Therapie per PC Bloggen gegen Alzheimer?

Kann man das Gedächtnis auslagern? Lässt es sich trainieren oder stützen, indem man am PC arbeitet, schreibt, protokolliert? In Computertechnik als Lern- und Therapiemittel werden einige Hoffnungen gesetzt. Auch in der Therapie gegen das Vergessen spielt der PC bereits eine Rolle - trotz bisher nur durchwachsender Resultate.

Von Mario Gongolsky


Alzheimer-Therapie: Mit Tönen und optischen Reizen soll hier eine positive Stimmung erzeugt werden
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Alzheimer-Therapie: Mit Tönen und optischen Reizen soll hier eine positive Stimmung erzeugt werden

Stuhl, Blume, Krone, Teller. Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende, degenerative und unheilbare Gehirnstörung, von der nach aktuellen Schätzungen 1,2 Millionen Menschen in der Bundesrepublik betroffen sein dürften. Mit dem Verlust der Erinnerung verlässt den Erkrankten schlussendlich seine eigene Identität.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Krankheit eher auf einer Gruppe von miteinander verbundenen Störungen als auf einem einzelnen Leiden beruht. Alzheimer erzeugt eine Art Plaque aus Eiweißklumpen, die sehr wahrscheinlich für den Untergang von Hirnzellen verantwortlich ist. Bei einer Risiko-Disposition innerhalb der Familie gibt es keine präventive Behandlung und für bereits Erkrankte keine Heilung.

Die Therapie befasst sich heute vor allen Dingen mit einer Verlangsamung des Krankheitsverlaufs. Neben Medikamenten setzt die Medizin dabei vor allen Dingen auf eine Förderung vorhandener Fähigkeiten durch Kunst- und Musiktherapie oder Gedächtnistraining. Beim Gedächtnistraining für Alzheimer-Patienten wird der PC schon heute eingesetzt. Die Erfahrungen sind allerdings eher unbefriedigend.

"Viele solcher Rehabilitations-Programme, die mit komplexer werdenden Szenen arbeiten, an die sich der Patient nachher erinnern soll, erscheinen mir untauglich", dämpft Lutz Frölich, Leiter der Abteilung Gerontopsychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, überzogene Hoffnungen. "Die Übungen sind zu stereotyp und die Überforderung der Patienten erzeugt Frustrationen", so der Professor.

Keine Einzelmeinung übrigens: "Unsere PC-Erfahrungen mit Alzheimer-Patienten sind ausgesprochen ernüchternd", räumt auch Sönke Paulsen, Oberarzt der Gedächtnisambulanz an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Gießen ein. Deshalb wird Gedächtnistraining am PC dort nur noch bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen ohne Demenz angewandt.

Gehirn-Jogging als Vorsorge?

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen legt im Ergebnis einen Zusammenhang zwischen geistiger Aktivität und dem Risiko einer Demenzerkrankung nahe. In einer jüngst veröffentlichten Studie der Case-Western-University in Cleveland/Ohio waren Menschen, deren berufliche Tätigkeit zwischen den 20. und 50. Lebensjahr weniger geistig fordernd war, demnach überdurchschnittlich häufig von einer Alzheimer-Erkrankung betroffen. Im offiziellen Presseorgan amerikanischer Neurologen, dem "Neurology", erklärt Wissenschaftlerin Kathleen Smith: "Es könnte sein, dass eine höhere geistige Beanspruchung zu einer erhöhten Aktivität der Gehirnzellen führt, die hilft, eine Reserve von Gehirnzellen zu erhalten, die den Auswirkungen einer Alzheimer-Erkrankung standhält."

Der PC ist kaum zu gebrauchen

Das klingt gut und danach, dass sich mit dem PC vielleicht doch so einiges anfangen lassen könnte. Laden nicht gerade die neuen "Tagebuch"-Formen, die im Web als "Blogs" verbreitet werden, dazu ein, im therapeutischen Einsatz gegen Alzheimer eingesetzt zu werden - als eine Form der "ausgelagerten Gedächtnisstütze"?

Alzheimer-Experte Lutz Frölich: Vom PC als Therapiehilfe wenig angetan

Alzheimer-Experte Lutz Frölich: Vom PC als Therapiehilfe wenig angetan

Doch bloggende Alzheimer-Patienten, die jede Tätigkeit in Ihrem Weblog notieren und jederzeit zur eigenen Kontrolle nachlesen können, ob man die Tabletten heute genommen und die Blumen bereits gegossen hatte, sind eher die Ausnahme. Das dürfte vor allem an der abstrakten und lebensfernen Bedienung heutiger Computer liegen: "Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, ist der PC der Alzheimer-Erkrankung wenig angemessen", urteilt Professor Frölich und gibt zur Tagebuch-Idee zu bedenken, dass bei fortschreitender Krankheit "das Vergessen einfach vergessen wird".

So ist die Arbeit am PC und das Führen eines Online-Tagebuchs eher eine Strategie für gesunde Personen: "Durch die Erhöhung intellektueller Herausforderungen kann eine Modifikation an den Risikofaktoren erreicht werden", bestätigt Lutz Frölich, die gleichwohl nicht als Schutz vor einer Erkrankung verstanden werden kann.

"Die Idee, dass durch Web-Tagebücher die kognitive Situation von Alzheimer-Patienten verbessert werden könnte, ist in Einzelfällen nachvollziehbar", glaubt dagegen Dr. Paulsen aus Gießen. Die Biografiearbeit ist zum Beispiel ein fester Bestandteil der Selbst-Erhaltungs-Therapie (SET), die in vielen Rehabilitationseinrichtungen und Tageskliniken bereits zur Anwendung kommt: "Durch rechtzeitige Biografiearbeit sollen möglichst viele bedeutsame Erinnerungen auch bei fortschreitender Erkrankung für die Patienten äußerlich verfügbar gehalten werden. Dieser Ansatz hat aber keinen Bezug zu Internet und PC."

Zukunftsaussichten ungewiss

Noch die Ausnahme: Senioren im Internet. Künftige "Alte" werden den PC reflexhaft beherrschen
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Noch die Ausnahme: Senioren im Internet. Künftige "Alte" werden den PC reflexhaft beherrschen

Noch nicht möchte man meinen, denn die Probleme, die der Computereinsatz in der Alzheimer-Therapie mit sich bringt, sind ein Problem der heutigen Alzheimer-Generation, die nur zu einem sehr geringen Teil mit der Arbeit am Computer konfrontiert war. Alzheimer-Patienten haben bereits in einem frühen Stadium ausgeprägte Schwierigkeiten, neues Wissen aufzunehmen. Nutzbar sind unter Alzheimer-Einfluss im Grunde nur Fertigkeiten und Kenntnisse, die zeitlebens hoch "überlernt" worden sind. Erst in etwa 20 Jahren ist eine Patienten-Generation zu erwarten, denen der Umgang mit dem PC in Fleisch und Blut übergegangen ist.

"Untersuchungen an Demenzkranken haben gezeigt, dass selbst sechs bis acht Bedienschritte für Demenzpatienten eine Handlungsbarriere darstellen", erläutert Rainer Kaschel, Wissenschaftlicher Leiter der Gedächtnisambulanz an der Uniklinik Gießen skeptisch, ohne aber der Arbeit am PC eine Absage für die Zukunft zu erteilen: "Erkrankte Schach- und Skatspieler bleiben hingegen recht lange selektiv leistungsfähig."

Möglicherweise, so schätzt Gedächtnisexperte Kaschel, ergibt sich nach der Feststellung einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, kurz MCI), die als relevanter Risikofaktor etwa zehn bis 20 Jahre vor einer Demenz auftauchen kann, ein Fenster, in dem solche Fertigkeiten noch erfolgreich vermittelt werden könnten.

Erinnerungsnetz 2025

Das Bloggen gegen Alzheimer ist also noch eine Vision. Optimistische Schätzungen sagen 2,5 Millionen Demenzkranke für das Jahr 2050 voraus, pessimistische Stimmen sehen die Zahl bereits 2030 durchbrochen. Gut möglich, dass sich schon etliche Jahre vorher verblassende Lebenserinnerungen online verbreiten und das Internet unversehens zum größten Biografieprojekt der Menschheitsgeschichte wird.

Mit welchen vier Begriffen begann dieser Beitrag doch gleich?



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