UKW-Radio in der Krise Erlösung durch Massenverschrottung

Spätestens 2015 soll der analoge in digitalen Hörfunk umgewandelt werden. Der Technikstandard dafür steht allerdings noch nicht fest. Sicher ist nur, dass rund 300 Millionen UKW-Empfänger zu Elektroschrott werden.

Von Helmut Merschmann


Es klingt wie ein schlechter Witz von Radio Eriwan: Voraussichtlich im Jahr 2015 - nach dem Willen der EU sogar schon 2012 - soll der Hörfunk komplett digitalisiert werden. Die in deutschen Haushalten befindlichen fast 300 Millionen UKW-Geräte würden mit einem Mal zu Elektroschrott. Sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Radiobetreiber sehen in diesem Befreiungsschlag die einzig verbliebene Chance. Ihnen laufen nämlich die Hörer in Scharen davon, vor allem die jungen.

Digitalradio (Pure evoke-3): Sender hoffen auf neue Erlösquellen mit neuer Technik

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Bei den 14- bis 29-Jährigen hat es in den letzten Jahren drastische Einbrüche in der Hörergunst gegeben. Die Nutzung in dieser Altersgruppe sank von 81 auf 73 Prozent. Podcasts und auf jeden nur erdenkbaren Musikgeschmack spezialisierte Internetradios - aber auch MP3-Player und Computerspiele machen dem klassischen Radio zunehmend die jungen Hörer streitig. Nicht länger wird Hörfunk als im Hintergrund dudelndes Tagesbegleitmedium genutzt, als „Durchhörfunk“, sondern zunehmend selektiv. Oder eben gar nicht mehr.

Daher treten die Sender die Flucht nach vorne an. Selbst das Deutschlandradio, wo bis auf Hörspiele und Musiksendungen alle Programme als Audio-on-demand im Internet oder als Podcast vorliegen, macht durchweg gute Erfahrungen mit digitalen Angeboten. Im Oktober 2006 betrug dort der Audio-Download 1,2 Millionen Titel, zugleich zählte man 173.000 Podcast-Abonnenten. Intendant Ernst Elitz erkennt in der „Aufgabe von Linearität sogar einen Gewinn“. Die teils aufwendigen Produktionen seines Senders könnten auf diese Weise zeitversetzt „nachgehört“ werden.

Kommt der Big Bang?

Schon lange ist die Digitalisierung des Hörfunks im Gespräch. Bloß galt immer eine radikale Umstellung wie beim digitalen Fernsehen (DVB-T) als ungleich weniger populär. Welcher Abgeordnete will seinen Wählern schon erklären, dass seine Radiogeräte mit einem Mal nur noch Schrottwert haben? Gleichwohl schrecken Medienpolitiker und vor allem Radiomacher vor einem „Big Bang“ nicht mehr zurück. So nennt Hans-Dieter Hillmoth, Radiovorsitzender im Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), den radikalen Transfer aller vorhandenen analogen Hörfunkangebote ins digitale Spektrum. Allein auf Seiten der Länder regt sich Widerstand.

Private Radiobetreiber dagegen sehen vor allem lukrative Vorzüge in Mehrwertdiensten wie dem Download von soeben gehörter Musik, Erlösen aus 49-Cent-Nummern, Musik-Merchandising oder Pay-Radio. Auch Fotodienste und Videostreams für neuartige digitale Empfangsgeräte werden mit DMB oder DVB-H-Empfängern möglich. Auf die Konsumenten kommt eine verwirrende Vielzahl neuer Technologien zu. Die meisten betreiben ihr Radiogerät auf einer einmal eingestellten Frequenz. Dass digitales Radio längst per Satellit oder im Kabelnetz zu empfangen ist, wissen sie oft nicht. Mal ganz zu schweigen vom Technologie-Flopp DAB (Digital Audio Broadcast), dem Transrapid des deutschen Äthers. In den zehn Jahren seiner offiziellen Existenz nahmen geschätzte 100.000 Hörer an diesem kostspieligen Experiment teil.

2008 droht DAB nun das Aus. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) hat sich in einem „Konzept für den digitalen Rundfunk“ für die Einführung des Standards MPEG 4 AAC+ ausgesprochen, womit das herkömmliche DAB (MPEG 2 Layer 1) ausgedient hätte: „Die DLM erwartet, dass sich die Codierungs- und Übertragungsstandards in Zukunft ständig verbessern werden. Dies hat zur Folge, dass sich Hörer darauf einstellen müssen, Radiogeräte immer wieder zu erneuern.“

Format-Wirrwarr droht

Und das sieht so aus: Die Nachfolgetechnologie DMB (Digital Multimedia Broadcasting) soll die vorhandene DAB-Infrastruktur, in die viel Geld investiert wurde, nutzen. Auch DVB-H (Digital Video Broadcast Handheld), das auf den Fernsehstandard DVB-T aufsattelt und vornehmlich mit "Handy-TV" in Verbindung gebracht wird, erweist sich als hörfunktauglich und vermag, ebenso wie DMB, neben Audio- auch Videosignale zu verarbeiten. Gleichfalls auf dem Handy, bislang allerdings nur auf wenigen Geräten der Marke Nokia, ist UMTS-Radio zu empfangen, das sich den breitbandigen Mobilfunk zunutze macht.

Außerdem steht mit DRM ( Digital Radio Mondiale) ein weltweiter Digitalrundfunk für die Lang-, Mittel- und Kurzwelle bereit, der aber selbst in Medienfachmärkten gern mit dem Digital Rights Management verwechselt wird. Und zu guter Letzt versucht man augenblicklich mit der Hybridtechnologie DxB (Digital Extended Broadcasting) in einem Modellversuch der Fraunhofer Gesellschaft, DMB mit DVB-T zu versöhnen. Alles klar?

Schon ist abzusehen, wer bei diesem Wettbewerb und der forcierten Deregulierung der Dumme ist: eindeutig der Konsument. Er könnte aufs falsche Pferd setzen, auf eine Technologie, die sich am Markt nicht behauptet. Das Ganze erinnert fatal an den Formatstreit beim Video zu Beginn der achtziger Jahre, als sich das technisch schlechteste System – VHS – durch Marktmacht und -manipulation durchsetzen konnte. „Wir alle wissen nicht, was der Hörer akzeptieren wird“, heißt es dazu von Seiten der privaten Radiobetreiber, „deshalb favorisiert der VPRT, dass die Gerätehersteller alle Techniken einbauen“.

Beim Machtgerangel zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkbetreibern, die sich augenblicklich um Frequenzen und Kapazitäten im digitalen Spektrum streiten, spielt der Hörer keine große Rolle, höchstens als Käufer. Die Digitalisierung des Hörfunks ist politisch gewollt, und wenn sie in weniger als zehn Jahren erfolgt, sitzen die heute Verantwortlichen wohl nicht mehr auf ihren Posten. Medienpolitik ist eben selten Verbraucherpolitik. An eine notwendige Entscheidung über eine künftige kardinale Übertragungstechnologie beim Hörfunk traut sich wohl niemand heran.



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