Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Techno-Punk: Roboter foltern eigenen Bandleader

Von

Blechbläser, Drummer, Flying-V-Gitarrist: In der Band "Captured! By Robots" machen Maschinen die Musik. Nur Sänger Jay Vance ist menschlich - und wurde von der Band prompt versklavt. Unlängst feierten die Monster-Musiker mit Freak-Faktor zehnjähriges Jubiläum.

Dunkel ist's auf der Bühne, nur die glubschigen Glühlampenaugen mehrerer Roboter starren dräuend ins Publikum. Ein Zwei-Meter-Riese aus Altmetall und Bremskabeln bedient eine überlebensgroße Flying-V-Gitarre. Die Musik oszilliert zwischen Pop, schmalzigem Soul und Hardcore-Punk. Drei weitere Droiden, allesamt kopflos, staksen auf mechanischen Stelzenbeinen durchs Dunkel, aus ihren Bäuchen quellen Blechblasinstumente.

Maschinenband "Captured! By Robots", Sänger Vance im Sado-Maso-Kostüm: "Die Roboter sagen, ich sehe so besser aus"
Snapcult

Maschinenband "Captured! By Robots", Sänger Vance im Sado-Maso-Kostüm: "Die Roboter sagen, ich sehe so besser aus"

Inmitten der apokalyptischen Musik-Maschinen steht ein Mensch mit Sado-Maso-Maske und singt einen Song von Tom Jones. "It's not unusual to be loved by anyone", gröhlt er durch die Maske ins Mikrofon: Es ist nicht ungewöhnlich, von jemandem geliebt zu werden. Es sei denn, man ist das einzige menschliche Mitglied einer angeblich Menschen hassenden Roboterband, möchte man ergänzen.

Die Band heißt "Captured! By Robots", der Mensch Jay Vance, das Vermarktungskonzept "Roboter foltern ihren eigenen Bandleader", und das Publikum delektiert sich daran. Der aus San Francisco stammende Musiker macht Krach auf einer Keyboard-Konsole mit angebautem Gitarrenhals, hat einen Abschluss in Musik an der DePaul University in Chicago, redet über sich selbst am liebsten im königlichen "Wir" und fährt einen VW-Bus mit Hybridantrieb.

Vance ist eine Art Charlie Hunter im Techno-Punk-Gewand. Hunter passt seine Instrumente an die eigenen Anforderungen an, Vance bastelt sich gleich ganze Musiker. Das Resultat der Bastelei möchte man eher in der Kantine des Todessterns ansiedeln als in einem muffigen Kellerloch in San Francisco: Tamburin spielende Gorillas, Tom-Tom spielende Metallkräne, vierarmige Puppenmonster.

Entstanden ist diese Bizarrerie so: Einst spielte Vance in einer Ska-Band namens Skankin' Pickle. 1997 hatte er genug davon, ständig Musiker-Kollegen an Sex, Drogen und Tagelöhnerjobs zu verlieren. Nach und nach tauschte er die Musiker mit menschlichen Unzulänglichkeiten gegen bionische Bandkollegen aus.

Cyberpunk aus dem Schlafzimmer

Den ersten Musik-Droiden schraubte der Musiker aus San Francisco im eigenen Schlafzimmer zusammen. Aus Fahrradketten, Keilriemenscheiben, Schalthebeln und Altmetall schuf er sich seinen persönlichen Star-Gitarristen, einen Schrotthaufen mit hydraulischen Fingergelenken, und nannte ihn "Gtrbot666". Nach und nach verwandelte Vance den Schrotthaufen in ein 2,13 Meter großes Ungetüm mit vier Händen, das gleichzeitig Gitarre und Bass spielen kann.

Parallel dazu verschraubte und verlötete Vance eine Basedrum, eine Snaredrum, ein Becken, mehrere Fahrrad-Bremskabel und Fußpedale zu einem primitiven Schlagzeug, setzte eine finster dreinblickende Puppe mit vier Metallarmen aufs Drum-Podest und taufte das mechanische Ungetüm auf den Namen "Drmbot0110".

Vance attestiert seinem Maschinentrommler eine entfernte Verwandtschaft zu Rolands legendärem Drum-Computer 808. "Die beiden sind so etwas wie küssende Kusinen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Allerdings ist 'Drmbot0110' zu Dingen fähig, von denen Roland808 nur träumen kann - zum Beispiel die Menschheit zu zerstören."

Musik-Befehle aus dem "Motherfuckerboard"

Die ersten Shows von "Captured! By Robots" glichen noch dem Auftritt einer One-Man-Band, die gleichzeitig Marionettentheater spielt: Vance kontrollierte seine Musikmaschinen weitgehend selbst, zog die Bots an Strippen über die Bühne, sprang wie wild auf Dutzenden von Fußpedalen herum, über die er die mechanischen Arme von "Drmbot0110" bewegte, spielte parallel dazu selbst mal Gitarre, mal Keyboard und schrie in ein Clipmikrofon, das er mit Klebeband über seinem Mund befestigt hatte.

Auf die Dauer war Mensch das zu anstrengend. Der Musiker ließ sich von allerlei Maschinenbauern beraten und verpasste seiner mechanischen Menagerie künstliche Intelligenz. Aus drei Computern zimmerte er eine Schaltzentrale zusammen und verkabelte diese mit seinen Musikmaschinen. Über den Zentralrechner, den Vance "Motherfuckerboard" zu nennen pflegt, konnte er der Roboterband dann Befehle erteilen.

Einzelne Sequenzer-Spuren sagen den Bots genau, mit welchem Hydraulik-Arm sie wie auf welchem Fell herumtrommeln sollen, welches pneumatische Fingergelenk welche Powerchords zu greifen hat. "In den letzten zehn Jahren habe ich über hundert Songs in den Sequenzer eingespeist", sagt Vance.

Wie die Übersetzung von Musik in Bewegungen genau funktioniert, bleibt Vances Geheimnis. "Ich kann nur soviel sagen: Ich habe sowohl die Software als auch die Roboter selbst gebaut." Ohnehin behauptet Vance, dass nicht er die Maschinen kontrolliere, sondern sie ihn. In der fiktiven Bandbiografie kann man nachlesen, wie die renitenten Roboter ihren menschlichen Schöpfer unterjochten: Eines Nachts, als er schlief, habe der heimtückische "Gtrbot666" ihm einen "biozelebralen Chip" hinters Ohr eingepflanzt, klagt Vance. Mit diesem sei es den Maschinen nicht nur möglich, ihm Befehle zu erteilen, sondern auch, ihn zu foltern.

Roboter, die ihr Publikum anpöbeln

Seit dem Mikrochip-Vorfall heißt Jay Vance nach eigenen Angaben "J-Bot", ist dazu verdammt, eine Sado-Maso-Maske und ein T-Shirt mit aufgeklebtem Kunst-Gedärm zu tragen und bekommt von den bösen Bots Elektroschocks verpasst, wodurch er sich schlotternd über die Bühne bewegt. "Die Roboter sagen, ich sehe so besser aus", sagt Vance. "Sie sind böse. Sie hassen mich und alle Menschen."

Dieser abgrundtiefe Hass macht sich auch live bemerkbar: Vor allem "Gtrbot666" und "Drmbot0110" beschimpfen und beleidigen zwischen den Songs ausdauernd das Publikum. Die Hasstiraden auf der Bühne haben durchaus Methode: "Das ultimative Ziel einer jeden Live-Show ist es, die Grenzen zwischen Mechanischem und Menschlichen zu verwischen", sagt Vance. "Wenn die Roboter das Publikum beschimpfen, und das Publikum schimpft zurück, dann weiß ich, dass die Menschen die Maschinen als real ansehen."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Rockendes Altmetall: Die Bandmitglieder von Captured! By Robots

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: