "Einfach dickes Blech ranschweißen und M10x1 reinschneiden - Gewindeschneider sind ja nicht so teuer."

Schaltaugen scheinen die Staubsaugerbeutel des Sports zu sein. Die Modellvielfalt ist unüberschaubar. In der schönen Übersicht "Schaltaugen 1999 bis 2006" ( pdf) zählt der Hamburger Radbauer Stevens zum Beispiel für manche Radmodelle innerhalb von fünf Jahren drei verschiedene Schaltaugentypennummern auf. Ein netter Hinweis am Rande: "Im Zweifelsfall überprüfen Sie bitte die Form des Schaltauges an Hand der Fotos auf der separaten Seite."

Warum die Schaltaugen so variieren? Stevens-Manager Volker Dohrmann: "Je nach Rahmen-Produzent und Konstruktion ist oft ein eigenes Schaltauge im Einsatz." Wenn die Firma also einen anderen Rahmen für ein Modell verwendet, gibt es neue Schaltaugen. Man gebe sich aber Mühe, die Vielfalt zu reduzieren und die Ersatzteile für mindestens zehn Jahre lang lieferbar zu halten. Dohrmann: "Es ist richtig, dass das Schaltauge ein oft benötigtes Ersatzteil ist und die Beschaffung je nach Fahrradhersteller eine rasche oder langwierig-mühselige Angelegenheit sein kann."

Gute Idee, miserable Umsetzung

Das Aberwitzige daran: Nur vergleichsweise teure Fahrräder haben überhaupt auswechselbare Schaltaugen. Der Ansatz ist durchaus kundenfreundlich: Wer einen teuren Rahmen hat, will den wohl kaum nach ein paar Jahren wegwerfen, weil er verzogen ist. Ohne Schaltauge könnte das passieren. Zum Beispiel, wenn irgendetwas (Äste, Mauern, der Boden beim Sturz) gegen das Schaltwerk schlägt und das verbogene Schaltwerk in die Speichen gerät. Das Schaltauge wirkt dann als Sollbruchstelle.

Kundenfreundlich wäre das, wenn man tatsächlich Ersatz für dieses Plättchen erhielte und darauf nicht ein paar Wochen warten müsste. Das Schaltaugen-Kuddelmuddel erschwert das natürlich ein wenig – welcher Händler wird schon alle Modelle auf Lager haben? Man weiß ja nicht einmal, wie viele es überhaupt gibt.

Das weiß nicht einmal Michael Schuh, obwohl der Fahrradhändler einen auf Schaltaugen spezialisierten Webshop betreibt. Wie viele Ausführungen dieses Metallplättchens es gibt? Schuh: "Hunderte bestimmt, kann ich nicht genau beziffern." Er hat in seiner Werkstatt über die Jahre eine Sammlung angelegt. Immer wenn er für eine Reparatur ein neues Schaltauge besorgte, kaufte er noch eins extra fürs Lager und fotografierte es.

Mech hanger, Forcellino, Schaltauge

Die britische Schrauberwerkstatt Betd hat daraus sogar ein internationales Geschäft gemacht: Das Unternehmen baut selbst Schaltaugen nach. Gut 160 Modelle sind im Angebot, die Preise in Dollar, Euro und Pfund ausgezeichnet – offenbar kaufen hier Radler aus der halben Welt Schaltaugen nach. Die Produktbeschreibung klingt entsprechend: "Mech hanger, derailleur hanger, Forcellino, Schaltauge - call them what you want."

Aber warum gibt es davon so viele? Technische Gründe hat das wohl kaum, urteilt Schaltaugenhändler Michael Schuh. Ein paar unterschiedliche Basisausführungen seien technisch bedingt, bei einem Rennrad etwa seien Abstand und Höhe des Schaltwerks zur Hinterachse anders als bei einem Mountainbike. Schuh: "Solche Unterschiede geben die Hersteller von Schaltwerken vor, da müssen die Rahmenbauer die Schaltaugen anpassen. Aber diese echten technischen Unterschiede erklären vielleicht fünf verschiedene Modelle von Schaltaugen."

Taiwan entscheidet, wie Schaltaugen aussehen

Und die anderen gefühlten 10.000 Modelle? Es gibt keinen internationalen Schaltaugenstandard – das erklärt zumindest die Unterschiede zwischen den verschiedenen Radbauern. Allerdings wechseln bei Firmen wie Stevens Schaltaugentypen ja nicht nur zwischen den einzelnen Modellen, sondern sogar zwischen Herstellungsjahren. Die plausibelste Erklärung dafür hat Radaugenhändler Schuh: "Rahmen werden in Taiwan gefertigt, nach Vorgaben zum Preis und zum Aussehen und so weiter. Wenn plötzlich ein Zulieferer einen außergewöhnlich guten, günstigen Rahmen anbietet, greifen Hersteller natürlich zu. Wie Schaltaugen auszusehen haben, ist da nachrangig."

Konrad Lischka
berichtet als Netzwelt-Redakteur über Technik, verzweifelt privat an Schaltaugen, Aufzügen, Feststelltasten und Handtrocknern, schreibt nun auch darüber Texte. Hier: Fehlfunktion.
Ähnlich erklärt Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad - einer Art Interessenverband der Fahrradindustrie - die Vielfalt.

Die Zulieferer würden oft für verschiedene Marken Rahmen bauen, dabei entweder die Schaltaugen angleichen oder "aus Patent- und Geschmacksmusterschutzgründen" das Gegenteil tun: "Durch Veränderung für mehr Unterscheidbarkeit sorgen." Radexperte Fehlau: "Beides passiert nicht selten, ohne dass die Marken darüber im Vorfeld informiert werden."

Angesichts dieses Durcheinanders klappt die Versorgung mit Ersatzteilen meistens sogar recht gut, muss sogar Schaltaugenhändler Schuh zugeben. Probleme gebe es vor allem "bei exotischen, auch teuren Rahmen, bei älteren Modellen und auch mal, wenn man das Ersatzteil bei einer Werkstatt in einer Gegend kaufen will, wo der Hersteller nicht so stark vertreten ist".

So wie bei meinem süddeutschen Winora-Fahrrad in Hamburg. Wenn diese Woche kein Ersatz-Schaltauge kommt, kaufe ich mir ein Hollandrad. Ohne Schaltauge.

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge Technik-Ärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail.



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