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Technikärgernis Signalverzögerung: Digitales Deutschland jubelt deutlich später

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Bei der EM ist alles noch schlimmer als bei der WM: Schon 2006 nervten die verzögerten Fernsehbilder übers digitale Antennen-TV ganz Deutschland. Digital-TV dominiert nun auch bei Kabel und Satellit. Die Signalverzögerung lässt das einheitliche Live-Erlebnis verschwinden.

Bei jedem EM-Tor geht diese akustische La-Ola-Welle durch mein Viertel: Erst jubeln die Öffentlichgucker am Heiligengeistfeld, dann die Gäste beim Italiener unten und zuletzt, aber am lautesten, mein Nachbar. Es scheint, dass er sich für alle Teams freut - in gleicher Lautstärke und immer zu spät. Wenn sein Gebrüll einsetzt, sehe ich dann meist auch das Tor - ein paar gefühlte Sekunden später als alle anderen Hamburger da draußen.

Torjubel: Wer die älteste Technik hat, freut sich zuerst
DPA

Torjubel: Wer die älteste Technik hat, freut sich zuerst

Diese Signalverzögerung war schon bei der WM ein Problem – Deutschland jubelte asynchron, wie SPIEGEL ONLINE schrieb. Zwei Jahre technologische Entwicklung später scheint das Problem bei dieser EM aber nicht kleiner, sondern größer geworden zu sein: In meiner Nachbarschaft höre ich vier Jubelfraktionen, ein Kollege berichtet ganz entsetzt, dass ihm die Zuschauer im Restaurant gegenüber jedes Tor mit ihrem Gejubel ankündigen, bevor er etwas davon sieht. Dabei habe er doch einen Kabelanschluss, das war doch bei der WM der schnellste Empfangsweg.

Nur wird heute das Signal des Kabelfernsehens von vielen Anbietern auch digital übertragen. Für allen Übertragungswege gibt es inzwischen Digital-Standards:

  • Antenne (DVB-T)
  • Satellit (DVB-S)
  • Kabel (DVB-C)

Verzögerungs-Chaos ist heute größer denn je

Über Antenne und Satellit bekommt man heute fast nur noch digitale Fernsehsignale. Aber diese Modernisierung der Übertragungstechnik hat dem Live-Erlebnis geschadet statt genützt. Bei der WM war schon zu beobachten, dass das digitale Fernsehsignal über Antenne (DVB-T) die Fußballbilder deutlich später übermittelte als das analoge Kabelsignal.

Heute ist die Digitaltechnik im Fernsehbereich viel weiter verbreitet.

Nun wäre denkbar, dass alle Digitalgucker mit mehr Verzögerung schauen als zuvor. Der Vorteil: Wenn alle später die Tore mit derselben Verzögerung mitkriegen, merkt das keiner.

Aber so funktioniert das nicht bei modernen Übertragungsstandards. Im Gegenteil: Das Verzögerungsdurcheinander ist heute größer denn je.

Sven Hansen, Redakteur für Videotechnik beim IT-Fachmagazin "c't" beurteilt die Lage so: "Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto weiter entfernen wir uns von einem einheitlichen Live-Erlebnis. Bis aus den digitalen Signalen ein Livebild wird, vergeht nicht nur deutlich mehr Zeit als beim alten Analogsignal - es vergeht vor allem bei jeder Geräte-Anbieter-Kombination ganz unterschiedlich viel Zeit."

Denn bei digitalen Signalen beeinflussen sehr viele Faktoren die Verzögerung. Es beginnt bei den Fernsehsendern. Einige wenige arbeiten vollständig digital, zum Beispiel das ZDF. Andere, wie die ARD, müssen analoge Signale vor dem Einspeisen noch konvertieren. Dadurch kommt je nach Übertragungsart noch eine Verzögerung dazu.

Analog-Kabel ist heute manchmal langsamer

Und die Empfangsgeräte beim Zuschauer arbeiten alle die digitalen Signale noch einmal um - egal, ob das nun digitale Antennen-, Kabel- oder Satellitensignale sind. Die Daten werden entpackt, gepuffert, Algorithmen zur Fehlerkorrektur laufen ab - je nach Gerät geht das unterschiedlich schnell.

Das Ergebnis laut Hansen: "Welche Empfangsart am schnellsten, sozusagen am livesten ist, lässt sich heute nicht mehr pauschal sagen." Der Kollege zum Beispiel, der überzeugt vom Geschwindigkeitsvorteil des Kabelfernsehens war, irrte. Bei der vorigen WM galt noch: Analoges Kabelfernsehen überträgt am schnellsten. Heute empfängt man analoge Signale fast nur noch über das Kabel.

Mit dem Radio raus aufs Land zum Live-Erlebnis

Aber die sind nicht mehr am schnellsten. Denn viele Kabelkopfstationen empfangen heute die Fernsehsignale nicht per Direkteinspeisung, sondern wandeln digitale Satellitendaten um und geben die dann analog ins Kabelnetz. Fachredakteur Hansen: "Dann ist der Geschwindigkeitsvorteil natürlich verloren, den haben nur komplett analog arbeitende Verteilstellen."

Fazit: Mit der ältesten Technik jubelt man wahrscheinlich als erster. Und wer keinen Uralt-Analog-Kabelanschluss mit komplett analoger Kopfstation hat, muss fürs überzeugendste Live-Erlebnis zum Öffentlichgucken – die Menschenmasse wird schon jeden verfrühten Freudenruf abblocken.

Oder man fährt mit einem Radio (und Ersatzbatterien!) raus, weit weg von allen Fernsehern, Großleinwänden und Kabelkopfstationen, an einen möglichst einsamen See und hört sich das Spiel im Radio an.

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