Textgenerator Mit Nonsens-Paper zur Fachtagung

Drei Studenten haben eine seriöse Wissenschaftskonferenz vorgeführt. Sie bewarben sich mit einem Artikel, den eine Software automatisch generiert hatte und wurden als Referenten akzeptiert. Jetzt haben sie ihren Auftritt auf Video dokumentiert.

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Einstein-Double in Aktion: Seriöser Wissenschaftler?

Einstein-Double in Aktion: Seriöser Wissenschaftler?

Mit der künstlichen Intelligenz ist das so eine Sache. Computer können zwar Unmengen Daten speichern und wahnsinnig schnell rechnen, an manchen intellektuellen Aufgaben scheitern sie jedoch nach wie vor kläglich. So zu tun, als seien sie intelligent - das beherrschen Computer aber mittlerweile ganz gut.

Das wussten auch Jeremy Stribling, Max Krohn und Dan Aguayo, drei Informatik-Studenten am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), als sie eine Software zum Generieren wissenschaftlicher Artikel entwickelten. Kein völlig aussichtsloses Unterfangen - in vielen Publikationen wird zu den immer gleichen Schlagwörtern und Phrasen gegriffen. Lange, mitunter holprige Sätze gelten als Ausweis von Seriosität.

Es kann doch nicht so schwierig sein, den Sound solcher Texte zu imitieren, sagten sich die drei, und entwickelten SCIgen, eine Software zum automatischen Erzeugen von Nonsens-Texten, die irgendwie nach einem wissenschaftlichen Erguss klingen - Abbildungen und lange Literaturliste inklusive.

In dem Text geht es um Informatikthemen, klar, da kennen sich die MIT-Studenten besonders gut aus. Auf der Homepage des Projekts kann jeder SCIgen selbst ausprobieren: Einfach einige Namen in das Webformular eintragen, den "Generate"-Button drücken und fertig ist das Informatik-Paper.

Spaßvögel vom MIT: Wissenschaftsbetrieb vorgeführt

Spaßvögel vom MIT: Wissenschaftsbetrieb vorgeführt

Anfang des Jahres reichten die drei zwei ihrer Nonsens-Texte zur Prüfung für die 9. World Multi-Conference on Systemics, Cybernetics and Informatics ein. Einer trägt den bizarren Titel: "Rooter: A Methodology for the Typical Unification of Access Points and Redundancy".

Dass es sich um eine unsinnige Arbeit handelt, ist offensichtlich. Doch die Arbeit wurde prompt akzeptiert, am 13. April bekamen die Spaß-Wissenschaftler eine Bestätigung per E-Mail, dass die Arbeit "non-reviewed", also ungeprüft, angenommen wurde. Unterzeichnet wurde die Nachricht von Professor Nagib Callaos.

Doch der Streich von Stribling, Krohn und Aguayo blieb nicht geheim, auf Slashdot wurde bereits am selben Tag, dem 13. April, über die Geschichte berichtet. So bekamen auch die Organisatoren der IT-Konferenz Wind von der Sache und zogen die Zulassung des Papers einen Tag später zurück. Er schäme sich nicht für den Fauxpas, schrieb Professor Callaos in einer E-Mail. Unter dem hohen Zeitdruck sei es bei Konferenzen üblich, dass ein gewisser Teil der eingereichten Arbeiten ungeprüft angenommen werde. Der Joke-Artikel sei drei Wissenschaftlern zugesandt worden, diese hätten sich jedoch nicht rechtzeitig dazu geäußert.

Lachanfall bei der Präsentation: Zufällig generierte Paper doch so interessant?

Lachanfall bei der Präsentation: Zufällig generierte Paper doch so interessant?

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Ermutigt von dem Anfangserfolg wollten die drei MIT-Studenten ihr Projekt weiter durchziehen und meldeten sich auf eigene Kosten zur Konferenz an, die vom 10. bis 13. Juli in Orlando (Florida) stattfand. Die Organisatoren nahmen die Anmeldung jedoch nicht an.

Schließlich sammelten Stribling, Krohn und Aguayo Spenden im Web zusammen, um sich im Konferenzhotel einen Raum zu mieten, um ihren Vortrag unabhängig vom offiziellen Programm halten zu können. Binnen drei Tagen kamen 2400 US-Dollar zusammen - das reichte sogar für ein kleines Imbissangebot, wie das jetzt veröffentlichte Video der drei Studenten zeigt.

Ihr Auftritt geriet trotzdem zum Desaster: In den gemieteten Konferenzraum verirrte sich offenbar nur ein Zuhörer, der sich die Vorträge mit zufällig generiertem Präsentationsinhalt anhören wollte. Einer der Studenten hatte sich extra als Albert Einstein verkleidet.

Auf der Rückfahrt sagte einer der drei resigniert: "Wir müssen unser Projekt noch mal neu überdenken." Es habe sich herausgestellt, dass der Markt für zufällig generierte "Paper" doch noch nicht so weit sei. "Die Leute wollen vielleicht doch etwas mit Substanz hören."

Könnte stimmen.



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