USA Online-Casinos geht es an den Kragen

Wenn es um die Volkskrankheit Glücksspiel geht, kennen die USA keinen Cyberspace. Sonst oft Verfechter von Narrenfreiheit im neuen Medium, verteidigt der Internet-Staat seine Grenzen gegen Online-Poker.


Der Ton der Pressemitteilung aus dem Büro des New Yorker Generalstaatsanwalts war triumphierend: "Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer hat einen Präzedenzfall gegen ein Internet-Spielcasino in Antigua gewonnen. ... Der Richter hat entschieden, dass die World Interactive Gaming Corporation (WIGC) sowohl Bundes- als auch Landesspielgesetze gebrochen hat."

Glücksspiel: Auch im Internet wollen die Regulatoren mitreden
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Glücksspiel: Auch im Internet wollen die Regulatoren mitreden

Der Richter war Charles E. Ramos vom New Yorker Verfassungsgericht. In der Urteilsbegründung führte er an, der Website-Betreiber WIGC von der Karibikinsel Antigua habe "ein virtuelles Casino im Computerterminal der Benutzer" und damit auf New Yorker Boden errichtet. Die Eröffnung eines Casinos in New York bedürfe jedoch der Zustimmung der Behörden. WIGC habe sich daher strafbar gemacht. Die Botschaft des Richters ist eindeutig: Wer New Yorker zum Spielen um Geld anstiftet, der muss damit rechnen, in New York verurteilt zu werden. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Server im Ausland steht.

Der Urteilsspruch vom vorletzten Freitag ist das letzte Beispiel der kompromisslosen Haltung von US-Behörden, wenn es darum geht, die Bürger vor vermeintlicher Spielsucht und Bankrott zu bewahren. Glücksspiel ist nur in manchen Bundesstaaten und dort nur in autorisierten Casinos erlaubt. Doch seit es Online-Casinos gibt, die meist auf irgendeiner Karibikinsel registriert sind, hat der Staat die Kontrolle darüber verloren, wo seine Bürger spielen. "Spielen im Internet ist eine neue Form der Unterhaltung für zu Hause und fürs Büro", sagt Sue Schneider, Präsidentin des Interactive Gaming Council (IGC). Der IGC ist die internationale Vereinigung der Online-Spielindustrie.

Das New Yorker Urteil war ein erster Sieg des Staates über die Industrie. Der Generalstaatsanwalt sprach sofort von einem Präzedenzfall. "Dies ist eine wichtige Entscheidung für Staatsanwälte in New York und in der Nation", sagte Spitzer. Der IGC stimmte dieser Einschätzung zu, warnte jedoch gleichzeitig vor den fatalen Folgen des Urteils: "Wenn die Entscheidung von Richter Ramos in der Berufung gewinnt, dann könnte jedes Dorf, jede Stadt, jeder Bezirk und jeder Bundesstaat in Amerika die Rechtsprechung im Internet an sich ziehen. Eine Firma, die Geschäfte übers Internet machen will, müsste dann darauf vorbereitet sein, sich vor jedem Gericht des Landes zu verteidigen", sagte Vizepräsident Albert Angel am Samstag.

Für Staatsanwalt Joel Michael Schwarz ist das genau der gewünschte Abschreckungseffekt. "Wir sind hier, um den Verbraucher zu schützen. Denn der verliert letztendlich, wenn er in einer völlig ungeregelten Umgebung spielt. An wen wendet er sich, wenn er von Antigua aus betrogen wird?", sagt Schwarz, der die Internetabteilung in Spitzers Büro leitet. Er ist zuversichtlich, das Online-Glücksspiel eindämmen zu können. Die Staatsanwälte seien inzwischen landesweit gut koordiniert, und auch auf Bundesebene gingen die Dinge voran: Eine Gesetzesvorlage, der sogenannte "Internet Gambling Prohibition Act", habe bereits das Senatskomitee für Justizfragen passiert und müsse nur noch vom Senat verabschiedet werden. Die Vorlage ist ein Update des bestehenden "Wire Acts", der schon vor dem Internetzeitalter die Verbreitung von Spielinformationen über Telefonleitungen verbot.

In Sprache wie Methoden sind die US-Regulatoren nicht zimperlich. Der "Internet Gambling Prohibition Act" beispielsweise fordert schwammig das Recht der "extraterritorialen Rechtsprechung" für die USA. Und wenn es ganz praktisch darum geht, Online-Poker von US-Bürgern fernzuhalten, dann fackeln sie nicht lange: "Wir können einfach die Pointer manipulieren und so die Website vom Verkehr abschneiden", sagt Schwarz.

Andere glauben jedoch, dass die etwa 300 existierenden Online-Spielhöllen längst gewonnen haben. "Das Urteil wird kaum eine Auswirkung auf den Markt haben. Alle diese Fälle zementieren bloß den Trend, dass die Internet-Spielbetreiber sich außer Reichweite der US-Regierung begeben", sagt Sue Schneider. Sie sieht Selbstregulierung der Industrie als einzige Lösung. Der IGC hat erste Schritte in diese Richtung unternommen: So sollen diejenigen Casinobetreiber ein Gütesiegel ("Seal of Approval") erhalten, die dem Verbraucher einheitliche Standards bieten. Auch eine Datenbank baut der IGC auf, um Probleme wie Betrug und minderjährige Spieler in den Griff zu bekommen.

"Es ist wichtig zu erkennen, dass man das Internet selbst nicht regulieren kann, aber dass man die Spielprodukte regulieren kann und sollte - genau wie in der wirklichen Welt. Hintergrundchecks, Tests und die Kontrolle von Spielen, das muss alles angesprochen werden", sagt Schneider. Australien sei bereits dabei, eine regulierte Umgebung zu schaffen. Langfristig sei nur eine internationale Lösung denkbar - und das Internetland Amerika sollte besser auf den Zug aufspringen. Denn: Die Online-Spielindustrie "wird ein langes erfolgreiches Leben führen, trotz der Verbotsversuche in den USA. Wir haben das bereits früher in diesem Jahrhundert mit Alkohol probiert, und (das Verbot) wurde zurückgenommen, weil es die Nachfrage nicht stoppte. Stattdessen schaffte es eine Unterwelt. Diese Prohibition wird das gleiche Schicksal erleiden", prophezeit Schneider.



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