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Überwachung bei den Briten: Kameras sprechen mit Kinderstimmen

Von Khuê Pham

In Großbritannien wird es bald flächendeckend Überwachungskameras geben, die nicht nur spitzeln, sondern auch sprechen - mit Kinderstimmen. Kritiker fürchten den Siegeszug der elektronischen Wächter: "Wir leben in einem Überwachungsstaat."

4,2 Millionen Überwachungskameras behalten in Großbritannien die Bevölkerung immer im Auge. Jetzt werden sie gesprächig: Sie sollen flächendeckend - wie George Orwells spitzelnde und sprechende Teleschirme in "1984" - durch Lautsprecher zu redenden Kameras aufgerüstet werden.

Schon seit August 2006 ermahnen neun von diesen "Talking CCTVs" die Menschen im nordenglischen Middlesbrough, wenn sie Müll liegen lassen, Streit anzetteln oder Verbrechen begehen. Das Pilotprojekt gilt aufgrund von gesunkenen Abfall- und Randaleraten als Erfolg. Die Regierung hat daher im April eine 500-Millionen-Pfund-Großoffensive (733 Millionen Euro) zur Verbreitung der sprechenden Kameras in weiteren 20 Gemeinden gestartet. Das zuständige "Respektkommando" ("Respect Task Force") hat bei dieser Operation vor allem die Kinder im Blick - sie sollen den sprechenden Kameras ihre Stimmen leihen.

Auf Kinderstimmenfang

Per Posterwettbewerb an Grundschulen - als "Preis" dürfen die Gewinner Parolen für die Kameras vertonen - gehen die Respekt-Propagandisten auf Kinderstimmenfang. Gleichzeitig laufen die technischen Vorbereitungen für den Start der "Talking CCTVs" Ende Mai. "Wir wollen die Menschen daran erinnern, was respektvolles Verhalten ist und was nicht", erklärt Respekt-Leiterin Louise Casey, "Und wir ermutigen Kinder, den Erwachsenen eine klare Botschaft zu senden: 'Wer sich anti-sozial verhält, muss eine öffentliche Blamage hinnehmen.’"

Im Südlondoner Problembezirk Southwark, wo 13 der 130 Kameras mit Lautsprechern und Sprechanlagen aufgerüstet werden sollen, bereitete man die Kinder bei einer Straßenparade im April schon mal auf ihre erzieherische Rolle vor: Als Abfall verkleidet, ermahnten sie die Passanten, ihren Müll immer schön in die Tonne zu werfen. Alles sehr emanzipatorisch, findet CCTV-Kontrolleur Ian Gentry. "Indem wir die Gemeindemitglieder einbeziehen, geben wir ihnen die Macht, für Ordnung zu sorgen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Nachgerade bizarr ist, was Kristianah Fasunloye vom Ostlondoner Bezirksamt Barking und Dagenham zu ihren 16 künftig sprechenden Kameras sagt: "Wir werden Kinderstimmen wegen ihres Schockeffekts benutzen." Straßenverschmutzer würden einfach effektiver von Kindern ermahnt. Allerdings würde der Trick nicht in allen Situationen funktionieren, so Fasunloye zu SPIEGEL ONLINE, bei schlimmeren Übeltätern müssten schon die Kameraoperateure das Wort ergreifen.

500 Millionen Pfund für Überwachungskameras

Ob die groß angelegte Aktion tatsächlich den gewünschten Effekt haben wird, ist allerdings zweifelhaft. Laut einer Studie der Behörde des Informationsbeauftragten von 2006 ("Surveillance Society") wurde in den letzten zehn Jahren vom Staat allein 500 Millionen britische Pfund in CCTV-Infrastruktur investiert - ohne einen Nachweis, dass mehr Überwachung zu weniger Kriminalität führt. Eine Studie des Innenministeriums von 2005 ergab, dass die Kameras weder die Verbrechensquote verringerten noch das Sicherheitsgefühl der Menschen steigerten. "CCTV kann nicht als Erfolg bezeichnet werden", folgerten die Autoren, "es hat viel Geld gekostet ohne die gewünschten Vorteile gebracht zu haben."

Auch die Verbalattacken der sprechenden Kameras werden im Kampf gegen die Kriminalität keine wirkungsvolle Waffe sein, glaubt Liberty-Sprecherin Jen Corley. "Indem sie die CCTVs technisch immer weiter entwickelt, gibt sich die Regierung den Anschein der Verbrechensbekämpfung", sagte sie SPIEGEL ONLINE, "in Wirklichkeit handelt es sich aber um technische Mätzchen." Sinnvoller wäre es, stattdessen in Polizeipatrouillen oder Straßenbeleuchtung zu investieren, die nachgewiesenermaßen die Kriminalität reduzieren. Die Kameras dagegen seien hauptsächlich zur Beweissammlung zu gebrauchen.

Die Massenüberwachung sei zudem problematisch, da sie die Privatsphäre der Menschen erheblich einschränke, fügt Corley hinzu. Zusammen mit geplanten Datensammlungsprojekten der Regierung wie dem biometrischen Pass und der Bürgerdatenbanken befürchtet sie eine gesellschaftliche Veränderung, die eine "Nation von Verdächtigen" schaffen könnte.

"Wir sind ein Ü berwachungsstaat"

Auch der englische Informationsbeauftragte Richard Thomas findet die "exzessive Überwachung" sehr problematisch. Anfang des Monats plädierte er für strengere Richtlinien im Datenschutz, um die Privatsphäre und Sicherheit des Einzelnen zu gewähren. Es könne sonst "zu einer unnötigen Invasion in das Leben der Menschen zum Verlust der persönlichen Autonomie kommen", sagte er und warnte, dass sich das Land andernfalls zu einer Überwachungsgesellschaft entwickeln könnte.

"Wir sind jetzt schon ein Überwachungsstaat", widerspricht der Informationswissenschaftler der London School of Economics, Simon Davies. Laut einer YouGov Umfrage vom letzten Jahr sieht das die große Mehrheit - 79 Prozent der 1979 Befragten - genau so. "Unsere Regierung ist besessen von CCTVs und wird nicht eher halt machen, bis auch das letzte Fleckchen in Großbritannien von Kameras bewacht wird", sagte Davies SPIEGEL ONLINE. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland, wo man die Installation jeder Kamera rechtfertigen müsse, herrsche auf der Insel zunehmend eine Mentalität der "Standard-Beobachtung".

Allerdings wächst auch der Widerstand. Davies erzählt von Bauern, die mit ihrem Truck die Kameramasten wegreißen oder Aktivisten, die die Linsen der elektronischen Augen besprühen. "CCTV-Vandalismus ist ein ernsthaftes Problem für die Behörden geworden", sagt Davies nicht ohne Genugtuung. "Inzwischen gibt es sogar Kameras, die ausschließlich andere Kameras überwachen."

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