Unkenruf Die Mega-Manie

Dem Handy von heute fehlt noch die Rasiererfunktion, ansonsten kann es fast alles: Videos drehen, Fernsehbilder zeigen, MP3s abspielen, Fotos machen und wohl auch telefonieren. Was will man noch, was will man mehr - oder lieber weniger?

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Allgegenwärtige Alleskönner: Internet, Fotos, Film, Fernsehen, MP3, Radio...
DDP

Allgegenwärtige Alleskönner: Internet, Fotos, Film, Fernsehen, MP3, Radio...

Was ist dieses kleine silberne Ding eigentlich für ein Gerät? Das vorgebliche Telefon besitzt 92 MB Speicher, nimmt bis zu 100 Minuten Daumenkino auf, verfügt über eine TV-Funktion und eine Fünf-Megapixel-Kamera. Natürlich ist der MP3-Player integriert, und neben zahlreichen Telefonfunktionen übernimmt das Ding natürlich auch Organizer-Aufgaben. Beeindruckend.

Ein Triumph der Miniaturisierung, keine Frage: Was technisch möglich ist, stampfen die Hersteller mittlerweile in ihre Handys hinein. Das jugendliche Segment des Marktes dankt es ihnen in einem Maße, dass Foto-Handys an immer mehr öffentlichen wie nichtöffentlichen Orten verboten werden müssen - die Gründe reichen von Voyeurismus bis Industriespionage.

Noch wartet die Welt auf Handys, mit denen man sich rasieren, die Haare schneiden, Pizzas aufwärmen oder Popkorn produzieren könnte. Doch lang kann das nicht mehr dauern: In einer Warenwelt, in der Handys ihre Grundfunktion (zur Erinnerung: gemeint ist Kommunikation) längst perfekt beherrschen, kann man sich von der lieben Konkurrenz nur noch durch Funktionsvielfalt und Design absetzen.

Noch fehlen Studien darüber, wie groß die Minderheiten wirklich sind, die sich noch durch die kryptische Menüführung moderner Handys hindurchfinden. Wer sich da allerdings mühelos orientiert, ist meine Tochter: Die ist 13 Jahre alt und weiß zum Beispiel, wie sie mit ihrem Vodafone-Prepaid-Handy in wenigen Minuten vier Euro versenken kann, ohne anzurufen, bewusst irgendetwas abzurufen oder zu verschicken. Sie "surft" einfach im Handymenü herum, ohne das etwas Bemerkenswertes passiert. Nachher ist die funkelnagelneue, ungebrauchte Prepaid-Karte von 15 auf 11 Euro zusammengeschnurrt. Vielleicht ist sie in den WAP-Dienst hineingestolpert, ohne das zu bemerken. So einfach ist das.

Technisch ein absoluter Knaller: Samsung-Handy SCH-S250 mit fünf Megapixel-Kamera
REUTERS

Technisch ein absoluter Knaller: Samsung-Handy SCH-S250 mit fünf Megapixel-Kamera

So was kann auch schnell passieren, wenn man Bilder per Handy verschickt, so genannte "MMS". Weil die Kunden zwar Knipsen wie die Berserker, dann aber knausern und die Bilder nicht verschicken, haben inzwischen fast alle Anbieter ihre Preise gesenkt.

Im Tarifdschungel: In Wahrheit ist alles viel teurer

Weiland kostete der Bildversand bei fast allen angeblich 59 Cent, wenn man das Kleingedruckte wie gewohnt überlas. Dort hätte man lesen können, dass sich dieser Preis auf den Versand von 30 Kbyte kleinen Briefmarken bezog. Jetzt verlangen zum Beispiel T-Mobile und Vodafone dafür nur noch 39 Cent, was den Versandpreis eines pixeligen, typischen Handy-Bildes von miesester Qualität auf preisreduzierte 0,99 Euro hebt. Prepaid ist natürlich noch mal teurer.

So etwas macht man natürlich nicht mit den neuen Megapixel-Kameras: Deren Bildresultate werden immer besser, und zumindest in Sachen Dateigröße können sie längst mit den Bildern aus Digitalkameras mithalten. Die absolute Größe eines Bildes hängt natürlich von dessen Komprimierung ab - allerdings auch seine Qualität. Staucht man ein 5-Megapixel-Bild genügend, lassen sich ganz ähnlich schlechte Ergebnisse erzielen wie mit einer der noch üblichen Handy-Knipsen im 0,6-Megapixel-Segment.

Das will man natürlich nicht und verpasst dem 5-Megapixelbild folglich eine Komprimierung, die es bei Pi mal Daumen 1,2 MB landen lässt. Die zu verschicken würde in einem deutschen Handynetz wohl schlapp fünf Euro kosten, was man als Preistransparenz interpretieren könnte: ein Euro pro Megapixel?

Keine Angst, so weit kommt es nicht: Natürlich ist es bisher völlig unmöglich, so große Bilder als MMS über deutsche Handynetze zu verschicken. Schluss ist bei 300 Kbyte, die man problemlos mit einem 1-Megapixel-Kamerahandy erreicht. Macht ja nichts, Bilder verschickt eh fast niemand (siehe oben), also was soll's?

Und zwar in jeder Hinsicht. So beeindruckend die technischen Leistungen sind, der Machbarkeitswahn der Industrie beginnt zu nerven. Fünf, zehn oder fünfzig Megapixel hin oder her: Die bloße Größe und Auflösung des Bildes ist doch kein Qualitätsmerkmal. Aus einer Mikro-Linse lässt sich nur ein Bild von begrenzter Güte kitzeln, ab einem bestimmten Punkt erhält man statt kleiner schlechter Bilder halt große schlechte Bilder. Das ist, als würde man Smart-Autos mit Heckspoilern und Dragster-Rädern verkaufen.

Ein Schritt vor, zwei zurück: Wachsende Abhängigkeit

Ganz ähnliches ließe sich natürlich über viele andere Hightech-Geräte sagen. Wer braucht schon den Mega-Rechner von der Stange, der mit diversen Brennern, ultragroßen Festplatten, superschnellen Prozessoren und riesigen Grafikchips bestückt ist? Viel besser und billiger wäre es, rechnet das Computermagazin "c't" in seiner aktuellen Ausgabe schlüssig vor, wenn man sich ganz individuell einen Rechner zusammenstellen ließe. Dann kostet der nützliche Spaß vielleicht nur 400 Euro, statt für viel unnützen Spaß gleich 1000 und mehr zu bezahlen.

Das elektronische "AFIL" des Citroen C5 schüttelt den Fahrersitz, wenn Sensoren in der Wagenschürze  das Überfahren von längst laufenden Spurmerkmalen feststellen: Mehr Sicherheit oder werbewirksames Gimmick?

Das elektronische "AFIL" des Citroen C5 schüttelt den Fahrersitz, wenn Sensoren in der Wagenschürze das Überfahren von längst laufenden Spurmerkmalen feststellen: Mehr Sicherheit oder werbewirksames Gimmick?

Der volkswirtschaftlich ohne Zweifel fruchtbare Trend zu immer neuen, schnelleren, größereren, kleineren, immer aber aufwändigeren Systemen zieht sich quer durch unsere Technikwelt. Selbst hartnäckige Schrauber haben längst vor dem gekapselten Motorblock moderner Autos kapituliert, dessen elektronische, zunehmend digitale Steuerungselemente durchaus nicht alle sinnvoll sind, immer aber prestigeträchtig.

Dafür kommt es jetzt nicht mehr zu leicht identifizierbaren Fehlfunktionen wie - beispielsweise - durchgebrannten Verteilerkappen, sondern zu Systemabstürzen, die von Fachleuten mit Spezialequipment erst umständlich diagnostiziert werden müssen. Ist das wirklich Fortschritt?

Unsere gerade einmal drei Jahre alte Spülmaschine haben wir gerade hinausgeworfen, weil sich die durchgebrannte digitale Steuereinheit für eine lächerliche Pumpe als teurer erwies als eine neue Maschine. Herr, wirf Hirn vom Himmel!

Dabei ist gerade die Hightech zu oft vordergründig billig.

Handys, Computer, Kameras, DVD-Player: Die Industrie wirft uns Kunden viele Hightech-Geräte subventioniert oder querfinanziert und fast kostenfrei hinterher. Doch auch das ist eine Täuschung: So zahlen wir den Hightech-Wettlauf der Handy-Industrie über noch immer viel zu teure Gesprächs-Tarife am Ende ja doch. Da wäre weniger manchmal wirklich mehr. Wo bleibt eigentlich der Netzbetreiber, der ein "Aldi"-Netz mit entsprechenden Handys und Preisen anbietet?

Die Geräte könnte man sich etwa so vorstellen: Sie wären klein und hinreichend schick und verfügten über Menüs für WAP, UMTS und alles, was man heute so haben sollte. Natürlich funktionierte all das nicht, was aber nicht auffallen würde, weil die Zielgruppe, für deren Eitelkeit und Prestige der Besitz solcher Sachen äußerst wichtig ist, sie sowieso nicht bezahlen kann (siehe oben: Tochter, 13 Jahre).

Alles, was sie will, ist ein schickes kleines Handy, mit dem man telefonieren und SMS versenden kann, ohne dabei in zehn Minuten das Taschengeld der Woche zu verheizen. Genau an diesem Punkt aber sind wir offenbar an den Grenzen der (marketing-) technischen Möglichkeiten angelangt. Schade aber auch.



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